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Tödliches Darm-Bakterium: Erste Ehec-Spur in Frankfurt gefunden

Von Cinthia Briseño

Es ist ein Wettlauf zwischen Mensch und Mikrobe: Der Ehec-Erreger breitet sich ungewöhnlich schnell aus, inzwischen gibt es drei deutsche Todesopfer - aber woher stammt der winzige Feind? Forscher vermuten die Infektionsquelle in Norddeutschland. Hinweise könnten aus einer Kantine in Frankfurt kommen.

Ehec: Ein Winzling hält Deutschland in Atem Fotos
DPA

"Wir haben es mit einem seltenen Stamm zu tun." So viel kann die Mikrobiologin Angelika Fruth schon verraten. Näheres aber wissen die Forscher vom Robert-Koch-Institut (RKI) bisher nicht über jenen Erreger, der sich seit gut einer Woche in Deutschland ungewöhnlich schnell ausbreitet - und bereits erste Todesopfer gefordert hat.

Die Bevölkerung ist verunsichert und wird es vermutlich auch so lange bleiben, bis die Quelle für den lebensgefährlichen Darmkeim Ehec endgültig ausgemacht ist. Als besonders heiße Kandidaten werden in Internetforen saisonales Obst und Gemüse gehandelt, insbesondere Erdbeeren und Spargel. Für die findigen Verbraucher scheint die Theorie ins Bild zu passen: Die Tatsache, dass vorzugsweise junge Frauen den Spargel für die Familie schälten, könne die ungewöhnlich hohe Ansteckungsrate erklären.

Spekulative Thesen dieser Art kursieren derzeit zahlreich im Netz; von Seiten des Robert-Koch-Instituts und der Gesundheitsbehörden gibt es dagegen bisher keine konkreten Verdachtsäußerungen. Lediglich die, dass möglicherweise Rohkost mit den Bakterien belastet sein könnte. Zur weiteren Verbreitung lasse sich derzeit nichts Seriöses prognostizieren. "Das wäre Kaffeesatzleserei", heißt es unisono aus den Behörden.

Diese fahnden fieberhaft nach der Quelle. Woher kommen die Erreger, die sich im Darm ihrer Wirte einnisten, dort hochgiftige Substanzen produzieren, die schlimmstenfalls zum tödlichen Nierenversagen führen?

Ehec-Ausbrüche kommen immer wieder vor

Unklar ist, ob die Behörden jemals eine Antwort darauf finden werden. Weltweit kommt es immer wieder zu Ehec-Ausbrüchen, auch Deutschland ist jährlich davon betroffen. 2010 registrierte das RKI 65 Fälle mit dem Ehec-Erkrankungsmerkmal HUS (hämolytisch-urämisches Syndrom), bei dem es zu blutigem Durchfall, Nierenschäden und Blutarmut kommt. Den Infektionsherd für diesen Ausbruch haben die Experten aber nie ausfindig machen können.

Zur Untersuchung der Seuche hat das RKI ein Team aus mehreren Wissenschaftlern zusammengestellt, die eng mit den jeweiligen Gesundheitsbehörden, Lebensmittelüberwachungsämtern und Veterinärbehörden der Länder zusammenarbeiten. Zuallererst werden die betroffenen Patienten genauestens befragt. Dabei interessiert die Experten vor allem, was die Personen in den vergangenen Tagen gegessen haben.

Im besten Fall findet sich dabei ein gemeinsamer Nenner oder eine Auffälligkeit, die einen konkreten Verdacht zulässt. Doch schon die Personenbefragung allein ist keine triviale Aufgabe. Zum einen gibt es inzwischen bundesweit mehr als 400 bestätigte Verdachtsfälle - bei nicht allen davon wird der Ehec-Test positiv sein. Zudem muss man für jeden Verdacht eine Kontrollgruppe erstellen: Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass alle Personen einer Ehec-positiven Gruppe Erdbeeren gegessen haben, heißt das noch lange nicht, dass Erdbeeren die Quelle des Übels sind. Erst eine Befragung zum Erdbeerenkonsum einer Ehec-negativen Gruppe mit ähnlichen Teilnehmern könnte den Verdacht erhärten.

