Studie abgebrochen Herber Rückschlag für Stammzelltherapien

Drastische Kehrtwende einer Pionier-Biotechfirma aus den USA: Geron hat die weltweit erste klinische Studie, in der Querschnittsgelähmte mit embryonalen Stammzellen behandelt wurden, abgebrochen. Von der Aufbruchstimmung in der Branche ist nun nicht mehr viel übrig.

Von Cinthia Briseño

Embryonale Stammzellen unter dem Mikroskop: Ersatzteillager für geschädigtes Gewebe?
AFP

Embryonale Stammzellen unter dem Mikroskop: Ersatzteillager für geschädigtes Gewebe?


Ein gutes Jahrzehnt hatte es gedauert, bis Forscher endlich an diesen Punkt angekommen waren: Im September 2010 spritzten Ärzte erstmals unter kontrollierten Studienbedingungen einem Querschnittsgelähmten embryonale Stammzellen (ES) direkt ins Rückenmark - in der Hoffnung, das verletzte Rückenmark würde wieder wachsen. So wie es zuvor auch bei einigen Ratten und Mäusen geglückt war.

Die Behandlung des ersten Patienten sei ein "historischer Schritt" für diese Therapieform, schwärmten vielerorts Ärzte des Fachs regenerative Medizin. Und auch der damalige Chef von Geron, jenes US-Unternehmen, das die vermeintlich heilsbringenden Zellen gezüchtet hatte, gab sich überzeugt: "Lebende Zellen sind die Pillen von morgen", sagte Thomas Okarma zum Start des neuartigen Therapieversuchs.

Von der Aufbruchstimmung ist nicht mehr viel übrig geblieben: Anfang dieser Woche verkündete das Unternehmen seinen Ausstieg aus der Stammzell-Sparte. Man werde sich künftig auf das Kerngeschäft konzentrieren, die Entwicklung von Krebsmedikamenten. Für die klinische Studie, an der viele Erwartungen hingen, bedeutet dieser Schritt jedoch das Aus. Es sollte die erste Studie sein, die - nach all den Jahren kontroverser Diskussionen um die Stammzellen, die aus Embryonen gezüchtet werden - den Beleg erbringt, dass derartige Therapien nicht nur sicher sind, sondern auch Wirkung zeigen.

Doch die ist bisher offenbar ausgeblieben. Allerdings war auch die Zelldosis in dieser Studienphase noch zu gering, um therapeutischen Nutzen zeigen zu können. Vielmehr ging es darum, die Sicherheit der Methode zu überprüfen. Und die erwähnt Geron in einem einzigen Satz ihrer Presseerklärung: GRNOPC1, so der Name des Zellpräparats, sei von den Patienten gut vertragen worden und habe keinerlei bedenkliche Nebenwirkungen verursacht.

Seinen Ausstieg aus dem Geschäft mit den Stammzellen begründet der Konzern Geron, der inzwischen von John Scarlett geleitet wird, vielmehr mit einer "ungewissen wirtschaftlichen Lage". Darunter leidet auch ein Drittel der Mitarbeiter: 66 werden entlassen. Um die Behandlung der vier Querschnittsgelähmten fortsetzen zu können, sucht Geron nun nach einem finanzstarken Partner.

Bis zum Wunder ist es noch weit

Der Vorgang zeigt, wie schwierig es sein wird, Therapien mit Stammzellen in den Markt zu bringen und wie lang und teuer der Weg ist, den die Branche dafür noch gehen muss. Das Wunder, ES-Zellen als Ersatzteillager für beschädigtes Gewebe einsetzen zu können, wird noch lange auf sich warten lassen.

