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Streit um "Medical Hypotheses": Zügel für das wilde Magazin

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Ejakulation hilft gegen verstopfte Nasen, Aids wird nicht durch das HI-Virus verursacht, sondern durch Aids-Medikamente - solchen Thesen und anderen radikalen Ideen bietet das Magazin "Medical Hypotheses" ein Forum. Nach heftiger Kritik von Forschern will der Verlag jetzt die Reißleine ziehen.

HI-Viren: Veröffentlichung eines Aids-Leugners sorgte für Entrüstung Zur Großansicht
DPA/ Robert Koch Institut

HI-Viren: Veröffentlichung eines Aids-Leugners sorgte für Entrüstung

So funktioniert Wissenschaft: Ein Forscher hat eine Hypothese. Er macht damit Vorhersagen. Dann testet er mit Experimenten, ob seine Vorhersagen tatsächlich eintreten. Waren die Versuche erfolgreich, schreibt er eine wissenschaftliche Veröffentlichung und reicht diese bei einem Fachmagazin ein. Dann wird sie von anderen unabhängigen Wissenschaftlern im sogenannten Peer-Review-Verfahren geprüft. Erachten diese seine Studie als sauber und wichtig, wird die Arbeit schließlich veröffentlicht.

Das Peer-Review-Verfahren ist eine interne Qualitätskontrolle der wissenschaftlichen Gemeinde und soll sicherstellen, dass die strengen Kriterien der wissenschaftlichen Praxis eingehalten werden, und nicht einfach jeder alles behaupten und als wissenschaftliche Erkenntnis deklarieren kann. Das ist wichtig, denn Wissenschaft ist ein fortlaufender Prozess. Auf anerkannten Erkenntnissen bauen weitere auf. Ist nur einer dieser Bausteine bröckelig, fällt womöglich irgendwann das ganze Haus zusammen.

Viele anerkannte wissenschaftliche Fachmagazine machen einen Peer Review. Dennoch wird es auch immer wieder kritisiert. So kann das Verfahren auch keine absolute Sicherheit vor bösartigen Fälschungsabsichten bieten, wie das Beispiel des Klonforschers Hwang Woo Suk zeigte. Oder aber Prüfer verfolgen Eigeninteressen und bewerten womöglich die Arbeit eines Rivalen nur deshalb negativ, um sich selbst dadurch einen Vorteil zu verschaffen.

Erst ausgelacht, später mit dem Nobelpreis geehrt

Das Hauptproblem aber ist, dass das Peer-Review-Verfahren auch verhindern kann, wovon Wissenschaft lebt: neue Ideen. In manchen wissenschaftlichen Feldern gibt es nur sehr wenige hochspezialisierte Experten. Es droht die Gefahr, dass diese wenigen eine Meinungshoheit innehaben und allzu revolutionäre Ideen von vornherein abbügeln.

Beispiele für verhinderte Ideen gibt es in der Geschichte der Wissenschaft genug. Manche erhalten erst sehr spät ihre verdiente Anerkennung. So hielt man die These des deutschen Mediziners Harald zur Hausen, dass humane Papillomaviren Gebärmutterhalskrebs auslösen können in den siebziger Jahren noch für Quatsch. Später stellte sich heraus: Zur Hausen hatte Recht. 2008 bekam er dann den Nobelpreis. Ähnliches widerfuhr Barry Marshall. Der australische Mediziner war lange Zeit von der Fachwelt missachtet und verspottet worden für seine These, dass das Volksleiden Magengeschwür oft durch das Bakterium Heliobacter pylori verursacht wird. Um seine These zu untermauern, wagte Marshall sogar einen spektakulären Selbstversuch: 1984 trank er ein Reagenzglas voll mit Heliobacter-Bazillen. Er bekam ein Magengeschwür und heilte sich selbst mit Antibiotika. Auch Marshall erhielt den Nobelpreis.

Viele Ideen stellen sich später aber auch tatsächlich als falsch heraus. So ist die Erde keine Scheibe und auch nicht der Mittelpunkt des Universums. Raum und Zeit sind nicht konstant. Erworbene Merkmale werden von Individuen nicht auf ihre Nachkommen weiter vererbt. Und in den Ei- und Samenzellen stecken nicht miniaturisierte, fertige Menschen.

