Lese-Rechtschreib-Schwäche: Test weckt Hoffnung auf frühe Legasthenie-Erkennung

Ob ein Kind eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, lässt sich offenbar schon im Kindergarten-Alter mit einem einfachen Test erkennen. In einem Experiment stellte sich heraus, dass betroffene Kinder Schwierigkeiten mit Aufgaben haben, die hohe visuelle Aufmerksamkeit erfordern.

Vorzeichen für Legasthenie: Schwäche wird oft zu spät erkannt Zur Großansicht
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Vorzeichen für Legasthenie: Schwäche wird oft zu spät erkannt

Legasthenie ist unter Kindern weit verbreitet: Rund zehn Prozent sind betroffen, schätzen Experten. Oft wird die Lese-Rechtschreib-Schwäche erst nach der Einschulung erkannt. Eine neue Studie aber weckt jetzt die Hoffnung, dass die Störung schon wesentlich früher erkannt werden könnte.

Ein Team um Andrea Facoetti von der Universität im italienischen Padua hatte die Entwicklung von 96 Vorschulkindern bis zur zweiten Klasse verfolgt. Jedes Jahr absolvierten die Kinder dabei mehrere Tests zum Gedächtnis und dem Sprachverständnis, um ihren Entwicklungsstand zu überprüfen. Mit Übungen zur Fähigkeit, Laute bestimmten Wörtern zuzuordnen, und zwei Aufgaben zur visuellen Aufmerksamkeit suchten die Wissenschaftler gezielt nach Vorzeichen für die Legasthenie.

Im ersten Test erhielten die Kinder ein Blatt mit mehreren Reihen von Symbolen. Darin sollten sie alle Symbole eines Typs - beispielsweise Herzen - durchstreichen. "Die Kinder, die später Probleme mit dem Lesen hatten, machten bereits im Vorschulalter doppelt so viele Fehler wie die Kinder ohne Leseschwäche", schreiben Facoetti und seine Kollegen im Fachmagazin "Current Biology".

In der zweiten Übung zeigten die Forscher den Kindern jeweils für sehr kurze Zeit verschiedene Tafeln, auf nur einer davon war eine schräg nach rechts oder links geneigte Ellipse zu sehen. Anschließend sahen die Kinder eine Tafel mit vier verschiedenen, in unterschiedliche Richtungen geneigten Ellipsen, aus der sie die zuvor gesehenen heraussuchen sollten. Auch in diesem Test schnitten die 14 Vorschulkinder schlechter ab, die später in der Schule Probleme mit dem Lesen bekamen.

"Radikale Wende"

Diese Ergebnisse zeigten, dass die Fähigkeit zur visuellen Aufmerksamkeit bereits im Vorhinein anzeige, ob ein Kind später Schwierigkeiten beim Lesen lernen haben werde oder nicht, schreiben die Forscher.

Bisher hätte man vor allem Schwierigkeiten im Hören und Verstehen von Sprache als Hauptproblem bei der Legasthenie angesehen. Überraschenderweise seien die Defizite in der visuellen Aufmerksamkeit aber ebenfalls deutliche Vorzeichen für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. "Das ist eine radikale Wende gegenüber dem bisher Bekannten", sagt Studienleiter Facoetti. Denn es zeige, dass die Legasthenie auf Störungen in mehreren Bereichen der Wahrnehmung und Verarbeitung von Signalen beruhe.

Nach Ansicht der Forscher könnte die neue Erkenntnis die Behandlung von Kindern mit Legasthenie verbessern helfen. "Jüngste Studien haben gezeigt, dass spezielle Förderprogramme vor dem Lesenlernen die späteren Leseprobleme der Kinder mildern können", sagt Facoetti. Durch eine frühe Diagnose könnten Übungen zur visuellen Aufmerksamkeit bereits im Vorschulalter begonnen werden, um Legasthenikern gezielt zu helfen. Bemerkenswert sei, dass auch bestimmte Action-Computerspiele die visuelle Aufmerksamkeit von Kindern trainieren.