21.000 Seiten umfasste der Antrag, den Geron 2008 bei der US-Behörde Food and Drug Administraion (FDA) für die Zulassung von GRNOPC1 eingereicht hatte. Nach einer ersten Zulassung kamen jedoch Bedenken gegen das Zellpräparat auf - Bedenken, die bei embryonalen Stammzellen nur schwer auszuräumen sind: Die Zellen können sich theoretisch in alle Zellarten verwandeln und sich stark vermehren. Obwohl es sich bei GRNOPC1 um bereits differenzierte Nervenzellen handelt, bildeten sich in Nagern nach der Injektion auffällige Zellhaufen. Erst nachdem Forscher den Nachweis erbrachten, dass es sich dabei nicht um Tumorgewebe handelt, durfte Geron den Heilversuch fortführen.

In der Zwischenzeit sind zwei weitere klinische Studien mit ES-Zellen an den Start gegangen: Im Juli 2011 verkündete die Firma Advanced Cell Technology (ACT) aus dem kalifornischen Santa Monica, man habe die Behandlung der ersten Patienten begonnen. Die Zulassung der FDA hatte ACT nur wenige Monate davor im November 2010 erhalten. Ein Teil leidet an einer seltenen Augenkrankheit, dem Morbus Stargardt. Betroffene verlieren einen großen Teil ihres Sehvermögens, weil die Netzhautzellen des Gelben Flecks (Makula) zerstört werden. In aller Regel erblinden die Erkrankten zwar nicht, doch bisher gibt es keine Möglichkeit, das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten.

Die andere ES-Studie zielt auf die Behandlung des altersabhängigen Sehverlusts ab. Diese Form der Makula-Degeneration, kurz ADM, ist weitverbreitet. Allein in den USA haben etwa 1,8 Millionen ältere Menschen wegen AMD ihr Sehen teilweise oder ganz eingebüßt, weil die Zellen in der Makula absterben. Nach dem Ende des Heilversuchs von Geron ruht die Hoffnung der ES-Branche nun auf den Ergebnissen dieser beiden Studien. Experten betrachten die Chancen auf Erfolg optimistisch - schließlich handelt es sich nicht um ein so komplexes Geflecht wie die Reparatur des Rückenmarks, die viele für unrealistisch halten.

Hoffnung macht sich die Stammzell-Zunft auch von den Ergebnissen einer weiteren klinischen Studie, die allerdings nicht mit embryonalen Stammzellen sondern mit Herzstammzellen durchgeführt wurde: Kardiologen von der University of Louisville in Kentucky berichteten jetzt im Medizinjournal "The Lancet" von einer Verbesserung der Pumpleistung von Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz. Die Mediziner hatten die Betroffenen mit herzeigenen Stammzellen behandelt und einen deutlichen Rückgang des Infarktgewebes feststellen können.

Allerdings wies Gerd Heusch vom Universitätsklinikum Essen darauf hin, dass eine strenge Kontrolle noch fehlte und der Mechanismus für die Verbesserung der Herzfunktion noch unklar sei. Dazu seien weitere Forschungen dringend notwendig.

Selbst wenn die Versuche der US-Mediziner und US-Firmen Erfolg zeigen: Für den europäischen Standort wird es ohnehin schwierig, daran teilhaben zu können. Vor Kurzem hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) geurteilt, dass ES-Zellen nicht patentiert werden können.

