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Transplantationsstreit in den USA: Bin ich keine Leber wert?

Norman S. wartet auf eine neue Leber, wahrscheinlich umsonst. Denn eine Klinik in Los Angeles hat den 63-jährigen Krebspatienten von ihrer Warteliste für ein Spenderorgan gestrichen - weil er Cannabis konsumierte. Nun stellen Mediziner die Frage: Wer ist es wert, eine Transplantation zu bekommen?  

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DPA

Streitthema Cannabis: Soll der medizinische Gebrauch legal sein?

Darf ein Patient, der sein Krebsleiden vielleicht selbst verschuldet hat, eine rettende Organtransplantation einfordern? Um diese Frage ist ein Streit in Kalifornien entbrannt. Ein Krankenhaus in Los Angeles hatte den 63 Jahre alten Norman S., der an Leberkrebs erkrankt ist, Anfang des Jahres von der Warteliste für eine Spenderleber gestrichen, berichtet die "Los Angeles Times". Denn er konsumierte Marihuana und war nicht zu einem Drogentest erschienen. Pikant daran: Ein Arzt hatte Norman S. das Marihuana verschrieben - gegen Schmerzen nach einer Rücken-OP.

"Meinen Krebs kann man nicht operieren", sagte Norman S. der Zeitung. Wenn er keine Transplantation bekomme, sei die Kerze bald abgebrannt. "Und der Docht ist kurz." Er bat das Krankenhaus, ihn wieder auf die Liste zu setzen. Er habe zwar tatsächlich einen Drogentest verpasst. Aber er nehme seit August kein Cannabis mehr und habe sich einer Beratungsgruppe angeschlossen. Auch seine Alkoholsucht habe er überwunden.

Die Klinik wollte den konkreten Fall nicht kommentieren, verwies aber generell auf medizinische Gründe für solche Entscheidungen. "Wir sorgen uns ausschließlich um die Gesundheit und Sicherheit unserer Patienten", sagte eine Sprecherin. Marihuana-Konsumenten hätten unter anderem ein höheres Risiko, nach der Transplantation an einer tödlichen Lungenentzündung zu erkranken.

Andere Mediziner führen jedoch auch moralische Gründe an. Spenderlebern seien sehr begehrt, zitierte die "LA Times" den Chef eines Transplantationszentrums in Dallas, Goran Klintmalm. "Wir müssen eine Priorisierung vornehmen, wie man das sozusagen auf dem Schlachtfeld macht", sagte er. Sei es da richtig, eine Leber an jemanden zu geben, der Drogen genommen habe, solange andere Patienten von der Warteliste sterben, weil sie kein Organ bekommen?

In Kalifornien ist medizinisches Marihuana legal

Der Washingtoner Experte für Lebertransplantationen, Jeffrey Crippin, fügte an: Die Ärzte müssten sicher sein können, dass sich der Patient nach der Operation an ihre Anweisungen halte. "Wenn du betrunken oder high oder bekifft bist, nimmst du nicht regelmäßig deine Medizin."

Er habe früher gelegentlich in seiner Freizeit Marihuana geraucht, sagte Norman S. Zuletzt hatte ihm sein Arzt die Droge aber gegen Schmerzen verschrieben. In Kalifornien ist sie seit 1996 für den medizinischen Gebrauch legal. Mehr als ein Dutzend andere Bundesstaaten sind mittlerweile dem kalifornischen Beispiel gefolgt. Und in Städten wie Los Angeles, San Francisco oder Oakland gibt es zahlreiche "Dispensaries", eine Art von Apotheken, wo sich Patienten ihre Marihuana-Medizin abholen können.

Es ist vergleichsweise einfach, eine Bescheinigung für den Kauf der Drogen zu bekommen - zu einfach, finden nicht nur konservative Politiker. Die Stadt bemüht sich seit Jahren darum, die Zahl der Dispensaries zu senken. Mehrere hundert soll es in Los Angeles geben, wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. Nach einem weiteren Bericht der "LA Times" versucht die Stadt derzeit, einige Marihuana-Läden gerichtlich zu einer Schließung zu bewegen, weil sie die Droge in unmittelbarer Nähe von Schulen verkaufen.

