Anfänge der Elektrotherapie: Leichen wecken mit Stromstößen

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Als die Elektrizität entdeckt wurde, setzten Forscher Menschen unter Strom, egal ob tot oder lebendig. Die geheimnisvolle Energie schien irgendwie zu helfen. Ein Glaube, der bizarre Blüten trieb - bis weit ins 20. Jahrhundert.

Medizinische Elektroanwendungen: Ein kleines bisschen Horrorshow Fotos
MPI für Wissenschaftsgeschichte

Als Luigi Galvani am 6. November 1780 einen abgetrennten Froschschenkel zum Zucken brachte, begann ein Prozess, der unser Leben bis heute prägt: Der Strom begann, Einzug in den Alltag zu halten.

Schon seit über hundert Jahren konnte man damals gezielt Elektrizität erzeugen, doch trotz aller Experimente wusste man wenig damit anzufangen. Weder kam man dem Wesen dieser mysteriösen Energie auf die Spur, noch schien sie praktisch verwertbar. Und dann ließ Galvani totes Gewebe zucken. Der Schluss lag nahe: Wenn Elektrizität Totes zum Leben erwecken kann, dann musste die geheimnisvolle Energie in direktem Zusammenhang zur Lebenskraft selbst stehen!

Weltweit stürzten sich in den nächsten Jahrzehnten Physiker und Ärzte in die Erforschung der Elektrizität. Ihr ehrgeizigstes Ziel: die Wiederbelebung von Toten. Über fast 40 Jahre experimentierten unzählige mehr oder minder ernstzunehmende Forscher mit Strom und Leichen. Wer jetzt an "Frankenstein" denkt, liegt richtig: Mary Shelley ließ sich wohl durch die Erzählungen ihres Mannes Percy Bysshe Shelley zu der Schauermär inspirieren. Der war einst beim schottischen Möchtegern-Leichenwiederbeleber James Lind in die Lehre gegangen.

Forschung als öffentliche Horrorshow

Zu den prominentesten Forschern der so vielversprechenden neuen Disziplin der "Galvanisierung" gehörte Galvanis Neffe Giovanni Aldini. Er war einer der wenigen, die mit wissenschaftlichem Interesse forschten. Aldini erkannte, dass die durch Strom verursachten Zuckungen nichts mit Leben, sondern eher mit Reizleitung zu tun haben mussten. Seine Experimente, praktischerweise oft gleich neben dem Guillotinen-Exekutionsplatz in Bologna durchgeführt, zogen kaum weniger Zuschauer an als die Hinrichtungen selbst.

Sie boten eine grausige Steigerung des Horrors: Aldini bekam die frisch voneinander getrennten Körper und Schädel in der Regel noch warm zugeliefert und ging sofort daran, verschiedene Elektroden anzulegen. Die Stromstöße hatten teils heftige Reaktionen zur Folge, wenn die noch warme Muskulatur unter den Schocks krampfte. Wie er in seinem Buch "Essai théorique et experimental sur le Galvanisme" von 1804 schildert, verdrahtete er einmal zwei Köpfe so miteinander, dass sich die Geköpften gegenseitig Grimassen schnitten. Hierbei sollen Menschen im Publikum in Ohnmacht gefallen sein - eine reife Leistung zu einer Zeit, als Hinrichtungen noch Volksfestcharakter hatten.

Doch schon bald befanden die Behörden, dass die Leichenwiederbeleberei mehr Spektakel als erfolgversprechende Wissenschaft war. Bereits 1803 gab es ein erstes Verbot öffentlicher Experimente in Preußen, in den Jahren darauf folgte der Rest der Welt. Aldini wird das kaum gestört haben: Längst war er da zu Experimenten am lebenden Patienten übergegangen. Wenn man mit Strom schon keine Leichen zum Leben erwecken konnte, dann ließ sich damit ja vielleicht etwas Nützliches für die Lebenden tun.

