Transplantationen: Zahl der Organspenden in Deutschland sinkt

Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist im vergangenen Jahr um gut sieben Prozent gesunken. Die zuständige Stiftung glaubt, dass daran eine steigende Zahl von Patientenverfügungen schuld ist. Wer Intensivmedizin ablehnt, kommt als Spender kaum in Frage.

Entnahme einer gespendeten Niere: Zahl der Organspenden rückläufig Zur Großansicht
dpa

Entnahme einer gespendeten Niere: Zahl der Organspenden rückläufig

Frankfurt am Main - Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Rund 12.000 kranke Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, wie Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) besagen. Doch nachdem die Zahl der Organspenden 2010 einen neuen Rekordwert erreicht hatte, ist sie im vergangenen Jahr wieder deutlich zurückgegangen.

Nach Angaben der Stiftung spendeten 2011 rund 1200 Menschen nach ihrem Tod Organe - 7,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Nur in der Region Ost, also in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, sei die Spendenbereitschaft gestiegen, berichtet die DSO. Dort erhöhte sich die Zahl der Spender von 155 auf 166, die Zahl der Organe von 468 auf 488. Bundesweit habe man 4054 Menschen mit einer Transplantation helfen können, erklärt die Stiftung. Im Jahr zuvor seien es 4326 gewesen.

Ein möglicher Grund für den Rückgang sei die wachsende Zahl der Patientenverfügungen. "Immer häufiger scheinen Patientenverfügungen eine Organspende auszuschließen, weil der Patient sich nicht explizit dazu geäußert hat und gleichzeitig intensivmedizinische Maßnahmen ablehnt", sagte Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der DSO. Dieser Trend zeichne sich in einem Zwischenbericht des Projekts "Inhousekoordination" ab. Dabei werden Faktoren in den Kliniken analysiert, die zu einer nachhaltigen Steigerung der Organspende beitragen können.

"Wir nehmen den Rückgang der Organspende sehr ernst und arbeiten mit den Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken unermüdlich an Möglichkeiten und Wegen, um mehr Menschen mit einer Transplantation zu helfen", sagte Kiste. Als zuständige Koordinierungsstelle sei man darauf angewiesen, dass die Krankenhäuser potentielle Spender meldeten.

Als Spender kommen nur Patienten in Frage, deren Körperfunktionen nach dem Hirntod aufrechterhalten und die weiter beatmet, also intensivmedizinisch behandelt werden. Derzeit können nach dem Tod Niere, Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm gespendet werden.

Die Stiftung hofft, dass eine Gesetzesänderung für höhere Spenderzahlen sorgen kann. Laut EU-Vorgabe muss der Bundestag bis Mitte des Jahres ein neues Transplantationsgesetz verabschieden. Nach einer Einigung der Fraktionen soll nun künftig die Bereitschaft der Bürger zu einer Organspende regelmäßig abgefragt werden. Bisher muss ein Spender von sich aus sein Einverständnis geben. Nach Schätzung der DSO hat jeder fünfte Bundesbürger einen Organspendeausweis.

chs/dpa

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1. Danke für den Hinweis
Dani1987 12.01.2012
Zitat von sysop"Ein möglicher Grund für den Rückgang sei die wachsende Zahl der Patientenverfügungen. "Immer häufiger scheinen Patientenverfügungen eine Organspende auszuschließen, weil der Patient sich nicht explizit dazu geäußert hat und gleichzeitig intensivmedizinische Maßnahmen ablehnt"
Ich unterschreibe in wenigen Tagen bei meinem Notar mein Testament und auch eine Patientenverfügung. Ich wusste die ganzen Zeit das wir da im Entwurf irgend etwas vergessen. Ich werde auf jedenfall in die Verfügung mit aufnehmen lassen, das Intesivmedizin und damit auch eine Organspende ausgeschlossen wird.
2.
MILE 12.01.2012
Zitat von Dani1987Ich unterschreibe in wenigen Tagen bei meinem Notar mein Testament und auch eine Patientenverfügung. Ich wusste die ganzen Zeit das wir da im Entwurf irgend etwas vergessen. Ich werde auf jedenfall in die Verfügung mit aufnehmen lassen, das Intesivmedizin und damit auch eine Organspende ausgeschlossen wird.
na hoffentlich kommen Sie oder ihre Kinder oder sonstwer Nahestehendes nie in die Not, eine Organspende zu benötigen. Meiner Meinung nach sollte man aufhören gesunde Organe zu verbrennen und zu verbuddeln, und Hirntote oder gerade Verstorbene erst auf ihre benutzbaren Organe prüfen und diese entnehmen. Hätte neben jeder Menge geretter Leben auch den schönen Nebeneffekt, das Geld und Schwarzmarkt keine Rolle mehr spielen würden.
3. Nichteinmal....
Ray2k 12.01.2012
... nach dem Tod sind die Menschen bereit zu helfen.... das ist wahre Solidarität.
4.
lunge02 12.01.2012
Zitat von Dani1987Ich unterschreibe in wenigen Tagen bei meinem Notar mein Testament und auch eine Patientenverfügung. Ich wusste die ganzen Zeit das wir da im Entwurf irgend etwas vergessen. Ich werde auf jedenfall in die Verfügung mit aufnehmen lassen, das Intesivmedizin und damit auch eine Organspende ausgeschlossen wird.
Das meinen Sie doch nicht ernst? Sie wollen für alle Fälle eine intensivmedizinische Behandlung ausschließen? Selbst wenn Sie nur 1 Tag nach einer OP künstlich beatmet werden müssten, würden Sie lieber sterben? Selbst wenn Sie nach einen Autounfall für einige Tage ins künstliche Koma gelegt werden müssen, damit Sie vollständig genesen können? Aber dann ist zumindest anzunehmen, dass Sie konsequent sind und im Notfall selbst kein Organ erhalten wollen. Weil nach dem Erhalt eines Organs würden Sie auch eine intensivmedizinische Behandlung benötigen.
5. Transplantationsmedizin: Zahl der Organspenden in Deutschland sinkt
Phoenix2006 12.01.2012
Zitat von Ray2k... nach dem Tod sind die Menschen bereit zu helfen.... das ist wahre Solidarität.
Quelle: Reportage Konfliktfall Organspende
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DER SPIEGEL


