Studien zur Aids-Vorbeugung: Tägliche Tablette ergänzt HIV-Schutz

Wie lässt sich die Aids-Epidemie eindämmen? Forscher setzten auf die Schutzwirkung bereits bekannte HIV-Medikamente. Sie senken neuen Studien zufolge das Ansteckungsrisiko, wenn Gesunde die Tabletten schlucken.

HIV-Medikamente zur Vorbeugung: Tabletten für Nicht-Infizierte Zur Großansicht
dpa

HIV-Medikamente zur Vorbeugung: Tabletten für Nicht-Infizierte

Hamburg - Eine täglich eingenommene Tablette könnte in Zukunft dabei helfen, heterosexuelle Paare vor einer Ansteckung mit HIV schützen. Studien in Uganda, Kenia und Botswana hätten gezeigt, dass das Risiko einer Virus-Übertragung um bis zu 73 Prozent sinke, wenn der gesunde Partner die Kombi-Pille zu sich nehme, teilten das Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (Unaids) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Die Tablette enthält die Wirkstoffe Tenofovir und Emtricitabin, beide Mittel sind bereits auf dem Markt.

Durch Tabletten, die nur Tenofovir beinhalten, nahm die Ansteckungsgefahr um bis zu 62 Prozent ab. "Dies ist ein großer wissenschaftlicher Durchbruch, der noch einmal bestätigt, welch wesentliche Rolle antiretrovirale Medikamente bei der Aids-Bekämpfung spielen", sagte Unaids-Direktor Michel Sidibé.

Die erforschte Art der HIV-Vorbeugung heißt in der Fachsprache PrEP (Pre-Exposure-Prophylaxis). Dabei geht es darum, Menschen, die nicht mit HIV infiziert sind, bereits vor einer möglichen Ansteckung mit antiretroviralen Medikamenten zu behandeln - den gleichen Mitteln, die auch HIV-Patienten erhalten. Vor kurzem hatten US-Forscher von einer ähnlichen Strategie berichtet: Demnach sind HIV-Positive weniger ansteckend, wenn sie bereits früh beginnen, antiretrovirale Medikamente einzunehmen.

Medikament oder Placebo

Das International Clinical Research Center der University of Washington hatte die nun veröffentlichte Studie im Sommer 2008 bei 4758 Paaren begonnen, von denen jeweils ein Partner mit dem Virus infiziert war. Die Teilnehmer wurden eingehend beraten und erhielten Kondome für Männer und Frauen. Ein Teil der gesunden Teilnehmer nahm die antiretroviralen Medikamente ein, der andere Teil Placebos. Bis Ende Mai diesen Jahres hatten sich 47 der Placebo-Einnehmer infiziert, aber nur 18 von denen, die Tenofovir nahmen und 13, die Tenofovir und Emtricitabin in Kombination bekamen. Schwere Nebenwirkungen durch die tägliche Tablettendosis beobachteten die Forscher nicht - Gesundheitsprobleme traten in der Placebo-Gruppe ebenso oft auf wie bei den Teilnehmern, die die Medikamente schluckten.

In Botswana führte die US-amerikanische Seuchenbehörde CDC eine ähnliche Studie mit 1200 Männern und Frauen durch. Auch in diesem Fall hatte sich die Gefahr einer Übertragung durch die Pillenverabreichung im Vergleich zur Einnahme von Placebos deutlich verringert. 24 Teilnehmer, die einen Placebo bekamen infizierten sich - in der Gruppe, die das Medikament einnahm waren es neun.

"Diese Studien könnten eine enorme Auswirkung auf die heterosexuelle Übertragung von HIV haben", erklärte WHO-Chefin Margaret Chan. "Die Weltgesundheitsorganisation wird mit den einzelnen Ländern zusammenarbeiten, um die neuen Forschungsergebnisse zum Schutz von Männern und Frauen anzuwenden."

Die neuen Ergebnisse sollen auch dazu beitragen, dass sich künftig mehr Menschen auf das Virus testen lassen. "Es wird derzeit geschätzt, dass nur die Hälfte der 33 Millionen Menschen, die mit HIV/Aids leben, von ihrem Krankheitsstatus wissen", hieß es in einer Pressemitteilung. Durch die neuartigen Vorbeugemaßnahmen könnten viele ermutigt werden, einen HIV-Test zu machen.

Zugleich warnten Unaids und WHO davor, sich mit Tabletten in Sicherheit zu wiegen: "Keine einzelne Methode schützt komplett vor HIV." Die Tabletten müssten mit anderen Methoden kombiniert werden wie etwa Kondomen, medizinischer männlicher Beschneidung, einer geringeren Partnerzahl und längerem Warten bis zum ersten Sex.