Langjähriger Cannabis-Konsum kann zu Leberschäden führen. Es gibt aber keine Statistik darüber, wie viele Konsumenten in Los Angeles von medizinischem Marihuana später eine neue Leber bräuchten, schreibt die Zeitung. Ärzte berichteten jedoch von einer wachsenden Zahl an Patienten. Das mag manchem Kritiker eine Bestätigung sein, der sich für ein Verbot der Droge starkmacht.

son

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insgesamt 65 Beiträge
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1. Es hinkt...
peter_der_meter 03.12.2011
...wenn er wegen einer legalen Handlung, die er aufgrund seiner Krankheit vorgenommen hat nun kein Spenderorgan erhalten soll. Das Cannabis dort schon viel legaler ist als in Deutschland ist auf jeden Fall ein guter Schritt. Aber an Beispielen wie diesen zeigt sich, dass diese Legalisierung noch nicht überall angekommen ist. In vielen Köpfen und Institutionen muss dass wohl erst noch begriffen werden, damit diese sich von den vielen unwissenschaftlichen Gerüchten lösen können die so kursieren.
2. Leberschäden?
motherplant 03.12.2011
In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung wies Dr. Franjo Grotenhermen, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM), daraufhin, daß bereits in früheren Studien Cannnabis mit legalen Drogen verglichen worden seien: "Cannabis ist nicht giftiger als sozial akzeptierte Drogen wie Kaffe, Tee und Alkohol. Besonders im Vergleich mit Alkohol schneidet Marihuana gut ab: Es verursacht keine Leberschäden und keine Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn." Wie kommen die auf Leberschäden? Kurzes Googlen half mir, außer dem obigen Beitrags, auch nicht weiter…
3. Unsinn
brux 03.12.2011
Leberschaeden durch Cannabis-Konsum sind m.W. nicht bewiesen, Leberkrebs schon gar nicht. Die Leber beschaeftigt sich mit allen Giftstoffen im Koerper. Ob der Krebs durch Alk, Pot oder exzessiven Butterkonsum ausgeloest wurde, kann man gar nicht feststellen.
4. ---
goox 03.12.2011
Und wer Alkhohol konsumiert, der tut seiner Leber natürlich nur Gutes.
5. xxx
Wayne88 03.12.2011
Zitat von sysopNorman S. wartet auf eine neue Leber, wahrscheinlich umsonst. Denn eine Klinik*in Los Angeles hat*den 63-jährigen Krebspatienten von*ihrer Warteliste für ein Spenderorgan gestrichen - weil er*Cannabis konsumierte.*Nun stellen Mediziner die Frage: Wer ist es*wert, eine Transplantation zu bekommen?** http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,801522,00.html
Sowas nennt man Ersatzrepression am Strafrecht vorbei. Jemand der sich die Leber wegsäuft, kriegt eher eine neue als jemand, der aus medizinischen (!) Gründen Cannabis gebraucht. Aus dem Artikel: "Marihuana-Konsumenten hätten unter anderem ein höheres Risiko, nach der Transplantation an einer tödlichen Lungenentzündung zu erkranken. " Ja klar. Ein um 0,00001 Prozentpunkte höheres Risiko oder was? Demnächst streicht man Leute wegen Fast-food-Konsums von der Warteliste, weil die mit erhöhter Wahrscheinlichkeit nach der Tranplantation in ihren alten Lebenswandel zurückfallen, dann Leute mit Turnschuhen, weil die statistisch gesehen häufiger kleinkriminell sind, dann Leute, die die falsche Zeitung lesen, weil das statistisch gesehen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Kommunisten sind. Unglaublich in was für einer widerwärtigen Welt wir leben.
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Leber und Transplantationen
Unser wichtigster Giftfilter