Organspende und Organtransplantation
Postmortale Organspende in Zahlen
Jeden Tag sterben laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) drei Menschen, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan registriert sind. Nach Rückgang und Stagnation in den Jahren 2008 und 2009 ist die Zahl der Organspender 2010 gestiegen. 4205 Organe wurden gespendet. Dennoch warten jährlich 12.000 Menschen in Deutschland auf ein Organ.
Hirntod
Der mit dem Tod des Individuums identische endgültige Ausfall aller Funktionen von Groß- und Kleinhirn und Hirnstamm (Organtod des Gehirns), wobei die Kreislauffunktion unter Umständen noch durch künstliche Beatmung aufrecht erhalten werden kann. Besondere Bedeutung hat die Diagnose des Hirntods für die Organentnahme zum Zweck der Transplantation.
Warteliste
Die Wartelisten registrieren alle Patienten, die ein neues Organ benötigen und transplantiert werden können. Ist das Risiko der Transplantation und ihrer Nachbehandlung zu hoch und sind die Erfolgsaussichten schlecht, so wird der Eingriff nicht in Betracht gezogen. Die Transplantationszentren geben die erforderlichen Patientendaten weiter an die Vermittlungsstelle Eurotransplant (ET) im niederländischen Leiden.
Zustimmungslösung
In Deutschland gilt eine Zustimmungslösung: Hier muss zu Lebzeiten, zum Beispiel per Organspendeausweis, das ausdrückliche Einverständnis zur Organentnahme nach einem Hirntod gegeben werden. Ist dies nicht der Fall, müssen die Angehörigen entscheiden - auf Grundlage des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen.
Widerspruchsregelung
In Ländern wie Österreich, Spanien und Belgien ist jeder Bürger potentieller Organspender - es sei denn, man hat der Organspende zu Lebzeiten schriftlich widersprochen oder die nahen Angehörigen sind dagegen. Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU) macht sich gemeinsam mit anderen Landeskollegen, unter anderem dem bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder (CSU), auch in Deutschland für eine "erweiterte Widerspruchslösung" stark. Danach sollen die nahen Angehörigen eines Toten befragt werden und ein Einspruchrecht bekommen.
Entscheidungregelung
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Amtskollege Volker Kauder machen sich für die Entscheidungslösung stark. Danach fordert der Staat jeden Bürger einmal im Leben, etwa bei der Führerscheinprüfung oder bei der Ausstellung des Passes, zu einer Entscheidung für oder gegen eine Organspende auf.
Transplantationsgesetz
Gesetz vom 5.11.1997 in der Fassung vom 4.9.2007, das die Entnahme und Verpflanzung (Transplantation) von Organen regelt. Abschnitt 2, "Entnahme von Organen und Geweben bei toten Spendern", legt fest, dass eine Organentnahme nur dann zulässig ist, wenn der Tod des Organspenders nach Regeln, die dem Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaft entsprechen, durch zwei Ärzte festgestellt ist. Mindestvoraussetzung für eine Organentnahme ist die Diagnose des Hirntods. Hat der Spender zu Lebzeiten keine Entscheidung über eine Organspende getroffen, können auch Angehörige einer Organentnahme zustimmen. Das Transplantationsgesetz enthält außerdem umfassende Bestimmungen zur Organvermittlung und ein Verbot des Organhandels.
Eurotransplant
Eurotransplant ist eine gemeinnützige Stiftung und als solche seit 1967 für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien und Slowenien verstorbenen Menschen zum Zweck der Transplantation entnommen werden. Die Organe werden nach festgelegten Kriterien vergeben. Entscheidend für die Vergabe sind die Kriterien Verträglichkeit, Erfolgsaussicht, Wartezeit und Dringlichkeit.
Ein Mensch kann acht Menschenleben retten
Nach dem Hirntod können einem Menschen bis zu acht Organe oder Organteile entnommen und transplantiert werden: zwei Lungenflügel, zwei Nieren, die Leber, das Herz, die Bauchspeicheldrüse und der Dünndarm.
DER SPIEGEL: Organspende