Erste Hinweise aus Frankfurter Kantine

Eine erste kleine Erfolgsmeldung bei der Suche kommt aus Frankfurt: Der Gesundheitsbehörde zufolge haben alle bisher 19 in der Main-Metropole Erkrankte in derselben Kantine der Frankfurter Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) gegessen. Schuld sei wahrscheinlich eine belastete Lieferung an die Kantine. "Wir gehen davon aus, dass die Infektionsquelle in Norddeutschland liegt", sagte Oswald Bellinger vom Gesundheitsamt. Derzeit werten Experten die Lieferscheine von zwei PwC-Kantinen aus. "Wir gehen immer noch davon aus, dass die Übertragung durch Rohkost stattgefunden hat."

Auch dem Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt zufolge lassen die bisherigen Befragungen immerhin vermuten, dass Produkte wie Rohmilch, Frischkäse und Rindfleisch ausscheiden. Das steht im Gegensatz zu manch früherem Ausbruch, wo die Erreger unter anderem durch den Verzehr von zu kurz gegartem Fleisch übertragen wurden - weshalb in den USA in den frühen achtziger Jahren von einer "Big Mac Attack" die Rede war.

Selbst wenn sich aus den ersten Untersuchungen ein konkreter Kandidat herauskristallisieren sollte: Die Behörden wären dann noch lange nicht am Ende der Suche. Lebensmittelprodukte müssten im Labor analysiert, Handelsketten überprüft werden, bevor man einen Verursacher präsentieren kann. Angesichts des großen bürokratischen Aufwands vermag derzeit niemand zu sagen, wie lange ein solcher Prozess dauern könnte.

Derweil haben Forscher des RKI und in den Laboren der Nationalen Referenzzentren damit begonnen, die ersten Proben der in Deutschland betroffenen Patienten zu untersuchen. Klar scheint, dass es sich nicht um den Ehec-Stamm handelt, auf den die Routinelabore sonst testen.

Lage weiterhin ernst

Für gewöhnlich misst man in einem Routinelabor die Toxine, die von den Ehec-Bakterien abgegeben werden. Für eine genaue Typisierung sind jedoch genetische Analysen notwendig. Erst dadurch lässt sich bestimmen, bei welcher Probe es sich tatsächlich um einen Infekt mit dem neuen Erreger handelt und nicht mit einem, der schon seit längerem kursiert.

Es dürfte daher noch einige Zeit dauern, bis Klarheit über die Ehec-Seuche in Deutschland herrscht. Die Behörden weisen weiterhin auf den Ernst der Lage hin und raten der Bevölkerung, bei Lebensmitteln auf Hygiene zu achten und vor allem Obst oder Gemüse gründlich vor dem Verzehr zu waschen. Fleisch soll ausreichend gegart, rohes Fleisch möglichst vermieden werden. Gerade bei Durchfall-Erkrankungen sollten Betroffene sich gründlich die Hände waschen. Bei blutigem Durchfall solle umgehend ein Arzt aufgesucht werden.

In Frankfurt sagte Bellinger einem Radiosender, dass die Ergebnisse von Proben der PwC-Mitarbeiter bis Ende der Woche zu erwarten seien. Solange blieben die Kantinen geschlossen. Ein Berliner Kantinenbetreier, der 150 Kitas und Schulen sowie 20 Kantinen aus Industrie und Wirtschaft beliefert, ordnete ebenfalls erste Vorsichtsmaßnahmen an: Rohkost wurde für viele Kinder, Schüler und Mitarbeiter vorübergehend vom Speiseplan gestrichen.

