Studie: Pilze töten bis zu 1,5 Millionen Menschen pro Jahr

Pilzinfektionen sind laut einer neuen Studie weit gefährlicher als bisher vermutet. Sie verursachen demnach bis zu 1,5 Millionen Todesfälle pro Jahr weltweit - mindestens ebenso viele wie Malaria oder Tuberkulose. Doch in die Erforschung der Krankheiten wird kaum etwas investiert.

Aspergillus fumigatus: Der Pilz kann die gefürchtete Aspergillose verursachen Zur Großansicht
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Aspergillus fumigatus: Der Pilz kann die gefürchtete Aspergillose verursachen

Hamburg - Eine Pilzerkrankung ist in der Vorstellung der meisten Menschen eher lästig als bedrohlich. Was ein internationales Forscherteam jetzt herausgefunden hat, scheint das zunächst zu bestätigen: 1,7 Milliarden Menschen weltweit hätten in ihrem Leben schon einmal eine oberflächliche, leicht zu behandelnde Pilzinfektion gehabt.

Den größten Anteil daran habe der Fußpilz, den weltweit jeder fünfte Erwachsene aus eigener Erfahrung kenne. Jeder zehnte Mensch hatte schon einmal einen Nagelpilz, bei den Über-70jährigen sei sogar jeder Zweite betroffen, berichtet das Team um Gordon Brown von der University of Aberdeen in Schottland. Bei Frauen in den fruchtbaren Jahren haben 50 bis 75 Prozent mindestens einmal eine Pilzinfektion der vaginalen Schleimhäute. Etwa 75 Millionen Frauen kommen auf vier solcher Infektionen pro Jahr.

Doch die Flut harmloser Infektionen kann leicht davon ablenken, dass Millionen Menschen weltweit invasive - also in den Körper eindringende - lebensbedrohliche Infektionen haben, die schwieriger zu diagnostizieren und zu behandeln sind. Trotz pilzbekämpfender Medikamente liegt der Studie zufolge die Sterblichkeit invasiver Erkrankungen oft oberhalb der 50-Prozent-Marke, schreiben Brown und seine Kollegen im Fachmagazin "Science Translational Medicine". 90 Prozent aller Todesfälle gingen auf das Konto von vier Pilzarten: Kryptokokken, Candida, Gießkannenschimmel und Pneumocystis.

Die Kryptokokkose betrifft laut der Studie jedes Jahr mehr als eine Million Menschen, je nach Region endet sie für 20 bis 70 Prozent von ihnen tödlich. Die Lungenentzündung Pneumocystis tötet 20 bis 80 Prozent der jährlich mehr als 400.000 Betroffenen. Mehr als 400.000 Menschen erleiden eine Kandidose, 46 bis 75 Prozent überleben sie nicht. An der vom Gießkannenschimmel verursachten Aspergillose erkranken jährlich mehr als 200.000 Menschen, 30 bis 95 Prozent sterben daran. Insgesamt geht es also um etwa 500.000 bis 1,5 Millionen Todesopfer.

Aids und bestimmte Medikamente schwächen die natürliche Pilzabwehr

Normalerweise habe ein gesunder Mensch starke Abwehrmechanismen gegen Pilzinfektionen, erklären die Forscher. Ursächlich für die hohen Todeszahlen in den letzten Jahrzehnten seien daher vermutlich die Verbreitung von HIV und Aids und der zunehmende Einsatz von Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, sowie medizinische Eingriffe.

Trotz dieser Situation habe die Weltgesundheitsorganisation kein Programm gegen Pilzinfektionen, kritisieren die Wissenschaftler. Die Gesundheitsbehörden der meisten Länder betrieben nicht einmal eine Überwachung der Pilzaktivitäten. Öffentliche Gesundheitsforschung in den USA und Großbritannien investiere gerade einmal zwischen 1,4 und 2,5 Prozent ihrer Mittel in die medizinische Pilzforschung.

"Trotz des dringenden Bedarfs an effizienten Diagnosetests und sicheren, effektiven neuen Medikamenten und Impfstoffen bleibt die Forschung an Pilzinfektionen beim Menschen zurück hinter der an Krankheiten, die andere Erreger verursachen", so die Forscher. Für die Tier- und Pflanzenwelt hingegen sei der große Einfluss von Pilzkrankheiten schon lange breit akzeptiert.

mbe/dapd

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