Tinnitus-Behandlung: Maßgeschneiderte Musik gegen das Pfeifen im Ohr

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Fiepen, Brummen, Rauschen - ein Tinnitus kann einen in den Wahnsinn treiben. Eine erfolgreiche Therapie gegen die Hörstörung, unter der Millionen Deutsche leiden, gibt es nicht. Nun melden deutsche Wissenschaftler, dass sie Betroffenen mit einer speziellen Musiktherapie Linderung verschaffen konnten.

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Tinnitus-Patient: Maßgeschneiderte Musik kann helfen

Der Tinnitus ist eine der häufigsten gesundheitlichen Beeinträchtigung in der industrialisierten Welt. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2009 leiden rund zehn Prozent der Deutschen an dieser Störung der Hörfunktion.

Deutschen Wissenschaftlern um Christo Pantev vom Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Universität Münster ist es jetzt nach eigenen Angaben gelungen, mit einer maßgeschneiderten Klangtherapie einer kleinen Gruppe von Tinnitus-Betroffenen Linderung zu verschaffen.

Tinnitus kann sich sehr unterschiedlich äußern: Ob Klacken, Brummen, Rauschen oder Pfeifen - bei einem bis drei Prozent der Bevölkerung können die störenden Ohrgeräusche so schlimm sein, dass sie die Lebensqualität stark einschränken, schreiben Pantev und seine Kollegen im Fachblatt " Proceedings of the National Academy of Sciences". Therapieansätze gibt es viele, von durchblutungsfördernden Medikamente über Cortison und Akupunktur bis hin zu autogenem Training, Laser und Psychotherapie. Eine heilsame Wirkung ist aber meistens nicht belegt.

Die Tinnitus-Frequenzen wurden aus der Musik herausgefiltert

Pantev und seine Mitarbeiter haben eine Therapie mit Musik entwickelt und 23 Betroffene ein Jahr lang auf diese Weise behandelt. 16 der Probanden mussten in diesem Zeitraum täglich ihre Lieblingsmusik hören. Bei acht Patienten wurde das Frequenzspektrum der Musik individuell angepasst: Die Forscher filterten jeweils genau die Frequenzen aus der Musik heraus, die der jeweiligen Tinnitus-Frequenz entsprachen.

Die anderen acht Patienten bekamen auch modifizierte Musik zu hören. Allerdings wurde bei ihnen ein Filter angewandt, der eine zufällige Frequenz unterdrückte, nicht aber die des Tinnitus. Sieben weitere Patienten erhielten im Untersuchungszeitraum gar keine Musikbehandlung. Die Altersstruktur aller drei Gruppen war in etwa vergleichbar, die Probanden waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Ihre Ohrgeräusche lagen im Bereich zwischen 2375 und 8000 Hertz, alle hörten vor der Studie zwischen 7 und 21 Stunden pro Woche Musik.

Zur Entstehung des Tinnitus gibt es verschiedene Theorien. Wissenschaftler vermuten, dass er in den Hörregionen der Großhirnrinde entsteht - aufgrund einer fehlerhaften neuen Verbindungen der Nervenzellen. Die Forscher spekulieren, dass aufgrund eines Hörverlusts in der Verarbeitungskette über Hörnerv und Hirnschaltstellen bis zum Hörzentrum in der Großhirnrinde die für eine Frequenz spezialisierten Nervenzellen plötzlich von den eingehenden Impulsen abgeschnitten werden. Anschließend werden sie vermutlich neu mit benachbarten Nervenzellen verbunden, die auf andere Frequenzen reagieren. Die Folge: Wie Klaviertasten, die aneinander kleben und versehentlich mit angeschlagen werden, werden sie jedesmal mit stimuliert, wenn eigentlich andere Frequenzen gehört werden.

Ziel von Pantevs Team war es, mit ihrer modulierten Musik diese falsch verdrahteten Nervenzellen, die möglicherweise die Tinnitus-Frequenzen erzeugen, gezielt auszusparen und zu beruhigen. Bei der Doppelblind-Studie wussten weder Wissenschaftler noch Probanden, wer zu welcher Gruppe gehörte. Nach zwölf Monaten untersuchten die Forscher, ob sich die Lautstärke des Tinnitus verändert hatte. Weiterhin maßen sie mit Hilfe eines Magnetfeld-Enzephalografen die Aktivität der Nervenzellen in der Hörrinde der Patienten, während sie sie mit Tönen in der Tinnitus-Frequenz reizten.