Andere Kantinenbetreiber halten solche Maßnahmen jedoch für übertrieben und bieten nach wie vor frisches Obst und Gemüse an. Das Berliner Studentenwerk verkauft weiterhin frische Salate an seine täglich rund 30.000 Gäste. "Wir haben einen sehr, sehr hohen Hygienestandard", sagt Sprecher Jürgen Morgenstern. Die Mitarbeiter in den Kantinen seien mit Rundschreiben über die Hintergründe zum Krankheitserreger Ehec aufgeklärt worden. "Von uns wird alles getan, was wir machen können", sagte Morgenstern. Sollte sich die Lage jedoch verschärfen, werde Rohkost aus dem Programm genommen.

Ähnlich sehen das die Betriebe in den großen Berliner Kliniken. "Wir haben keine Angst vor dem Erreger. Wir halten uns an die Hygieneempfehlungen", sagte Matthias Klingenstein von der Geschäftsführung der Charité Facility Management GmbH, die die Patienten an mehreren Charité-Standorten versorgt. Wenn das Obst und Gemüse richtig verarbeitet werde, gebe es kein Gesundheitsrisiko.

Mit Material von dpa

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1. Kantine?
1zelner 24.05.2011
Zitat von sysopEs ist ein Wettlauf zwischen Mensch und Mikrobe: Der Ehec-Erreger breitet sich ungewöhnlich schnell aus, inzwischen gibt es drei deutsche Todesopfer - aber woher stammt der winzige Feind? Behörden und Forscher fahnden nach der Infektionsquelle. Erste Hinweise führen zu einer Kantine in Frankfurt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,764530,00.html
Die Sache ist glaube ich viel einfacher: Wenn es Lebensmittel wären, würde viel stärker gestreut - auch in den Bevölkerungsgruppen. Wenn es besonders erwachsene Frauen trifft - tippe ich vielmehr auf einen Hygieneartikel, welcher nur von Frauen im geschlechtsreifen Alter verwendet wird. Entweder hat jemand die Verpackungen im Lager oder bei der Produktion mit Schmierinfektion belastet. Dieses könnte zum Beispiel ein Arbeiter, welcher nebenbei Landwirtschaft betreibt und sich ein paar Mark dazuverdient verursachen. Diese Bakterien könnten dann sehr schnell über die vaginale Schleimhaut inserieren. Denken Sie mal an die verseuchten Wattestäbchen. Die Suche nach Lebensmitteln halte ich für die nicht wahrscheinlichste Möglichkeit den Erreger zu finden. Schaut mal nach, was die Frauen so im Badezimmer liegen haben...
2. Bitte
flukus 24.05.2011
Bitte bei der Diskussion den Begriff "Gemüsepest" verwenden, denn es ist notwendig, eine griffige Floskel zu haben.
3. .
frubi 24.05.2011
Zitat von sysopEs ist ein Wettlauf zwischen Mensch und Mikrobe: Der Ehec-Erreger breitet sich ungewöhnlich schnell aus, inzwischen gibt es drei deutsche Todesopfer - aber woher stammt der winzige Feind? Behörden und Forscher fahnden nach der Infektionsquelle. Erste Hinweise führen zu einer Kantine in Frankfurt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,764530,00.html
Los jagt ihn. Er wird uns alle bekommen. 3 von 80 Millionen hat er schon. Schnell. Die Zeit läuft ab. Und die Kantine in Frankfurt sollte vorsorglich gesprengt werden. Es lebe die Hysterie.
4. kopieren
trö 24.05.2011
Bitte forumbeiträge von "Todesopfer nach Ehec-Infektion" in "suche nach ehec-erreger: Forscher jagen den bedrohlichen Winzling" kopieren und gut ist
5. Suche nach EHEC Erreger
huaroux 24.05.2011
...könnte schwierig werden, da der Winzling mit Sicherheit, in einem Terror-Camp der Al-Quaida gezüchtet wurde.
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HZI/ Manfred Rohde
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