Krebsklinik-Skandal in Marburg: Lebensretter ohne Chance

Von Matthias Bartsch, Frankfurt am Main

Für mehr als 100 Millionen Euro ist an der Marburger Uni-Klinik ein Zentrum für innovative Krebstherapie aufgebaut worden - doch die Ionenstrahl-Kanone, Kernstück der Anlage, wird gar nicht genutzt. Zu teuer, sagt der private Betreiber. Jetzt droht der Skandalfall zu eskalieren.

Krebstherapie: Marburger Strahlenzentrum wird geschlossen Fotos
Siemens

Marburg - Für den Hamburger Mediziner Jochen Dahm-Daphi, 57, klang die Stellenausschreibung wie eine Einladung in die Zukunft der Krebstherapie: "Zum nächstmöglichen Zeitpunkt" hatte die Marburger Philipps-Universität eine Professur für Strahlenbiologie zu besetzen. Der Posten versprach leitende Mitarbeit an einem der weltweit spannendsten und modernsten Hightech-Projekte der Krebsmedizin: die Bestrahlung von Tumoren mit schweren Kohlenstoffionen.

"Weltweit steht diese innovative Therapieform Patienten und Forschern nur dreimal zur Verfügung", sagt Dahm-Daphi: Zwei Zentren dieser Art gebe es in Japan, ein weiteres in Heidelberg. Nun sollten noch in Marburg und Kiel zwei weitere dieser Großanlagen folgen. Die dort erzeugten Ionen- oder Partikelstrahlen sollen deutlich zielgenauer und wirkungsvoller sein als die bisher üblichen Röntgenstrahlen. Allerdings brauchen die sündhaft teuren Geräte etwa so viel Platz wie ein Fußballfeld und so viel Strom wie eine Kleinstadt.

Und so kam es, dass die Anlage derzeit - und wohl auch in der absehbaren Zukunft - nicht zur Behandlung von Krebspatienten eingesetzt wird. Der private Klinikbetreiber Rhön-Klinikum AG, der das Universitätsklinikum Marburg im Jahr 2006 gekauft hatte, hatte kein Interesse am Betrieb der teuren Stahlenkanone. Der eigens dafür eingestellte Experte Dahm-Daphi konnte bisher nicht einmal Experimente mit Zellkulturen unter dem Ionenstrahl durchführen. Nun will er dagegen klagen - und auch das Land Hessen macht Druck.

Keine Forschung, keine Therapie

Dahm-Daphi hatte für den neuen Job seine Professur für Strahlentherapie an der Hamburger Uni-Klinik aufgegeben. Seit Februar 2011 darf sich der Krebsexperte nun Direktor des Instituts für Strahlenbiologie und molekulare Radioonkologie am Partikeltherapiezentrum Marburg nennen. Er durfte Mitarbeiter einstellen, bekam helle Laborräume zugewiesen und ein schickes Büro im neuen Teilchenbeschleuniger-Gebäude, aus dem er nun durch bodentiefe Fenster auf den idyllischen Wald der Marburger Lahnberge schauen kann. Ansonsten haben Dahm-Daphi und seine Leute allerdings bis heute nicht viel zu tun in dem riesigen Neubau.

Ein paar Dutzend Siemens-Leute werfen den energiefressenden Ringbeschleuniger regelmäßig an und erzeugen jenen superschnellen Partikelstrahl, von dem sich nicht wenige Krebsmediziner erhebliche Behandlungserfolge versprechen. Denn der Strahl gibt seine Energie fast komplett in einem räumlich eng begrenzten Bereich ab. Das davor- und das dahinterliegende Gewebe bleibt, anders als etwa bei Röntenstrahlen, weitgehend unbeschädigt. Die Erfahrungen an der bereits laufenden Anlage in Heidelberg sowie an einer früheren Versuchsanlage bei der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt zeigen, dass sich dieser Strahl deshalb vor allem zur Behandlung von Krebsgeschwüren an besonders sensiblen Stellen eignet, also etwa bei Hirntumoren.

