Streit um Tamiflu: Forscher rufen zum weltweiten Roche-Boykott auf

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Tamiflu ist das meistverkaufte Grippemittel der Welt - doch wie wirksam ist es? Eine wissenschaftliche Prüfung ist unmöglich: Pharmakonzern Roche weigert sich, die erforderlichen Daten herauszugeben. Forscher fordern deshalb Regierungen auf, den Konzern in die Pflicht zu nehmen. In Deutschland hält man nichts davon.

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Grippemittel Tamiflu: "Roche steht hinter den Daten"

"Wir arbeiten gerade selbst an einer Auswertung", "Wir benötigen zuerst noch eine Datenschutz-Erklärung", "Wir haben Ihnen doch schon alle wichtigen Daten zur Verfügung gestellt" - mit immer neuen Ausführungen begründen Mitarbeiter des Pharmakonzerns Roche, warum sie Wissenschaftlern der internationalen Cochrane Collaboration angefragte Daten zur Wirksamkeit des Grippemittels Tamiflu doch nicht herausgeben können.

Nachzulesen ist als dies alles auf der Internetseite des British Medical Journals (BMJ), dessen Chefredakteurin in der vergangenen Woche mit einem offenen Brief für Aufsehen gesorgt hatte. Fiona Godlee erklärte, dass das BMJ ab 2013 nur noch Studien veröffentlichen werde, deren Daten durch die Pharmakonzerne für andere Forscher in Gänze öffentlich sind.

Mit dem Vorstoß zielt das BMJ vor allem in Richtung des Schweizer Pharmamultis Roche. Seit mehr als drei Jahren versuchen Forscher der Cochrane Collaboration, Einblick in die noch unpublizierten Daten zu Tamiflu zu erhalten. Es geht um die Wirksamkeit des derzeit bestverkauften Grippemittels. Die Cochrane Collaboration ist eine gemeinnützige Organisation, die medizinisches Wissen verfügbar machen soll. Ihren Namen hat sie vom britischen Epidemiologen Sir Achibald Leman Cochrane, einem der Begründer der evidenzbasierten Medizin (EbM). Cochrane-Analysen gelten als die detailliertesten; untersucht werden Fragen zu Nutzen und Schaden medizinischer Therapien und Arzneimitteln.

Seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 2002 den Regierungen empfohlen hatte, Vorräte von Tamiflu anzulegen, lagerten viele Nationen das antivirale Mittel ein. Auch 2009, als Fälle der Schweinegrippe bekannt wurden, orderten viele Länder neue Vorräte - um sie in die Depots zu legen. Allein der Bund kaufte damals für 90 Millionen Euro Tamiflu ein. Seit 2002 hat Roche mit seinem Grippemittel einen Umsatz von rund 12 Milliarden US-Dollar gemacht.

Forscher halten Tamiflu für weniger wirksam

Genauso lange, wie die Länder Tamiflu einlagern, währt auch der Streit, ob das antivirale Mittel denn überhaupt nutzt. Bereits 2009 berichtete eine Forschergruppe der Cochrane Collaboration, es gebe Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments. Es fehlte etwa der klare wissenschaftliche Beleg dafür, dass Tamiflu Komplikationen wie eine Lungenentzündung verhindern könne.

Nach der Auswertung einiger bisher unveröffentlichter Unterlagen erneuerten die Forscher im Januar 2012 ihre Kritik: Die bisher bekannten Angaben zur Effektivität und Verträglichkeit des Grippemedikaments seien teilweise zu positiv. Tamiflu sei weniger wirksam und habe mehr Nebenwirkungen als vom Hersteller angegeben, schreiben sie im Fachmagazin "Cochrane Database of Systematic Reviews" .

Der Pharmakonzern Roche hat stets verneint, wesentliche Daten zurückzuhalten. So auch dieses Mal. "Roche erfüllt alle rechtlichen Anforderungen bezüglich der Datenpublikation", erklärte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE in der vergangenen Woche. Man stelle grundsätzlich keine Patientendaten zur Verfügung - aus rechtlichen Gründen und Geheimhaltungsauflagen. "Die Cochrane Gruppe hatte weitere Fragen und wollte zusätzliche Daten, war jedoch nicht bereit, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterzeichnen."