Nach zwölf Monaten war der Tinnitus bei allen Behandelten leiser geworden

Das Ergebnis: Nach zwölf Monaten berichteten alle Patienten in der Gruppe mit maßgeschneiderter Musik, dass das Tinnitus-Geräusch bei ihnen signifikant leiser geworden ist. Im Schnitt war es um ein Viertel vermindert, die Bandbreite reichte von wenigen Prozenten bis zu halb so laut.

In der Kontrollgruppe mit dem zufälligen Filter hingegen war die Spannweite der Ergebnisse sehr breit gestreut: Bei einer Hälfte der Patienten war der Tinnitus leiser geworden, bei der anderen Hälfte jedoch lauter, bei einem Patienten sogar um bis zu 80 Prozent. Bei der Kontrollgruppe ohne Musikbehandlung war das Ergebnis ebenfalls uneinheitlich: Vier Patienten erfuhren Verbesserung, drei eine Verschlechterung in der Lautstärke ihres Tinnitus.

Bei den Hirnmessungen zeigte sich nach zwölf Monaten in der behandelten Gruppe eine verminderte Reaktion auf die Hörreize in der Tinnitus-Frequenz. Bei den beiden Kontrollgruppen hingegen war ein gegenteiliges Ergebnis zu beobachten: Die Hirnregionen, die auf diese Frequenzbereiche antworteten, zeigten eine verstärkte Antwort.

Pantev und seine Kollegen sehen vor allem in den Ergebnissen der Hirnstrom-Messungen die Bestätigung für ihre Theorie und den Effekt ihrer Therapie. Positiv unterstützend, so spekulieren die Forscher, könnte dabei auch sein, dass die Betroffenen ihre Lieblingsmusik wählen durften. Dies erzeuge eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Hören und stimuliere möglicherweise das Belohnungsempfinden. Dabei werde vermutlich im Gehirn der Nervenbotenstoff Dopamin ausgeschüttet, welcher wiederum wichtig sei bei der Neuorganisationen der Hörrinde.

