Tierversuche Empörung über Anzeigenkampagne gegen Hirnforscher

Der Streit um die Tierversuche an der Uni Bremen eskaliert: In einer ganzseitigen Zeitungsanzeige attackieren Tierschützer den verantwortlichen Forscher. Jetzt keilt der Rektor der Hochschule in einem offenen Brief zurück.

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Rhesusaffe im Institut für Hirnforschung der Uni Bremen (Oktober 2008): Streit um Tierversuche
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Rhesusaffe im Institut für Hirnforschung der Uni Bremen (Oktober 2008): Streit um Tierversuche


"Kreiter macht eiskalt weiter", ruft die Überschrift dem Leser entgegen, darunter ein Foto des Bremer Neurobiologen Andreas Kreiter neben dem eines Affen, eingespannt in einer Haltevorrichtung, eine Nummer auf der rasierten Brust. "Tierexperimentatoren sind Wesen besonderer Art - man sollte sie nicht leichtfertig Menschen nennen", lautet der Eröffnungssatz. Es folgt eine Wutrede gegen Tierversuche im Allgemeinen und den Biologen im Besonderen: Dessen Versuche seien nicht nur "barbarisch", "brutal" und "grausam", sondern auch unwissenschaftlich und medizinisch sinnlos.

Der Ton der Attacke ist weniger überraschend als die Art, wie und wo sie erschienen ist: als ganzseitige Anzeige in der "Zeit", der "Frankfurter Allgemeinen", dem "Tagesspiegel" sowie im "Weser-Kurier" und in den "Bremer Nachrichten".

Die Annonce ist der vorläufige Höhepunkt eines Streits, der mehr als 15 Jahre zurückreicht, der sowohl den Bremer Senat als auch die Gerichte beschäftigte und in dessen Verlauf es gar zu Morddrohungen kam. Die Tierschützer werfen Kreiter vor, seine Versuchstiere unnötig und mit brutalen Methoden zu quälen, der Neurobiologe hat sich wiederholt gegen die Vorwürfe gewehrt. Juristisch haben die Tierschützer den Kampf inzwischen verloren: Im Dezember erklärte das Oberverwaltungsgericht Bremen Kreiters Experimente für zulässig, Anfang Februar bestätigte das Bundesverwaltungsgericht das Urteil.

Die ganzzeitige Anzeige hat den Streit nun neu angefacht und einen Gegenangriff der Uni Bremen provoziert. Rektor Bernd Scholz-Reiter schrieb einen offenen Brief an die Zeitungen: Mit "Unverständnis und Empörung" habe er auf den Abdruck der Anzeige reagiert. Die Experimente seien nicht nur höchstrichterlich genehmigt, die Methoden würden auch ständig überprüft und begutachtet. In der Anzeige würden falsche Behauptungen aufgestellt, Kreiters Methoden würden "als unwissenschaftlich diffamiert".

Tierschützer legen nach

Vor allem aber werde Kreiter "in seiner Menschenwürde angegriffen", so Scholz-Reiter. "Es wird suggeriert, als Durchführender von Tierversuchen sei Professor Kreiter das Menschsein abzusprechen. Mit dieser Ausgrenzung und Entmenschlichung einer Person ist die Grenze zulässiger öffentlicher Meinungsbildung und -äußerung überschritten."

Der Urheber des Angriffs, ein Verein namens Tierversuchsgegner Bundesrepublik Deutschland, sieht das naturgemäß anders. "Es muss in einer Demokratie erlaubt sein zu hinterfragen, ob jemand, der seit über 30 Jahren aus Neugier Tiere systematisch quält und tötet, nicht den Anspruch auf Menschenwürde verloren hat", sagt Rainer Gaertner, Vorsitzender des Verbands.

Gaertner kündigt nun weitere Aktionen in der Causa Kreiter an, schon am kommenden Wochenende werde man weitere Anzeigen schalten. Vor der nächsten Bundestagswahl werde der Verein dann erneut verstärkt aktiv werden. "Wir werden Kampagnen gegen bestimmte Politiker fahren", sagt Gaertner. Dabei werde man nicht nur die Experimentatoren, sondern auch "die politisch Verantwortlichen persönlich zur Rechenschaft ziehen". Geld hat der Verein offenbar genug: Allein die Anzeigenkampagne vom 16. April dürfte rund 200.000 Euro gekostet haben.

