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Tierversuch: Forscher lassen Gelenk im Körper nachwachsen

Manche Tiere können es, Menschen wünschen es sich seit langem: kaputte Körperteile einfach nachwachsen lassen. Ein Tierversuch weckt nun die Hoffnung, dass die Vision eines Tages Realtität werden könnte: Erstmals ist es Forschern gelungen, in den Körpern von Kaninchen Gelenke zu züchten.

Tierversuch: In Kaninchen wachsen Gelenke Fotos
The Lancet / Columbia University

Die Gelenke des Körpers sind üblicherweise mit einer Knorpelschicht überzogen, die wie ein schützendes Polster wirkt. Durch Verletzungen, Entzündungen oder Erkrankungen wie Arthrosen kann sich der Knorpel abnutzen - es kommt zu Gelenkverschleiß. Die degenerierten Gelenke müssen dann ausgetauscht werden. Zwar gibt es heutzutage recht gut entwickelte Ersatzgelenke aus Titan, Stahl oder synthetischen Materialien. Sie besitzen jedoch nur eine Lebensdauer von etwa 15 Jahren. Eine Implantation ist mit einer strapaziösen Operation und einer langwierigen Rehabilitation verbunden. Deswegen lassen sich solche Eingriffe nicht beliebig oft durchführen. Da die Menschen im Durchschnitt immer älter werden, leben sie oft länger als das künstliche Gelenk.

Die ideale Lösung wäre, wenn neue Gelenke direkt im Körper entstehen könnten - und dieser Vision ist ein Team um Jeremy Mao von der Columbia University in New York jetzt einen Schritt näher gekommen: Die Wissenschaftler haben bei Kaninchen erstmals ein Gelenk an Ort und Stelle neu wachsen lassen.

Mao und seine Kollegen haben zunächst ein Gelenk aus den Vorderpfoten der Nager entfernt. Dann implantierten sie den Tieren den Rohbau eines künstlichen Gelenks, der aus dem Strukturprotein Kollagen gefertigt und mit einem Wachstumsfaktor versehen war. Durch dessen Einfluss wanderten körpereigene Stammzellen an die beschädigte Stelle, wie die Forscher im Fachmagazin "The Lancet" schreiben. Die Stammzellen hätten Knorpel, Knochenmasse und die dazugehörigen Blutgefäße entstehen lassen. Nach nur vier Wochen hätten die Kaninchen das neue Gelenk mit ihrem kompletten Körpergewicht belasten und sich wieder normal bewegen können.

"Es ist das erste Mal, dass ein komplettes Gelenk nachgebildet wurde und alle Bewegungsfunktionen wieder intakt sind", sagt Studienleiter Mao. Nach demselben Prinzip könnte es in Zukunft auch möglich sein, Knie-, Schulter-, Hüft- oder Fingergelenke direkt im Körper zu produzieren. Es würde allerdings noch einige Zeit dauern, bis die Methode auch beim Menschen angewandt werden könne.

Patrick Warnke von der Bond University im australischen Gold Coast lobt in einem Kommentar die Ergebnisse der Studie, schränkt jedoch ein: "Nicht alle Patienten haben dieselben Fähigkeiten der Regeneration." Besonders bei älteren Menschen bestehe das Risiko einer sehr langen Zeit der Bewegungsunfähigkeit, die beim Einbau eines herkömmlichen künstlichen Gelenks kürzer ausfalle.

smk/ddp

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