Vom Spektakel zur Therapie

Die medizinischen Disziplinen bekamen Zuwachs. Die Elektrotherapie - erste Beschreibungen entsprechender Methoden wurden schon 1801 veröffentlicht - wurde zur ersten auf Nutzen zielenden Anwendung der Elektrizität überhaupt. Vor allem bei neurologischen Erkrankungen beobachtete man Erfolge. Bald sollten das Reizstromgerät und seine Anverwandten zur ärztlichen Grundausstattung gehören. Batterien, bereits 1799 in Form der voltaischen Säule erfunden, machten die Elektrotherapie mobil. Jetzt ging auch der Landarzt entsprechend ausgerüstet auf Hausbesuch.

Es war die erste Begegnung mit dem, was wir heute Gerätemedizin nennen. Die Technik beeindruckte die Patienten nicht minder als heute ein Kernspin-Tomograf: Was da prickelte und summte und Zuckungen verursachte, hatte schon etwas Magisches. Bei so mancher Therapie mag der Placeboeffekt kräftig nachgeholfen haben und machte die elektrotherapeutischen Gerätschaften auch für Scharlatane interessant.

Denn Strom hat einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Man kann ihn nicht sehen. Zudem fiel selbst vielen Gelehrten noch die Abgrenzung zum Magnetismus schwer. Das eine wie das andere schien wirkmächtig, ohne direkt beobachtet werden zu können. Erfolgreich war da nicht, was man sehen konnte, sondern das, was zu helfen schien.

Das war nicht nur Quacksalbern klar. Als eine französische Prüfungskommission die Aktivitäten des damals kultisch gefeierten Wunderheilers Franz Anton Mesmer unter die Lupe nahm, kam die zu einem höchst ambivalenten Ergebnis. Mesmers Methode, Patienten mit einem Magneten zu bewedeln, sei zwar wissenschaftlich gesehen Humbug, konstatierten die Prüfer. Trotzdem aber war die Methode anscheinend erfolgreich.

Wer fest an Heilung glaubt, erfährt die eben mitunter. Dazu reichte es auch, Patienten mit Batterien zu verbinden. Den elektrisierenden Ärzten folgten die batteriebewaffneten Scharlatane, bevor man Ende des 19. Jahrhunderts begann, sich gleich selbst mit einem Heimgerät zu therapieren, das per Versand oder Elektrohandel ins Haus kam. Aufbauten für galvanische Bäder, bei denen der Gesundheitsbewusste Füße und Hände in mit Stromquellen verbundene Wasserschalen tunkte, um den Körper sanft von Strömen durchfließen zu lassen, gehörten bald zu den populärsten Elektroartikeln überhaupt.

Selbsttherapie per Strom-Placebo

Dazu kamen früh schon Apparaturen auf, die den Menschen auch tagsüber mit Strömen versorgen sollten. Besonders populär bis in die zwanziger Jahre waren Hoden-Suspensorien: Umschnallgürtel mit Aufnahmen für die männlichen Geschlechtsteile, verbunden mit einer Energiequelle oder einem Magneten. Für die Dame gab es entsprechend energieversorgte Korsetts.

Noch immer hielt sich also der Volksglaube, Strom und Magnetismus seien mit Lebenskraft verbunden - Männer übersetzten das gern mit Potenz. Strom, Magnetismus und Strahlung erschienen vielen als regelrechte Allheilmittel. Zu den absurdesten Apparaturen gehörten Stromreifen (verkauft von 1926 bis ca. 1935), die man wie einen Schwimmreifen trug. Sie waren nichts als eine große Spule, die unter Strom gesetzt möglicherweise leichte magnetische Effekte produzierte. Der Rest war Glaubenssache.

Aber warum hätte man auch nicht glauben sollen? Die Gegenstücke zu dieser Art Elektro-Abzockerei hatten Menschen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Arztpraxen gesehen: Riesige Käfig- und Spulenapparaturen, in die man sich hineinsetzte, um von "Feldern" durchflossen zu werden. Die bizarrsten dieser medizinischen Geräte verschwanden mit wachsendem Wissensstand zum Glück schnell wieder: Apparate, die das elektrische Feld mit einer satten, "heilsamen" Röntgenbestrahlung kombinierten.

Heute wird Strom in der Medizin vor allem dazu benutzt, moderne Geräte zu betreiben. So hat er am Ende die Hoffnungen, die Aldini und die frühen E-Forscher mit ihm verbanden, irgendwie sogar erfüllt.


Das Blog zum Buch: Der Viktorianische Vibrator.

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