Die Leber ist ein meist unterschätztes, weil selten bemerktes Organ. Wir spüren sie meist erst dann, wenn etwas massiv nicht stimmt mit ihr: Eine Erkrankung zieht den ganzen Körper in Mitleidenschaft, weil ohne Leber nichts geht - sie ist das zentrale Organ unseres gesamten Stoffwechsels. Sie ist beteiligt an der Nutzbarmachung und Verwertung von Nährstoffen, produziert lebenswichtige Proteine und ist vor allem aber unser wichtigster Giftfilter: Wie in einem Stellwerk reguliert sie, welche Stoffe ins Blut gelangen und welche abgeschieden werden. Fällt sie aus, vergiftet sich der Körper selbst.
Eine Leber ist der einzige Ersatz für eine Leber
Die Leber ist das regenerationsfähigste Organ, das wir besitzen. Nur sie schafft es, Verletzungen fast vollständig auszuheilen, sogar wieder nachzuwachsen, wenn man Teile entfernt. Ist sie allerdings zu weit zerstört, ist sie nur durch eine andere Leber zu ersetzen: Anders als im Fall anderer Organe lassen sich ihre Funktionen mit Hilfe von Apparatemedizin nicht überbrücken. Die medizinischen Möglichkeiten beschränken sich im Endstadium schwerer Erkrankungen auf den Versuch, mit Medikamenten den Funktionsausfall zu verzögern.
Transplantationen: Häufig, aber noch immer schwierig
Lebern werden bereits seit 1963 transplantiert, mit wachsenden Chancen für die Betroffenen. Trotzdem gilt die OP zugleich als eine der häufigsten wie problematischsten Organtransplantationen überhaupt. Seriöse Angaben über Chancen lassen sich pauschal, ohne den Einzelfall zu sehen, nicht geben: Sie divergieren sehr stark. Je nach Ursache und Patientengruppe liegt die Mortalitätsrate zwischen verschwindend gering bis sehr hoch. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland 1282 Lebern verpflanzt.
Verschiedene Transplantationsmöglichkeiten: postmortale Spenden
Aufgrund ihrer enormen Regenerationsfähigkeit bieten sich mehrere Möglichkeiten für Leber-Transplantate. Die häufigste ist das postmortale Volltransplantat, das von einem verstorbenen Spender kommt. Ein solches Transplantat lässt sich auch teilen und auf zwei Empfänger verteilen: Man spricht hier vom Split-Leber-Transplantat. Das Verfahren bietet sich vor allem bei Kindern an (für die es nur selten passende Transplantate gibt): In der Praxis wird meist ein kleineres Segment an ein Kind, das Größere dann an einen Erwachsenen gegeben. Wie bei allen Organtransplantationen sind die Erfolgsaussichten auch hier stark abhängig von der Kompatibilität des verpflanzten Organs. Zur Nachsorge gehört unter anderem eine Immunsuppression, die jedoch als etwas weniger problematisch gilt als bei anderen Organtransplantationen.
Lebendspenden
Bei Lebendspenden macht man sich wieder die Regnerationsfähigkeit der Leber zunutze. Dabei wird einem lebenden Spender ein Teil der Leber entnommen und dem Patienten eingepflanzt. Eine direkte genetische Verwandschaft begünstigt die Erfolgsaussichten, ansonsten unterscheiden sich Chancen und Risiken im Vergleich zu postmortalen Spenderorganen aus Sicht des Empfängers kaum. Allerdings ist die Lebendspende auch für den Spender sowohl im Rahmen der OP als auch nachher mit einem Risiko verbunden. Eine Anfang November 2011 in den "Annals of Surgery" veröffentlichte deutsche Studie zeigt, dass fast die Hälfte der Spender auch drei bis sechs Jahre nach der Operation noch Nachwirkungen spürt - meist Verdauungsprobleme (Durchfälle, Sodbrennen u.a.) - obwohl das Organ selbst sich normalerweise binnen weniger Monate wieder zur ursprünglichen Größe regeneriert. Die Nachwirkungen wurden vom Gros der Befragten allerdings als nicht so gravierend beschrieben, dass sie die Organspende bereut hätten: Sie würden es wieder tun.

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