Verlage rechtfertigen Veröffentlichung

Rektor Scholz-Reiter wirft den Verlagen in seinem offenen Brief nun einen Verstoß gegen den Pressekodex vor, zu dessen obersten Geboten die Wahrung der Menschenwürde gehöre. Die Verlage rechtfertigen dagegen ihr Vorgehen. "Wir haben für unsere Leser klar ersichtlich gemacht, dass es sich bei dem Inhalt der Anzeige nicht um die Meinung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung handelt", erklärte Thomas Lindner, Sprecher der Geschäftsführung der "FAZ". Zwar beinhalte die Anzeige eine "überaus kritische Sicht der Forschungsarbeiten von Professor Kreiter". Die Anzeige aber "in einer Art Zensur" zu verhindern, wäre "mit unserem Verständnis der freien Meinungsäußerung nicht zu vereinbaren gewesen".

Der "Weser-Kurier" und die "Bremer Nachrichten" ließen Anfragen zur Veröffentlichung der Anzeige unbeantwortet. "Zeit" und "Tagesspiegel" erklärten dagegen unisono, vor Veröffentlichung der Anzeige mehrfach mit Gaertner über eine Änderung des Textes verhandelt zu haben. Gaertner aber habe sich am Ende aber mit Verweis auf die Meinungsfreiheit durchgesetzt. "Juristische Grenzen waren nach Ansicht unserer Justiziare durch die Anzeige nicht überschritten worden", erklärt Iris Mainka, Chefin vom Dienst bei der "Zeit".

"Grenzwertig aber ist ohne Zweifel das persönliche Anprangern des Herrn Kreiter", fügte Mainka hinzu. Die "Zeit" werde das Thema der Tierversuche in Bremen und die Anfeindungen gegen Kreiter "redaktionell aufgreifen" und den offenen Brief von Rektor Scholz-Reiter veröffentlichen.

Ähnlich äußerte sich Emmy Börner vom "Tagesspiegel". Auch sie bezeichnete die Angriffe gegen Kreiter als "grenzwertig". "Wir haben aus der Angelegenheit gelernt", so Börner. "Noch einmal würden wir eine solche Anzeige vermutlich nicht abdrucken."

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tadamtadam 23.04.2014
1. hm...
... sehr gewagt, einem menschen, dessen meinung man nicht teilt und dessen tun man nicht versteht, die menschenwürde abzusprechen. ob solche leute überhaupt verstehen, was das bedeutet?
gaerry 23.04.2014
2. Den Anspruch
auf menschenwürde verlieren? Das lässt aber einen tiefen Blick zu, auch wenn man zu Tierversuchen eine sehr skeptische Meinung haben kann und muss. Aber jemanden die Menschenwürde absprechen versößt gegen das Grundgesetz, Artikel 1, und ist, sorry dafür, aber es stimmt; faschistoid.
Schwarzbär 23.04.2014
3. Wo bleibt die Würde des Tieres?
Keine Frage, es gibt gute Argumente für Tierversuche, die der Bekämpfung schwerer Krankheiten dienen. Wobei selbst hier die Frage ist, mit welchem Recht sich der Mensch - teilweise hochinetelligente - Tiere zu Nutze macht, um sein eigenes Leben zu verlängern und/oder zu verbessern. Jedoch ist offensichtlich, dass "Forscher" wie der oben beschriebene auch die pure eigene Neugierde an wehrlosen Tieren ausleben und ohne Rücksicht auf seelische und körperliche Qualen vorgehen. Menschen, die bewusst und rücksichtslos so mit anderen Lebewesen umgehen, haben tatsächlich kein Recht mehr auf Ihre Würde, da sie sie anderen Lebewesen auch verweigern. Über Tierversuche für Kosmetikprodukte und Ähnliches müssen - denke ich - nicht reden. Jeder, der so etwas heute noch macht, gehört wegen schwerer Tierquälerei in den Knast.
e-hugo 23.04.2014
4. Unparteiisch?
---Zitat--- Die "Zeit" werde das Thema der Tierversuche in Bremen und die Anfeindungen gegen Kreiter "redaktionell aufgreifen" und den offenen Brief von Rektor Scholz-Reiter veröffentlichen. ---Zitatende--- Etwas merkwürdige Einstellung. Von Tierversuchsgegnern nimmt man Geld für die Anzeige, die der Befürworter druckt man umsonst. Man muss nur genug Lobbydruck aufbauen.
rompipalle 23.04.2014
5. Ja,es gibt Tierversuche....
Und nicht immer ist klar ob sie nötig sind. Dennoch,das Thema und speziel bei Primaten sollte schon lange durch sein. Vieles geht auf genitischer Ebene,auch ohne Tierversuche. Ich habe grundsätzlich eine gespaltene Meinung,die mit fortschrittlichen Konzepten, Tier-KZ's wirklich überflüssig machen... -algemein gesprochen. Was nicht heißt,dass es Ausnahmen im ethischem Rahmen geben kann.
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