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neuroheaven 16.11.2011
1. ...
schade für alle durch krankheit betroffenen
waterman2, 16.11.2011
2. Hoffe, der Rückschlag wird weggesteckt
Zitat von neuroheavenschade für alle durch krankheit betroffenen
Dem kann ich nur beipflichten. Zum Glück ist es in den USA passiert, die geben nicht so schnell auf. Der Weg ist das Ziel. Rückschläge passieren immer und immer wieder. Nur wer einmal mehr aufsteht, als er hinfällt kommt voran. In Deutschland hätten sie - ceteris paribus angenommen - gleich die ganze Stammzellmedizin in Frage gestellt. Das Problem ist leider die Finanzierung, wie ich das aus dem Artikel lese. 66 Leute müssen entlassen werden. Für mich ein Unding. Die Medizin kommt wegen dem Staatsverschuldungsklotz wohl erst nach 2020/2030 überhaupt voran, weil die ganzen Gelder für die Entwicklung fehlen. Keynes hat völlig zutreffend erkannt, dass der Staat in Krisenzeiten antizyklisch investieren muss, um nach vorne zu kommen. Wie der Staat das aber machen soll, wenn er komplett überschuldet ist und an den Kapitalmärkten kein Geld mehr bekommt, die Erklärung fehlt leider. Die USA motten ihr Space-Shuttle-Programm vorerst ersatzlos ein, die Stammzellforschung wird mangels Kohle abgebrochen - alles Bereiche, wo die Arbeitsplätze der Zukunft sein sollten. Und in Europa geht dank Bedenkenträgerei gar nix voran. Vielleicht kommen die Chinesen etwas besser in Schwung. Die Schnelligkeit, EHEC-Erreger und H5N5 zu entschlüsseln und innerhalb von nur wenigen Wochen quasi die Lösung anzubieten, war schon beeindruckend. In der Stammzelltherapie liegt die Zukunft und der Mensch muss alles daran setzen, diese ausschließlich destruktiven "Launen der Natur" in den Griff zu bekommen.
markus_wienken 16.11.2011
3.
Zitat von waterman2Dem kann ich nur beipflichten. Zum Glück ist es in den USA passiert, die geben nicht so schnell auf. Der Weg ist das Ziel. Rückschläge passieren immer und immer wieder. Nur wer einmal mehr aufsteht, als er hinfällt kommt voran. In Deutschland hätten sie - ceteris paribus angenommen - gleich die ganze Stammzellmedizin in Frage gestellt. Das Problem ist leider die Finanzierung, wie ich das aus dem Artikel lese. 66 Leute müssen entlassen werden. Für mich ein Unding. Die Medizin kommt wegen dem Staatsverschuldungsklotz wohl erst nach 2020/2030 überhaupt voran, weil die ganzen Gelder für die Entwicklung fehlen. Keynes hat völlig zutreffend erkannt, dass der Staat in Krisenzeiten antizyklisch investieren muss, um nach vorne zu kommen. Wie der Staat das aber machen soll, wenn er komplett überschuldet ist und an den Kapitalmärkten kein Geld mehr bekommt, die Erklärung fehlt leider. Die USA motten ihr Space-Shuttle-Programm vorerst ersatzlos ein, die Stammzellforschung wird mangels Kohle abgebrochen - alles Bereiche, wo die Arbeitsplätze der Zukunft sein sollten. Und in Europa geht dank Bedenkenträgerei gar nix voran. Vielleicht kommen die Chinesen etwas besser in Schwung. Die Schnelligkeit, EHEC-Erreger und H5N5 zu entschlüsseln und innerhalb von nur wenigen Wochen quasi die Lösung anzubieten, war schon beeindruckend. In der Stammzelltherapie liegt die Zukunft und der Mensch muss alles daran setzen, diese ausschließlich destruktiven "Launen der Natur" in den Griff zu bekommen.
Wobei man auch erwähnen sollte dass die Entschlüsselung keine große Intellektuelle Leistung sondern nur durch entsprechend große Laboratorien und genügen Manpower geschafft wurde. Die Lösung wurde dann größtenteils durch westliche Forscher erarbeitet. Im übrigen ist dem Rest Ihres Posts durchaus zuzustimmen!
Antje Technau, 16.11.2011
4. ärgerlich