Die Pillen seien in vielen Ländern zu Preisen ab 25 US-Cent (17 Euro-Cent) pro Stück erhältlich. Allerdings haben weltweit noch immer neun Millionen HIV-Positive keinen Zugang zu den Medikamenten, die ihr Leben verlängern konnten, beklagte Unaids. Weltweit waren nach Angaben der Organisation Ende 2010 rund 34 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert.

wbr/dpa

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HIV/Aids - Die Fakten
Die HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase (Aids Related Complex) treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids (Acquired Immunodeficiency Syndrome).

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Trotz einer Behandlung stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Zusätzlich können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Beide Maßnahmen verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.

Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut des Wirtskörpers, in diesem Falle des Menschen, einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.

Die weltweite Verbreitung
Laut Unaids sind weltweit schätzungsweise 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2008 erhielten rund vier Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.
Die Verbreitung in Deutschland
In Deutschland nach einer Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit etwa 70.000 Menschen mit HIV/Aids. 2013 wurden dem Institut 3263 gesicherte HIV-Neuinfektionen gemeldet - etwa zehn Prozent mehr als 2012. 550 Menschen starben demnach 2012 an den Folgen von Aids. Zum Vergleich: Mitte der neunziger Jahre starben in Deutschland bis zu 2500 Menschen pro Jahr an der Krankheit. Am häufigsten (53 Prozent) steckten sich homosexuelle Männer neu mit HIV. In 18 Prozent der Fälle erfolgte die Ansteckung nach heterosexuellem Kontakt, in 3 Prozent durch Spritzen von Drogen.
Chronik
1981: Vor allem in Kalifornien und New York sterben junge Männer an einer Krankheit, die das Immunsystem der Kranken ausschaltet. Am 5. Juni berichtet die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die auffällige Zunahme seltener Krebs- und Lungenentzündungsformen bei jungen Homosexuellen.

1982: In Deutschland und anderen europäischen Ländern werden die ersten Fälle diagnostiziert. Die erworbene Immunschwächekrankheit wird Aids (Aquired Immunodeficiency Syndrome) genannt.

1983: Die Forschungsgruppen von Robert Gallo (USA) und Luc Montagnier (Frankreich) identifizieren das Virus, das die Krankheit auslöst. Später erhält es den Namen HIV (Human Immunodeficiency Virus).

1984: Der erste HIV-Antikörpertest wird vorgestellt.

1985: In Atlanta findet die erste Welt-Aids-Konferenz statt. Durch den Aidstod des US-Schauspielers Rock Hudson wird die Krankheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt. In Deutschland dürfen ab Herbst keine Blutpräparate mehr ohne vorherigen HIV-Test verkauft werden. Über 2300 Menschen - darunter mehr als 1800 Bluter - hatten sich zuvor infiziert.

1986: Aus Afrika werden die ersten Aidsfälle gemeldet.

1987: AZT, das erste Medikament, das den Verlauf der Krankheit verlangsamen kann, erhält eine Zulassung.

1988: Die WHO führt den 1. Dezember als Welt-Aids-Tag ein.

1991: Die rote Schleife wird internationales Symbol für den Kampf gegen Aids.

1995: Sogenannte Protease-Hemmer kommen als neues Aidsmedikament auf den Markt.

1996: Die Vereinten Nationen gründen UNAIDS, eine Unterorganisation der Uno für den Kampf gegen die Krankheit.

1999: Wissenschaftler finden Belege dafür, dass das HI-1-Virus von einer Schimpansen-Unterart stammt, die nur im westlichen Zentralafrika vorkommt.

2003: Der erste Fusionshemmer kommt als vierte Klasse von Aidsmedikamenten in den USA auf den Markt.

2004: Die WHO startet die Initiative "3 by 5". Danach sollen 2005 drei Millionen Infizierte mit Medikamenten versorgt werden.

2005: Nach Angaben der UNAIDS sind über 40 Millionen Menschen weltweit mit HIV infiziert - ein neuer Höchststand. Das Berliner Robert Koch-Institut geht von 2600 Neuinfizierten in Deutschland aus. In Deutschland leben insgesamt 49.000 HIV-Positive.

2006: Der jüngste Welt-Aids-Bericht von UNAIDS meldet, dass die Rate der Neuinfektionen sich erstmals seit dem Ausbruch der Seuche verlangsamt. Immer noch erhalten viele Infizierte und Erkrankte in der Dritten Welt keine Versorgung, besonders HIV-positive Kinder.

2008: Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon legt einen Bericht vor, nach dem im Dezember 2007 weltweit schätzungsweise 33,2 Millionen Menschen mit HIV infiziert waren.

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