Pantev und seine Kollegen sehen in ihrer Methode eine angenehme, kostengünstige und effektive Möglichkeit zur Behandlung von Tinnitus. Sie könne psychologische Therapieansätze ergänzen.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. etwas dünne Datenlage
chassespleen 29.12.2009
Zitat von sysopFiepen, Brummen, Rauschen - ein Tinnitus kann einen in den Wahnsinn treiben. Eine erfolgreiche Therapie gegen die Hörstörung, unter der Millionen Deutsche leiden, gibt es nicht. Nun melden deutsche Wissenschaftler, dass sie Betroffenen mit einer speziellen Musiktherapie Linderung verschaffen konnten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,669399,00.html
Wäre sehr wünschenswert, wenn es eine effektive Therapie gegen Tinnitus gäbe, aber die Belege sind ziemlich dünn - n=8 pro Gruppe und das Journal, na ja. Also die zitierten Befunde sollten mit Vorsicht genossen werden ...
2. Blutverdünnende Mittel
fucus-wakame 29.12.2009
Gibt es denn Experimente mit blutverdünnenden Mitteln (ähnlich wie bei einem Hörsturz) ?
3. keine wirksamen pharmakologischen Therapien bei Tinnitus bekannt
chassespleen 29.12.2009
Zitat von fucus-wakameGibt es denn Experimente mit blutverdünnenden Mitteln (ähnlich wie bei einem Hörsturz) ?
Eine zuverlässige pharmakologische Therapie ist nicht bekannt. Nach veröffentlichten klinischen Studien bringt Gingko biloba z.B. keine nachweisbare Wirkung bei Tinnitus. ASS (Aspirin) scheint eher Tinnitus auszulösen als zu mildern. Soll nicht heißen, dass im Einzelfall nicht evtl. doch Wirkungen da sind. Nur ist die Chance, dass man selbst positiv reagiert leider nicht sehr hoch. "Alternativbehandlungen" kann man sich schenken, sie helfen prinzipiell nicht über Placeboniveau hinaus (Akupunktur, Homöopathie etc...)
4. Alle Tinnitus Hilfsmittel helfen nur den Verkäufern und den Ärzten
GM64 29.12.2009
Zitat von chassespleenEine zuverlässige pharmakologische Therapie ist nicht bekannt. Nach veröffentlichten klinischen Studien bringt Gingko biloba z.B. keine nachweisbare Wirkung bei Tinnitus. ASS (Aspirin) scheint eher Tinnitus auszulösen als zu mildern. Soll nicht heißen, dass im Einzelfall nicht evtl. doch Wirkungen da sind. Nur ist die Chance, dass man selbst positiv reagiert leider nicht sehr hoch. "Alternativbehandlungen" kann man sich schenken, sie helfen prinzipiell nicht über Placeboniveau hinaus (Akupunktur, Homöopathie etc...)
Es ist eigentlich sehr schamlos was auf dem Gebiet des Tinnitus alles getrieben wird. Da gab es recht teure Bücher beim Weltbild mit CDs und so. Aber es hilft alles nichts. Die Ärztin die ich aufgesucht hatte, hat mir klipp und klar gesagt, wenn sie wüsste warum ein Tinnitus entsteht, dann bekäme sie einen Nobelpreis. Wenn man auch darüber nachdenkt, dann wird es auch einem klar, dass man eigentlich auf verlorenen Posten steht, man kann in dem Bereich nicht experimentieren. Da haben Ärzte mit ihrem Forscherdrang schon viele ausgenommen oder geschädigt. Ich habe von einem Fall gelesen, wo der Arzt den Hörnerv durchtrennt hat, der Patient war dann zwar taub, aber der Tinnitus war noch da. Mein Tinnitus ist von meiner Müdigkeit abhängig. Ganz weg ist er nie, aber wenn ich Müde bin ist er lauter. Mir ist auch aufgefallen, dass ich, wenn ich Musikstücke häufig höre, mir die im Kopf wie in einem Radio anhören kann. Sie hatten so ein Windows Musikstück, "Gates To Hell", das habe ich mir einige male angehört, und dann habe ich es im Kopf gehört. Nach einigen Tagen war es Gott sei dank weg. Habe auch beim Domradio immer den Adventskalender täglich gehört. Heute habe ich nur die Anfangsmusik gehört, und habe dann danach die Musik im Kopf weiter gehört. War aber danach gleich weg. Denke es ist am Besten wenn man das Hirn mit dem Problem alleine lässt, ich hätte am Anfang nicht Auto fahren können weil mir alles so anders geklungen hat, eigentlich hatte ich dann nur mit Mühe Umgebungsgeräusche wahrgenommen, nicht weil ich sie nicht gehört hatte, aber ich habe es nicht wahrgenommen. Heute kann ich sogar die Uhr ticken hören und normal leben. Übrigens nachdem ich Ihre Musikstücke gehört hatte, hatte ich Ohrschmerzen. Lieber höre ich etwas mehr als weniger. Gott sei dank habe ich noch ein gutes Gehör. Denke die ewig brummenden PCs sind auch nicht gesund. Und mit einem Kopfhörer konnte ich mich nie anfreunden, ich hatte da auch immer Ohrschmerzen bekommen.
5. Solange
saul7 29.12.2009
Zitat von sysopFiepen, Brummen, Rauschen - ein Tinnitus kann einen in den Wahnsinn treiben. Eine erfolgreiche Therapie gegen die Hörstörung, unter der Millionen Deutsche leiden, gibt es nicht. Nun melden deutsche Wissenschaftler, dass sie Betroffenen mit einer speziellen Musiktherapie Linderung verschaffen konnten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,669399,00.html
eine Ursache der Erkrankung nicht gefunden wird, ist ein therapeutischer Ansatz äußerst schwierig. Zur Linderung der Beschwerden gibt es eine ganze Reihe von Vorschlägen. Auch dieser hier ist nicht neu. Die traurige Erkenntnis für Tinnitus-Erkrankte ist, dass ihnen nur ganz vereinzelt geholfen werden kann.
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