Die Privatisierung brachte das Ende

Seit Mitte 2011 hätten Patienten in Marburg mit dem Gerät behandelt und weitere potentielle Einsatzgebiete des Ionenstrahls erforscht werden können. Der monströse Ring-Beschleuniger im hinteren Teil des imposanten Gebäudes auf den Lahnbergen treibt die aus Wasser- und Kohlenstoff erzeugten Atome mit Hilfe von ultrastarken Elektromagneten zuverlässig bis auf etwa drei Viertel der Lichtgeschwindigkeit. Dann kann der Teilchenstrahl in einen von vier Behandlungsräumen geleitet werden, in denen die Patienten abgeschirmt hinter meterdicken Betonwänden liegen. Zwei hochmoderne Computertomografen helfen dabei, die Lage und Größe der Tumore, zu denen der Strahl mit Hilfe einer hochkomplexen Steuerung geführt werden soll, exakt zu bestimmen.

Technisch funktioniert das bereits seit über einem Jahr - und doch wird die Anlage weder für die Behandlung von Patienten noch zur Krebsforschung genutzt. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen, die seit sechs Jahren in Marburg Priorität haben: Die dortige Universitätsklinik wurde 2006 zusammen mit der Uni-Klinik Gießen vom Land Hessen an den privaten Klinikbetreiber Rhön-Klinikum AG verkauft. Es war die erste und bislang einzige Privatisierung einer Uni-Klinik in Deutschland. Die Rhön-Klinikum AG hatte damals den Bau des Teilchenbeschleunigers im Gegenwert von 107 Millionen Euro als Teil des Kaufpreises versprochen. Aber just in dem Moment, als die riesige Strahlenkanone fertig war, hatte das Unternehmen schon kein Interesse mehr daran. Denn es stellte sich heraus, dass dort bei weitem nicht so viele Patienten behandelt werden können, wie die Kaufleute bei Rhön geplant hatten.

Rhön hat sich verkalkuliert

Mehr als 2500 Krebskranke könnten pro Jahr durch das Partikeltherapiezentrum geschleust werden, hatte die Rhön AG vor Baubeginn kalkuliert - das waren auch in etwa die Zahlen, die der Hersteller Siemens allzu optimistisch versprochen hatte. Durch weitere Verbesserungen im Ablauf ließen sich die Behandlungskosten pro Patient im Laufe der Zeit auf etwa 16.000 Euro drücken, rechneten die Rhön-Leute 2005 in einem internen Schreiben vor. Da die Krankenkassen derzeit etwa in Heidelberg knapp 20.000 Euro für die Ionentherapie bezahlen, wäre das ein gutes Geschäft für die Rhön-Klinikum AG gewesen.

Allerdings mussten die Siemens-Techniker inzwischen eingestehen, den Mund zu voll genommen zu haben. Der Einstellung des feinen, energiereichen Strahls auf verschiedene Wirkungstiefen beim Patienten ist weitaus komplizierter und zeitraubender, als die Techniker dachten. Maximal bis zu 1000 Patienten pro Jahr wären technisch möglich, rechneten die Strahlenforscher in Marburg im vergangenen Jahr hoch. Ihre Kollegen in Heidelberg wollen die Kapazität ihrer ähnlichen Anlage zwar noch auf bis zu 1200 Patienten jährlich steigern. Aber mehr sei wohl auf absehbare Zeit nicht drin, räumen sie ein. Bei solchen Zahlen lege man bei jedem Patienten Tausende Euro drauf, beklagte ein Rhön-Mann im vergangenen Jahr. Da könne man sich leicht ausrechnen, wann das börsennotierte Unternehmen pleite sei.

Den Wissenschaftlern in Heidelberg, einer vom Land Baden-Württemberg getragenen Uni-Klinik, ist diese rein betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise fremd. Schließlich müsse es an einer Universitätsklinik doch auch um den medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt gehen, sagte Thomas Haberer, der Technische Direktor der dortigen Ionenstrahl-Therapiezentrums bereits vor einem Jahr dem SPIEGEL. So soll in Heidelberg beispielsweise untersucht werden, ob sich mit der Ionenstrahltherapie etwa auch bei Lungen- und Prostatatumoren signifikant bessere Behandlungsergebnisse erzielen lassen als mit bisherigen Methoden.

