Traditionelle chinesische Medizin: DNA-Analyse offenbart illegale Zutaten

Vom Aussterben bedrohte Tiere, giftige Pflanzen: Australische Forscher haben den Inhalt von beschlagnahmten Arzneien aus China analysiert. Ihre Methode könnte helfen, bedrohte Arten zu schützen - und Konsumenten vor Schaden zu bewahren.

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M. Bunce

Beschlagnahme Produkte: Erbgutspuren zahlreicher Tiere und Pflanzen enthalten

Hamburg - Wer eine Tablette schluckt, muss darauf vertrauen, dass sie genau das enthält, was auf der Verpackung steht. Nicht mehr Wirkstoff, nicht weniger und vor allem - nichts anderes.

Bei Kapseln, Pulvern und Tabletten, die aus China exportiert werden und als traditionelle chinesische Medizin (TCM) vermarktet werden, kann dieses Vertrauen leicht enttäuscht werden. Das zeigt eine Untersuchung australischer Forscher. Ein Team um Megan Coghlan von der Murdoch University in Perth analysierte den Inhalt von 15 vom australischen Zoll beschlagnahmten TCM-Produkten. Diese waren abgefangen worden, weil sie beispielsweise Horn der vom Aussterben bedrohten Saiga-Antilope enthalten sollten.

In vielen untersuchten Proben fanden die Forscher pflanzliche oder tierische Substanzen, die nicht auf der Verpackung deklariert waren, berichten sie im Fachmagazin "PLoS Genetics". Dass die chinesische Medizin durch die Verarbeitung von Rhino-Horn, Elfenbein und anderen tierischen Substanzen einige Arten massiv bedroht, ist ein bekanntes Problem. Obwohl diese Arten durch internationale Abkommen geschützt sind, werden sie trotzdem zu Pülverchen und Pillen verarbeitet - weil die Nachfrage groß genug ist.

Die Forscher warnen nun, dass die bei der Herstellung der kaum überwachten Produkte auch giftige oder allergieauslösende Substanzen beigemischt werden könnten. Ebenso würden bisweilen ohne Hinweis pharmazeutische Wirkstoffe wie Corticosteroide dazugegeben. Mit einem wachsenden Markt für TCM-Produkte sei es dringend nötig, diese Arzneien besser zu überwachen.

Abgleich mit vorhandenen DNA-Profilen

Bemerkenswert ist die Untersuchungsmethode der Australier: Sie basiert auf der Sequenzierung von DNA - jedoch in beträchtlichen Mengen, weshalb die Technik als High-Troughput Sequencing (HTS) bezeichnet wird. Neuere technische Verbesserungen haben es überhaupt erst möglich gemacht, Erbgut in solchen Mengen anzureichen und zu analysieren, um die Bestandteile einer Kapsel auf diverse Tier- und Pflanzenarten zurückführen zu können.

Hilfreich sind dabei auch die wachsenden Gen-Datenbanken: Denn erst durch den Abgleich mit vorhandenen Profilen wird klar, ob ein DNA-Stück beispielsweise von einer vom Aussterben bedrohten Antilopen-Art oder von einer Ziege stammt.

Insgesamt entdeckten die Wissenschaftler in den Proben DNA von 68 verschiedenen Pflanzenfamilien, darunter auch welche, die die krebserregende Aristolochiasäure enthalten können. Ebenso fanden sie in neun der Arzneien Erbgutspuren von Tieren - neben Schaf, Ziege und Kuh war dies auch DNA des geschützten Asiatischen Kragenbären und der bereits erwähnten Saiga-Antilope.

DNA-Tests von Arzneien können helfen, Menschen gerichtlich zu belangen, die vom illegalen Handel mit vom Aussterben bedrohten Tierarten profitieren, schreiben die Forscher. Gleichzeitig würden ehrliche Anbieter profitieren, deren Arzneien keine verbotenen Bestandteile enthielten, die aber heute auf Verdacht hin beschlagnahmt würden.

Coghlan und Kollegen meinen, die Methode sei günstig genug, um sich für eine breite Anwendung zu eignen. Welchen Anteil des Produkts die verschiedenen Bestandteile ausmachen, lässt sich mit der Methode allerdings nicht klären. Ebenso können weitere tierische oder pflanzliche Substanzen enthalten sein, die sich durch die DNA-Analyse nicht nachweisen lassen.

wbr

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