Zitat von sysopDrastische Kehrtwende einer Pionier-Biotechfirma aus den USA: Geron hat die weltweit erste klinische Studie, in der Querschnittsgelähmte mit embryonalen Stammzellen behandelt wurden, abgebrochen. Von der Aufbruchstimmung in der Branche ist nun nicht mehr viel übrig. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,798115,00.html
ärgerlich ist, dass die Journalismus-Branche immer mit Superlativen arbeiten muss: da wird aus einer viel zu früh versuchten Stammzelltherapie gleich ein "herber Rückschlag für (alle) Stammzelltherapien". Dabei wird in der Medizin seit Jahren auch schon erfolgreich mit Stammzellen gearbeitet. Vor einer Chemotherapie dem Patienten entnommene Knochenmarksstammzellen werden nach der Chemotherapie refundiert. Die Knochenmarksstammzellen bilden dann neue Blutzellen. Das funktioniert wunderbar! Es wäre vielleicht auch gut, wenn die Journalisten die Wissenschaftler, die sie interviewen, auch so wiedergeben, wie diese etwas sagen. Wenn ein Wissenschaftler z.B. sagt: "Stammzellen lassen sich in die unterschiedlichsten Zelltypen differenzieren. Daraus kann man in naher Zukunft dann erst mal einfache Zellschichten und später einmal Organe herstellen und sehr viel später dann größere Gewebe oder Organdefekte ersetzen" - dann meint er das auch so. Aber dass dafür jahrelange Forschung notwendig ist, das ist wohl nicht spektakulär genug. Und dass es auf dem Weg zum Ziel auch experimentelle Rückschläge geben kann, das gehört dazu! Deshalb muss man die Forschung aber nicht gleich ganz sein lassen...
Meineserachtens 16.11.2011
5. Stammzellen
Eigentlich (k)ein Rückschlag für die regenerative Medizin. GERON hat sich hier viel vorgenommen gehabt. Stammzellen ins Rückenmark erfordert viel Aufwand und ist nicht leicht zu händeln (Körperreaktionen usw.) Allein die Beantragung zur Genehmigung bei der FDA hat sehr lange gedauert und war sehr kostspielig (über 20.000 Seiten an Antragsunterlagen). Aber ... es gibt hier noch die Advanced Cell Technologie Corporation (ACTC.OB), die führt nämlich seit einigen Monaten von der FDA genehmigte Versuche an Patienten durch. Denen wurden Retinal Pigment Epithel Zellen (RPE) injiziert und das bisher sehr erfolgreich. Die RPE Zellen werden aus embryonalen Stammzellen gewonnen "ohne diese zu zerstören". Die patentierte Technik heisst Single Blastomere. Einem Embryo wird eine von 8 Teil-Zellen entnommen und daraus werden neue Zellen entwickelt. Zur Zeit wird am Roslin institut in Edinburgh eine Stammzellenbank auf Basis dieser Technik entwickelt. Alle Forschenden werden auch trotz des kürzlich ergangenen EU-Urteiles Stammzellenlinien erwerben können. Desweiteren hat ACTC neben den USA auch für Europa die Genehmigung erhalten diese Versuche durchzuführen, für Stargard Distrophy und Macular Degeneration (AMD). Sie werden z.Zt. vorbereitet. D.h., dieses kleine Unternehmen hat jetzt die einzigen genehmigten Versuchsreihen mit embryonalen Stammzellen weltweit. Die Finanzierung ist gesichert auch weil der Ansatz Zellen in das Auge zu injizieren viel einfacher ist und risikolos. Die ersten Patienten wurden erfolgreich (safety) behandelt und die Genehmigung für weitere Patienten liegt vor. In Kürze werden die ersten Ergebnisse veröffentlicht und die werden die regenarite Medizin weltweit revolutionieren. Das ist keine Hysterie oder Wahrsagerei, jeder Interessierte ist herzlich eingeladen sich hier zu informieren. Der weltweit bekannte Dr. Robert Lanza ist der Vater dieser Forschung und vor kurzem ist einer der bekanntesten und mit Preisen überhäufter Wissenschaftler Dr. Samuel Langer ins Direktorium dieses Unternehmens bestellt worden. Warum wohl ? In der nächsten Zeit gibt es hier sehr, sehr erfreuliche weltweite Nachrichten.
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