Das Katz-und-Maus-Spiel geht weiter

Diese jüngste Reaktion lässt die Tamiflu-Forscher zu anderen Mitteln greifen. "Wir sollten die Produkte von Roche boykottieren, bis sie endlich alle Daten veröffentlichen", sagt Peter Goetzsche. Der Leiter des nordischen Cochrane-Zentrums in Kopenhagen formuliert stellvertretend für seine Kollegen, was im ewigen Katz-und Maus-Spiel zwischen Forschung und Pharmaindustrie nun noch helfen könnte.

Weiterer Vorschlag: Die Regierungen der Länder, die in Zeiten von Hühner- und Schweingrippe (2009) im großen Stil das Grippemittel einlagerten, sollten das gezahlte Geld von dem Schweizer Pharmariesen zurückfordern.

In Berlin hält man nichts von derartigen Vorschlägen. Dem Gesundheitsministerium (BMG) seien entsprechende Äußerungen aus dem wissenschaftlichen Bereich bekannt, erklärt Sprecher Roland Jopp SPIEGEL ONLINE. "Bei dem Arzneimittel Tamiflu handelt es sich um ein zentral zugelassenes Arzneimittel, für das die zuständige Europäische Arzneimittelagentur die eingereichten Unterlagen bewertete und eine Zulassungsempfehlung aussprach." Nach Aussage der europäischen Behörde (EMA) wurden bei der Zulassungsprüfung alle publizierten und darüber hinaus unpublizierte Studien berücksichtigt.

Länder sollen ihr Geld zurückholen

Das nationale Institut für Arzneimittel (BfArM) habe die Ergebnisse der Cochrane-Untersuchungen ebenfalls geprüft und derzeit keine Einschränkung der positiven Nutzen-Risiko-Bewertung für Tamiflu festgestellt. Das BMG folgt dieser Einschätzung - man werde sich weder an einem Boykott von Roche-Produkten beteiligen noch Geld von dem Pharmakonzern zurückfordern.

Bei Roche nennt man den Aufruf zum Boykott "unverantwortlich". Es drücke einen Mangel an Sensibilität aus gegenüber Millionen von Patienten, die weltweit jeden Tag von den Medikamenten des Konzerns profitieren, erklärt ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. "Roche steht hinter den Daten, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Tamiflu belegen."