Das Problem ist nur: Niemand weiß vorher, ob eine revolutionäre Idee richtig oder falsch ist.

In genau diese Lücke wollte 1975 Michael Horrobin hineinstoßen: "Die Geschichte der Wissenschaft hat immer wieder gezeigt, dass es unmöglich ist, bei vorgeschlagenen Hypothesen zu entscheiden, ob sie sich als revolutionär oder als lächerlich herausstellen", schrieb der Wissenschaftler und Unternehmer damals in der ersten Ausgabe des Fachmagazins " Medical Hypotheses", das er gegründet hatte. Er wollte jeder Idee - und sei sie noch so verrückt - eine Chance geben. "Der einzige sichere Weg ist, sie alle ans Licht kommen zu lassen. Damit sie diskutiert, mit Experimenten überprüft, verteidigt oder zerstört werden können." Zu den Gründern des Redaktionsbeirates gehörten damals wissenschaftliche Schwergewichte wie Karl Popper, John Eccles und Linus Pauling.

Radikale Ideen - zum Beispiel Ejakulation gegen verstopfte Nasen

Explizit verzichtet man bei "Medical Hypotheses" deshalb auf das Peer-Review-Verfahren. Allein der Herausgeber entscheidet über eine Veröffentlichung. Derzeit ist das Bruce Charlton, Professor für evolutionäre Psychologie an der University of Newcastle. Eingeladen sind alle "radikalen Ideen, sofern sie zusammenhängend und klar geäußert werden", wie es auf der Web-Seite des Magazins heißt.

Und radikale Ideen gibt es genug. In der aktuellen Ausgabe des Magazins gibt es zum Beispiel Artikel, die sich mit der Möglichkeit befassen, ob Magnesium nicht für Depressive und Vitamin D für Diabetiker hilfreich sein könnte. Oder ob Milch die Schleimproduktion anrege.

Doch manche sind noch viel radikaler: In einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 empfiehlt der iranische Neurochirurg Sina Zarrintan männlichen Erwachsenen Ejakulation als Behandlung von Nasenverstopfung.

In einer anderen mit dem Titel "Menschen mit Down-Syndrom und Orientalen teilen manche spezifische Standpunkte und Charakteristiken" argumentieren die Autoren unter anderem dafür, dass der diskriminierende und veraltete Begriff "mongoloid" für Down-Syndrom-Träger zutreffend sei. Die Begründung: Sie alle würden sich für Handwerk interessieren, gern mit gekreuzten Beinen sitzen und mit Glutamat gewürzte Nahrung essen.

Dieses Paper sorgte für bissige Kolumnen in der britischen Presse.

Doch nun soll Schluss mit den radikalen Ideen sein. Elsevier, der Verlag, in dem das Magazin neben vielen anderen Fachmagazinen erscheint, will mehr Kontrolle bei dem Magazin einführen, wie "Nature" berichtet.

Aids-Leugner sorgte mit Veröffentlichung für Entrüstung

Anlass dafür ist eine Veröffentlichung, die im vergangenen Jahr für großen Aufruhr unter Wissenschaftlern sorgte. Peter Duesberg, Professor für Molekular- und Zellbiologie in Berkeley, hatte in "Medical Hypotheses" eine Arbeit publiziert, in der er den Standpunkt vertritt, dass die Immunschwächekrankheit Aids nicht durch das HI-Virus verursacht wird, sondern durch die jahrelange Einnahme von Aids-Medikamenten. Duesberg ist kein Unbekannter, sondern vertritt diese These seit Jahren - wofür er heftig attackiert wird.

Danach hagelte es Beschwerden von Wissenschaftlern. Der Verlag entschloss sich, die Arbeit vom Fachblatt "Lancet" begutachten zu lassen. Sie kamen daraufhin zu dem Entschluss, dass er nicht veröffentlicht werden sollte. Der Artikel wurde zurückgezogen.

In der offiziellen Begründung heißt es:

"Wir haben zahlreiche Bedenken erhalten hinsichtlich der Qualität des Artikels, der hoch kontroverse Meinungen über die Ursachen von Aids enthält. Meinungen, die möglicherweise schädigend für die öffentliche Gesundheit sein könnten."

Konkret befürchtete man, dass Aids-Kranke sich durch Duesbergs Veröffentlichung veranlasst sehen könnten, ihre Medikamente nicht mehr zu nehmen.