mbe/dapd

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insgesamt 22 Beiträge
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1. So wie's hier steht, ist das wenig überzeugend
kh- 05.04.2012
Wenn Kinder den Unterschied zwischen rechts- und linksgeneigten Ellipsen nicht erkennen, spricht das eher für eine vorliegende Links- oder Beidhändigkeit als für eine grundsätzliche Störung des visuellen Differenzierungsvermögens. Darüber hinaus ist es fraglich, in welcher Hinsicht Actionsspiele die visuelle Aufmerksamkeit fördern, und ob das denn dem Lesenlernen zuträglich ist, s. a. hier: Actionspiele schulen die Aufmerksamkeit | Telepolis (http://www.heise.de/tp/artikel/32/32163/1.html)
2.
baumuster 05.04.2012
Ansätze, das Phänomen Legasthenie zu erforschen - und zwar insbesondere den Aspekt der Intervention - sind zu begrüssen. Zu begrüssen wäre auch, wenn Schulen endlich flächendeckend ihrem gesetzlichen Auftrag der Föderung nachkämen. Es ist schlicht ein Witz, dass man blumig die "Inklusion" verkündet, aber schon der (lange bestehenden) Anforderung der Förderung der Legasthenie in den Schulen nicht nachkommen kann.
3. Legasthenie/Dyslexia
Blaue Fee 05.04.2012
10%?! Soooo viele? Nö, da läuft wohl etwas anderes grundsätzlich falsch. Jemand, der regelmässig mit Dyslexikern konfrontiert ist, bemerkt, dass das Gehirn gewisse Bilder nicht richtig verarbeiten kann und dies nicht unbedingt mit fehlender Aufmerksamkeit korreliert. Natürlich müssen Kinder mit dieser Schwäche extra darauf achten lernen, die Bilder im Kontext richtig zu erkennen, aber das hat nichts mit Lernfaulheit zu tun! Wenn angeblich 10 Prozent betroffen sein sollen, dann sind das keine echten Dyslexiker, sondern Kinder, die einfach das Lesen nicht erlernen wollen/können - aber nicht aufgrund fehlerhaften Gehirnstrukturen, sondern aufgrund fehlender Übung/Training oder mangelhafter Lehrmethoden (d.h. nicht lesefähige Schüler in die nächste Jahrgangsstufe zu versetzen).
4. Gottseidank....
Vermalia 05.04.2012
Zitat von Blaue Fee10%?! Soooo viele? Nö, da läuft wohl etwas anderes grundsätzlich falsch. Jemand, der regelmässig mit Dyslexikern konfrontiert ist, bemerkt, dass das Gehirn gewisse Bilder nicht richtig verarbeiten kann und dies nicht unbedingt mit fehlender Aufmerksamkeit korreliert. Natürlich müssen Kinder mit dieser Schwäche extra darauf achten lernen, die Bilder im Kontext richtig zu erkennen, aber das hat nichts mit Lernfaulheit zu tun! Wenn angeblich 10 Prozent betroffen sein sollen, dann sind das keine echten Dyslexiker, sondern Kinder, die einfach das Lesen nicht erlernen wollen/können - aber nicht aufgrund fehlerhaften Gehirnstrukturen, sondern aufgrund fehlender Übung/Training oder mangelhafter Lehrmethoden (d.h. nicht lesefähige Schüler in die nächste Jahrgangsstufe zu versetzen).
...scheinen Sie sich mit dem Thema besser auszukennen, als sämtliche Fachleute. Das was diese Studie aussagt, erlebe ich in meiner Lernpraxis jeden Tag - Kinder, die Schwierigkeiten haben mit der akustischen Wahrnehmung, wie der Differenzierung von Lauten und dem akustischen Gedächtnis, häufig verbunden mit Schwächen in der opischen Wahrnehmungsverarbeitung. Je nach Ausprägung ergibt das eine LRS bzw. eine isolierte Lese- oder Rechtschreibschwäche. Die meisten dieser Kinder haben übrigens äußerst engagierte Eltern, die mit ihrem Nachwuchs sehr viel üben - ohne dass entscheidende Fortschritte erzielt werden.
5. Wieso ist das neu?
pixie48 05.04.2012
Zitat von sysopAPOb ein Kind eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, lässt sich offenbar schon im Kindergarten-Alter mit einem einfachen Test erkennen. In einem Experiment stellte sich heraus, dass betroffene Kinder Schwierigkeiten mit Aufgaben haben, die hohe visuelle Aufmerksamkeit erfordern. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,826093,00.html
diese "Spiele" hab ich mit Kindern vor ueber 30 Jahren gemacht und anschliessend in "Spielen" die Kinder entspechend gefoerdert. Das ist doch schon alles bekannt. Vielleicht sollten heutige Wissenschaftler ab und zu alte Literatur lesen.
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