Land Hessen fordert 107 Millionen Euro zurück

Die Heidelberger Forscher hatten gehofft, auch aus Marburg einschlägige Studien zu der Technologie zu erhalten. Doch der dafür eingestellte Experte Dahm-Daphi konnte bisher nicht einmal Experimente mit Zellkulturen unter dem Ionenstrahl durchführen - und wird dies voraussichtlich auch in Zukunft nicht können. Die Rhön AG hat die komplette Anlage bereits im vergangenen Jahr für 86 Millionen Euro an Siemens zurückgegeben. Die Behandlung von Patienten sei in Marburg nicht mehr vorgesehen, dafür habe sein Unternehmen ohnehin keine Zulassung, sagt ein Siemens-Sprecher. Was nach Abschluss der technischen Versuche mit der Anlage geschehe, sei "spekulativ".

Möglicherweise passiert dasselbe wie in Kiel: Die dortige Schwesteranlage, ebenfalls von Siemens errichtet und Ende 2011 fast fertiggestellt, wird inzwischen schon wieder abgebaut und "eingelagert", wie es bei Siemens heißt. Auch in Kiel wurde der Rückbau vor allem betriebswirtschaftlich begründet: Mit 20.000 Euro pro Patient lasse sich die energiehungrige und personalintensive Anlage nicht kostendeckend betreiben, hieß es.

Der Strahlenforscher Dahm-Daphi hat angekündigt, die ihm versprochenen Forschungsmöglichkeiten am Teilchenbeschleuniger jetzt vor Gericht einzuklagen. Und auch die Landesregierung macht Druck: Die Rhön AG habe sich mit dem Kauf der Uni-Klinik schließlich vertraglich verpflichtet, das Partikeltherapiezentrum bis Ende 2012 nicht nur zu errichten, sondern auch zu betreiben, beklagt die hessische Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). Sollten die Klinikbetreiber ihren Verpflichtungen nach Kooperationsvertrag nicht nachkommen, sehe sie sich gezwungen, die veranschlagten 107 Millionen Euro nachträglich als Teil des Kaufpreises von den Rhön-Leuten einzufordern, droht die Ministerin.

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insgesamt 159 Beiträge
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1. Was anderes ist denn bei "privatisierter"
herr_kowalski 20.09.2012
Zitat von sysopFür mehr als 100 Millionen Euro ist an der Marburger Uniklinik ein Zentrum für innovative Krebstherapie aufgebaut worden - doch die Ionenstrahl-Kanone, Kernstück der Anlage, wird gar nicht genutzt. Zu teuer, sagt der private Betreiber. Jetzt droht der Skandalfall zu eskalieren. Strahlentherapie: Skandal um Ionenstrahl-Kanone an Uniklinik Marburg - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,856852,00.html)
Medizin zu erwarten ? Zu teuer ?! Egal, haben die Patienten eben Pech gehabt. Siemens ? Unfähig. Mit Ingenieurs-Praktikanten läßt sich eben auch nur verminderte Leistung erbringen. Wat nix kost taugt auch nix.
2. optional
APPEASEMENT 20.09.2012
Hört sich nach Schildbürgerstreich an. Vielleicht sollte der Bund der Steuerzahler mal das Ruder übernehmen und solche Projekte vorher bewerten.
3. vorhersehbar
koelnrio 20.09.2012
Ich frage mich seit Jahren schon, wer denn die tollen Neuerungen in der Medizin bezahlen will. Vielleicht sind auf dem Weg in die 3-Klassen-Medizin. Die Superreichen, die mal eben 20.000 Euro locker machen können, um so ein Gerät in die Gang zu setzen. Und dann die am unteren Ende und noch ein paar in der Mitte, deren Kassen allerdings auch nicht die 20.000 auf den Tisch legen werden.
4. Und die Patienten?
markeg 20.09.2012
Welche Behandlungen werden denn noch vorenthalten, weil sich das nicht lohnt? Hat man schon mal überlegt, das wenigstens gegen private Zuzahlung anzubieten? Ich mein auch reiche Menschen bekommen Krebs...
5. Krank
frunabulax 20.09.2012
Die Privatisierung der Krankenhäuser ist ein volkommene Fehlentwicklung. Als nächstes könnte man ja auch auf die Idee kommen, Schulen zu privatisieren. Diese Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist wie ein Krebsgeschwür.
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