Mehrere HIV-Forscher, darunter Robert Doms von der University of Pennsylvania, schrieben zudem ein Gesuch an die US National Library of Medicine und forderten darin, "Medical Hypotheses" aus der allgemeinen medizinischen Datenbank Medline zu entfernen. Begründung: geringe Qualität, kein Peer Review und offenbar auch keine verantwortliche Prüfung seitens des Herausgebers. Die Autoren hatten 48 Veröffentlichungen geprüft und ermittelt, dass die durchschnittliche Prüfungszeit nur drei Tage betragen hatte.

"Abweichenden Meinungen im Wissenschaftsbereich ein Forum zu geben ist etwas anderes, als dies im medizinischen Bereich zu tun", begründet Robert Doms im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sein Vorgehen. "Wenn jemand eine Hypothese vorschlägt, die sich direkt auf menschliche Gesundheit und damit verbundenes Verhalten bezieht, ist größere Vorsicht angebracht - und die sollte durch Peer Review erfolgen." Hypothesen wie beispielsweise die, dass dass Lungenkrebs durch Rauchen vermindert werde, könnte von der Allgemeinheit fälschlicherweise als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis missinterpretiert werden. "Nach meinem Dafürhalten fällt die Behauptung, dass Aids nicht durch das HI-Virus verursacht wird, in dieselbe Kategorie", so Doms.

"Es soll sich noch bewegen, aber innen ist es tot"

Zwar ist "Medical Hypotheses" noch immer in Medline enthalten. Doch nun zieht Elsevier die Reißleine. Genau wie alle anderen Fachmagazine soll bei "Medical Hypotheses" ein Peer Review eingeführt werden, wie Elsevier SPIEGEL ONLINE auf Anfrage bestätigte.

Allerdings soll er laut Elsevier wegen der "besonderen Natur von 'Medical Hypotheses'" nicht so gestaltet werden wie bei anderen Magazinen. "Prüfer sollen die Voraussetzungen, Originalität und Plausibilität der eingereichten Hypothesen begutachten. Die zeitliche Implementierung wird vom Herausgeber beeinflusst."

Zudem werde man sich von dem derzeitigen Herausgeber Bruce Charlton trennen. Sein Vertrag soll zum Jahresende nicht erneuert werden. Charlton ist nicht erfreut. Er ist mit der Einführung des Peer Reviews nicht einverstanden, wie er "Nature" sagte. Die Änderungen würden "Medical Hypotheses" völlig zerstören. Elsevier plane, eine Zombie-Version von "Medical Hypotheses" fortzuführen. "Es soll sich noch bewegen, aber innen ist es tot", sagte Charlton zu "Nature". Er hätte dafür plädiert, das Magazin lieber einzustellen, als es auf diese Weise fortzuführen. Gegenüber SPIEGEL ONLINE wollte sich Charlton zu der Angelegenheit nicht äußern.

Die Entscheidung spaltet die wissenschaftliche Gemeinde: 13 der 19 Mitglieder des Redaktionskomitees, in dem unter anderem auch der berühmte Hirnforscher Antonio Damasio sitzt, haben sich in einem Schreiben an Elsevier hinter Charlton gestellt und sich gegen die geplanten Änderungen ausgesprochen, wie das Fachblatt "Science" berichtet. Damasio jedoch bedauert, dass das Duesberg-Paper veröffentlicht wurde. "Die Veröffentlichung war eine schlechte Idee", sagte er SPIEGEL ONLINE. Und obwohl er den Chefredakteur sehr respektiere, sei er vom Redaktionskomitee zurückgetreten.

Was für die einen ein Erfolg hinsichtlich der Wahrung wissenschaftlicher Seriosität ist, ist für die anderen ein Sieg des Mainstreams über die Freiheit des wissenschaftlichen Genius. Peter Andras von der University of Newcastle, ebenfalls Mitglied im Redaktionskomitee, sagte SPIEGEL ONLINE: "Es war richtig, das Paper zu veröffentlichen. Auch wenn ich selbst nicht mit seinem Inhalt einverstanden bin, denke ich, dass die Zensur abweichender Meinungen gegen den Geist wissenschaftlicher Forschung und gegen den Geist der freien Meinungsäußerung ist."

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