Sucht-Schutz Forscher entwickeln Kokain-Impfstoff

Ist ein Impfstoff gegen Kokain möglich? Offenbar schon, wie ein sechs Monate dauerndes Experiment jetzt nahelegt. Bei einem Drittel der Teilnehmer konnte die Droge keinerlei Rausch mehr auslösen. Es könnte ein Durchbruch bei der Behandlung von Suchtkrankheiten sein.

Kokain: Impfstoff verhindert den Rausch
DDP

Kokain: Impfstoff verhindert den Rausch


Washington - Wer einmal süchtig ist nach einer harten Droge, kommt entweder zeitlebens nicht mehr von ihr los oder muss sich einer oft langwierigen Entziehungskur unterziehen. Jetzt aber haben Wissenschaftler ein Experiment durchgeführt, dass einen neuen Weg eröffnen könnte: eine Impfung gegen Kokain.

Sechs Monate lang haben die Forscher um Thomas Kosten vom Baylor College of Medicine in Houston (US-Bundesstaat Texas) 115 kokainsüchtigen Probanden den Impfstoff oder ein wirkstofffreies Placebo verabreicht. Das Ergebnis: Bei immerhin 38 Prozent der mit dem Impfstoff geimpften Teilnehmer habe sich eine ausreichend hohe Antikörper-Konzentration gebildet, um den Rauschzustand zu blockieren, schreiben die Forscher im Fachblatt " Archives of General Psychiatry".

Ohne Rausch weniger Verlangen nach der Droge

Da der Rausch nach dem Drogenkonsum ausbleibe, lasse auch der Drang der Süchtigen nach, die Droge weiter zu konsumieren. Bei den Probanden mit ausreichend hoher Antikörper-Konzentration seien die Urinproben deutlich öfter frei von Kokain-Abbauprodukten gewesen als bei den anderen Teilnehmern.

Kokain blockiert im Gehirn die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Dopamin, Noradrenalin und Serotonin durch die Nervenzellen. Die chemischen Botenstoffe bleiben so länger in den synaptischen Spalten, den Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen. Die nachgeschaltete Nervenzelle wird dadurch länger erregt, die typische Wirkung des Kokains setzt ein. Die kurzzeitige, übermäßige Aktivierung der Nervenzellen jedoch bezahlt der Kokainsüchtige bei regelmäßigem Konsum mit Angstzuständen, Depressionen und Abgespanntheit.

Die Wirkung des Impfstoffs besteht darin, dass sich im Blut der Süchtigen Antikörper bilden. Normalerweise sind die Kokainmoleküle zu klein, als dass das Immunsystem sie erkennen und ausschalten könnte. Deswegen bediente sich Kosten eines Tricks: Er nahm Kokainmoleküle, die er chemisch deaktiviert hatte und verband sie mit Proteinen von ebenfalls deaktivierten Cholera-Bakterien. Nun, groß genug, erkannte das Immunsystem die Fremdkörper aus Protein und Drogenmolekül und bildete Antikörper gegen sie. Anders als bei ansteckenden Krankheiten zerstören oder deaktivieren die Antikörper aber den Erreger nicht, sondern binden sich direkt an die Kokainmoleküle im Blut. Die Droge kann so die Blut-Hirn-Schranke nicht mehr passieren - der Rausch bleibt aus.

Allerdings geschah das nur bei 38 Prozent der geimpften Patienten, und selbst bei ihnen gab es keine völlige Kokain-Abstinenz im Zeitraum der Studie. Zudem blieb die Antikörper-Konzentration nur etwa zwei Monate auf einem wirksamen Niveau, weswegen regelmäßige Nachimpfungen nötig wären. Dennoch halten Kosten und seine Kollegen den Ansatz für vielversprechend. "Vor 15 Jahren hätte niemand gedacht, dass sich Antikörper gegen derart kleine Moleküle wie Kokain bilden ließen", sagte Kosten.

Allein in den USA leben schätzungsweise 1,6 Millionen Kokainsüchtige. Ihre Behandlung kostet jedes Jahr Milliarden von Dollar. Kokain macht schnell psychisch abhängig. Für einen dauerhaften Entzug ist eine langwierige Psychotherapie nötig, die auch Begleiterkrankungen wie Depressionen und Ängste mit einbezieht. Die Rückfallquote ist sehr hoch,

Impfung auch gegen Nikotin und Heroin denkbar

Auch Fritz Sörgel, Direktor des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmakologische Forschung (IBMP), hält die Studie für bedeutend. "Wenn ein Antikörper direkt gegen das Kokain-Molekül wirkt, ist denkbar, dass der Ansatz auch gegen andere Suchtstoffe wirksam sein könnte", sagte Sörgel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In Frage kämen etwa Heroin, Nikotin, Amphetamine und Umweltgifte wie etwa Dioxin. Insbesondere bei schädlichen Substanzen, die lange im Körper verbleiben, könnten Impfstoffe wirkungsvoll sein.

Die Frage sei allerdings, wie sicher derartige Impfstoffe seien. "Die Autoren der Studie räumen selbst ein, dass die Nebenwirkungen noch nicht vollständig verstanden sind und in weiteren Untersuchungen geklärt werden müssen", so Sörgel. "Andererseits handelt es sich immerhin schon um eine Studie am Menschen." In der Studie selbst haben die US-Forscher keine nachteiligen Nebenwirkungen beobachtet.

mbe/lub/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.