Todesfall-Statistiken: O du tödliche

Von Kurt F. de Swaaf

Kommt der Weihnachtsmann, ist der Sensenmann nicht weit: An den Feiertagen steigt die Zahl der Todesfälle drastisch, wie eine Auswertung von 57 Millionen Sterbefällen in den USA ergeben hat. Über die Gründe können Mediziner und Sozialforscher nur rätseln.

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Rettungssanitäter: Viel Arbeit an den Feiertagen

Besinnliche Adventszeit? Stille Nacht, heilige Nacht? Nicht in Deutschlands Fußgängerzonen. Sie sind voll hektischer, gereizter Zeitgenossen, nur der Glühwein scheint kurzfristig Erlösung zu bieten. Zu Hause wird derweil aufgerüstet. Noch größere Braten, noch mehr Geschenke. Weihnachten wird unterm Baum entschieden - das Fest der Liebe ist längst zum Fest der Anforderungen geworden.

Einige halten dem Druck offenbar nicht stand. Sie werden akut krank - körperlich, seelisch oder beides. Mediziner und Therapeuten kennen das: In der Vorweihnachtszeit steigen die Patientenzahlen deutlich an, berichtet etwa Wolfgang Herzog, Leiter der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Universität Heidelberg. Weihnachten sei mit zahlreichen Idealvorstellungen verbunden, und deren Kontrast zur Realität sei oft enorm. "Das ist für manche Menschen sehr belastend." Auch der Kölner Psychologe Werner Hübner beobachtet bereits Anfang November einen verstärkten Andrang - "sobald die ersten Printen in die Läden kommen".

Als Gesundheitsrisiko wurden die Feiertage bisher kaum systematisch erforscht. US-Wissenschaftler haben die Gesundheitsgefahr der Festtage nun genauer beleuchtet - und dabei Erschreckendes festgestellt. David Phillips von der University of California in San Diego hat zusammen mit zwei Kolleginnen sämtliche elektronisch registrierten Todesfälle in den USA aus den Jahren 1979 bis 2004 statistisch analysiert.

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Statistik-Analyse: Tödliche Weihnachten
Die Auswertung zeigt verblüffend klare Trends. Die Kurven für Todesfälle in der Notaufnahme und auf dem Weg zum Krankenhaus zeigen pünktlich zu Weihnachten und Neujahr nadelscharfe Spitzen. Auch die Zahlen für Todesfälle in anderen Situationen zeigen deutliche Abweichungen nach oben, wie die Forscher im Fachblatt "Social Science & Medicine" schreiben. Insgesamt seien an Weihnachten 15.179 mehr Menschen gestorben, als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Am Neujahrstag seien es sogar 25.872 zusätzliche Todesfälle gewesen.

Im Ganzjahresvergleich ist die Sterblichkeit während der Feiertage demnach am höchsten - zumindest in den USA. Zwar steigt die Zahl der Todesfälle zum Jahresende ohnehin an, etwa durch jahreszeitliche Faktoren wie witterungsbedingte Erkrankungen oder durch verstärkte Reisetätigkeit. Doch die Grafiken von Phillips und seinen Kollegen zeigen um die Feiertage ein Todesrisiko, das weit über den eigentlich zu erwartenden Werten liegt. Da der zugrunde liegende Datensatz über 57 Millionen Verstorbene, den Zeitpunkt ihres Todes und die Umstände umfasst, halten die Forscher die Ergebnisse für zuverlässig.

Schwierige Interpretation der Ergebnisse

Doch die Interpretation der Zahlen ist schwierig, betont Phillips im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Inwiefern Stress tatsächlich für die hohe Dezember-Mortalität verantwortlich sei, lasse sich aus den Ergebnissen nicht ablesen. Aufgrund der Extremspitzen in Notfallszenarien vermutet der Soziologe einen Teil der Ursache in kurzfristigen Defiziten in der Gesundheitsversorgung. Die Notaufnahmen seien während den Feiertage häufig überlastet, so dass viele Menschen eventuell notwendige Arztbesuche vor sich her schöben - "weil sie verreisen oder das Fest nicht stören wollen". Allerdings bleiben Kinder von den gehäuften Todesfällen verschont, obwohl die schlechtere Nothilfe sie genauso beträfe wie alle anderen.

Unsicher ist auch, wie sehr psychische Faktoren die Statistik beeinflussen. Starke Stresszustände können durchaus Herzinfarkte auslösen, erklärt Psychosomatik-Experte Herzog. Die Menschen müssten allerdings schon vorher gefährdet sein. Laut Phillips sterben Alzheimer-Patienten an den Feiertagen sogar häufiger an Herz- und Gefäßkrankheiten als andere Menschen - obwohl sie eigentlich weniger unter Weihnachtsstress leiden sollten. Merkwürdig ist auch eine Statistik des Deutschen Instituts für Herzinfarktforschung aus dem Jahr 2007: Sie zeigt geringe Herzattacken-Raten just zu Weihnachten. Die Gründe sind rätselhaft.

Eine Entwarnung sieht Hübner darin nicht. Der Psychologe schätzt, dass etwa ein Viertel der Deutschen die Freude am Fest längst verloren hat und die Rückkehr zur Normalität als Befreiung empfindet. Die Ursachen dafür seien nicht nur der Einkaufsstress. Die Feiertage am Jahresende sind Bilanzzeit, meint Hübner. "Weihnachten ist auch eine Gerichtsverhandlung." Die Familie kommt zusammen und fragt nach allem, was im vergangenen Jahr passiert ist: Berufliches, Privates, Gelungenes und Gescheitertes. "Wenn etwas nicht in Ordnung ist, muss man Weihnachten fürchten."

Zu diesem psychologischen Druck gesellt sich häufig ein Gefühl der Trauer. Der Zauber ist fort, das Fest aus den Kinderjahren lässt sich nicht mehr erleben. "Es ist immer noch ein gespeichertes Weihnachten in uns", sagt Hübner. Sein Kollege Mark Williams von der University of Oxford spricht von "verletzten Erwartungen". Einerseits hätten viele das Gefühl, sie müssten Weihnachten genießen können, auch wenn das nicht gelingen will. Gleichzeitig mache es ihnen die "rasende Welt" sehr schwer, zur Ruhe zu kommen, erklärt der britische Forscher. "Die Menschen sehen: Ich brauche eine Pause, und ich werde sie nicht bekommen."

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