Derweil haben zahlreiche renommierte Wissenschaftler auf den Aufruf der BMJ-Journal-Chefin reagiert und befürworten ihre Forderung nach mehr Studien-Transparenz. Im Fall von Tamiflu geht das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Wissenschaft und Industrie allerdings in die nächste Runde.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Gesund und Unbedenklich....
Zeitwesen 15.11.2012
...wer hat zur Zeit das Gesundheitsministerium...? ach ja ,die FDP, die Partei denen das Wochl der Bürger wichtiger ist als eventuelle Parteispenden
2. Die meisten Deutschen wollen einfach nur die Wahrheit hören. Vor allem die deutschen
IsaDellaBaviera 15.11.2012
Zitat von sysopTamiflu ist das meistverkaufte Grippemittel der Welt - doch wie wirksam ist es? Eine wissenschaftliche Prüfung ist unmöglich: Pharmakonzern Roche weigert sich, die erforderlichen Daten herauszugeben. Forscher fordern deshalb Regierungen auf, den Konzern in die Pflicht zu nehmen. In Deutschland hält man nichts davon. Tamiflu: Forscher fordern Roche-Boykott - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/tamiflu-forscher-fordern-roche-boykott-a-866778.html)
Wähler, Steuerzahler und Kranken, die Medikamente von ROCHE in ihrer Apotheke kaufen. Wenn unsere Politiker nichts gegen die Weigerung des Pharmakonzerns ROCHE unternehmen, werden es eben wir, die arzneimittelschluckenden, deutschen Konsumenten tun...mit Produkten von anderen, ehrlicheren Unternehmen...
3.
Battlemonk 15.11.2012
meiner meinung nach hat Roche völlig recht. Die Produkte von Roche haben zwar sicher auch Nebenwirkungen, im Gegensatz zu Globuli erfüllen sie aber die Aufgaben von Medikamenten. Unverantwortlich sind Heilpraktiker die behaupten sie könnten Krankheiten mit Globuli, Wurzeln und Nashornpulver heilen aber nicht die moderne Pharmaindustrie die es erst ermöglicht dass wir in der Masse so alt werden (mit allen Nachteilen --> Rentenkassen leer, Beamtenpensionen leeren Staatskasse)
4. In wissenschaftlicher Erkenntnis ...
TSTS 15.11.2012
... wird uns in allen Medien gepredigt, habe die Menschheit einen Garanten für Fortschritt und Wohlstand. Doch dazu quer liegt immer ein Macht-Bias: wessen Erkenntnis zu welchem Zweck? Echte wissenschaftliche Erkenntnis fordert geradezu zu einem starken und aktiven Staat, wenigsten in seiner Kontroll- und Überwachungsfunktion! Doch ein FDP-geführtes Gesundheitsministerium wird nie der Sache, sondern immer den mächtigen und informierten Interessen des Marktes. Doch damit steht die FDP gegen ihre eigene, marktradikale Ideologie. Die Gesetze des Marktes funktionieren störungsfrei nur bei vollkommener Transparenz! FDP: Freiheitliche Doppelmoral Partei.
5.
chmb 15.11.2012
Gerade aus Deutschland hätte diese Forderung kommen sollen, da hier die Regeln sowieso viel strikter sind, gerade in Sachen Medizin. Dass dem nicht so ist, wundert aber auch nicht mehr, nach dem Schweinegrippe-Skandal, unserer bröckelnden medizinischen Versorgung im ganzen Land, am Hungertuch nagenden Pflegekräften, unglaublich offensichtlich korruptionsbedingte "Reformen" die dem Patienten nur mehr Probleme machen, immer mehr inkompetente Ärzte, gerade die, die man billig aus dem Ausland holt, und den generell immer öfter rauskommenden Korruptionsfällen. Ich habe Bekannte und Familie im Pflegebereich, und was man da zu hören bekommt, wird immer wahnsinniger. So langsam will ich es schon gar nicht mehr wissen. Unglaublich, einfach unglaublich. Um mal ein kleines Beispiel aus den letzten Tagen zu nennen: Meine Mutter musste ihren Pflegepatienten von einem Krankenwagen abholen lassen und ein Notarzt war auch dabei. Dieser Herr aus Asien meinte er habe nur eine Grippe. Meine Mutter, schon lange Jahre Erfahrung, meinte aber dass es das nicht sein kann, aus verschiedenen Gründen. Der Arzt fühlte sich nur angegriffen und blockte komplett ab und wollte ihn gar nicht mitnehmen. Meine Mutter bestand aber darauf und drohte die Polizei zu rufen. Daraufhin nahmen sie ihn dann doch mit, und auch im Krankenhaus unterstützt man die Meinung des Arztes (welcher dort arbeitete). Trotzdem behielt man den Patienten für einige Tage dort, weil Medikamente nicht ansprachen. Eine Woche später (noch immer lag er im Krankenhaus) Fand man dann heraus, dass er eine schwere Lungenentzündung hatte, und nun muss er wegen der schlechten Diagnose deswegen 4 Wochen Reha machen. Er kann wohl froh sein das überhaupt überlebt zu haben. Wie gesagt, das ist nur ein kleiner Auszug, der sogar eher harmlos ist.
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Die Cochrane Collaboration ist eine gemeinnützige Organisation, die medizinisches Wissen verfügbar machen soll. Ihren Namen hat sie vom britischen Epidemiologen Sir Achibald Leman Cochrane, einem der Begründer der evidenzbasierten Medizin (EbM).
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Cochrane Reviews sind aufwendige, systematische und standardisierte Übersichtsarbeiten (Metaanalysen), die das verfügbare Wissen aus wichtigen Studien zu einem medizinischen Thema sammeln und bewerten. Weltweit gibt es 52 Cochrane Review-Gruppen, deren Autoren aus unterschiedlichen Fachrichtungen kommen. Die Autoren der Reviews sind nicht nur Mediziner, sondern etwa auch Statistiker oder Epidemiologen, außerdem Rechercheure. Cochrane Reviews zeichnen sich durch eine besonders ausführliche Suche nach der verfügbaren Literatur zu einem Thema aus. Ein Cochrane Review untersucht immer eine konkrete Frage, zum Beispiel: "Kann man Harnwegsinfekte durch Cranberry-Saft verhindern?" Alle Cochrane Reviews sind ähnlich aufgebaut, die Kernaussage wird immer leicht verständlich zusammengefasst.
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Die evidenzbasierte Medizin (EbM) fordert, jede Entscheidung für oder gegen eine Behandlung eines Patienten immer auf Grundlage empirisch gewonnener Erkenntnisse zu fällen. Das heißt, es sollen nur nachgewiesenermaßen wirksame Verfahren angewandt werden.

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