Tropenkrankheit: Gentechnik soll Malaria-Mücken unschädlich machen

Von Hristio Boytchev

Um die Malaria einzudämmen, greifen Forscher zu drastischen Methoden: Sie wollen Mücken gentechnisch verändern, damit sie die Krankheit nicht mehr übertragen können. In einer neuen Studie nutzen sie dafür ein egoistisches Gen.

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Anopheles-Mücke: Durch genetische Tricks soll sie keine Malaria mehr übertragen

Eine Million Menschen sterben laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich an Malaria, immer noch ist die Krankheit nicht in den Griff zu bekommen. Ein erschwerendes Problem: Die Anopheles-Mücken, die die Krankheit übertragen, werden gegen Insektizide resistent. Jetzt zeigen Wissenschaftler um Nikolai Windbichler und Andrea Crisanti am Imperial College London, dass eine neue genetische Methode beim Kampf gegen Malaria hilfreich sein könnte. In ihrer im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlichten Studie zeigen sie, wie sich genetische Veränderungen schnell in einer Population von Mücken verbreiten können.

Eine wichtige Strategie beim Kampf gegen Malaria ist, die Überträger-Mücken mit Chemikalien zu bekämpfen. Dabei ist ein Problem, dass die Mücken aufgrund des Evolutions-Drucks dagegen zunehmend resistent werden.

Ein anderer Ansatz ist, die Mücken nicht zu töten, sondern sie sozusagen zu heilen - es ihnen unmöglich zu machen, den Malaria-Erreger Plasmodium zu übertragen. Im Labor ist es gelungen, solche Mücken durch gentechnische Veränderungen herzustellen. Doch ein Problem blieb: Wie könnte man dafür sorgen, dass sich diese Mücken in der Natur ausbreiten? Denn Plasmodium schadet den Mücken selbst nicht. Es ist für sie kein Vorteil, resistent zu sein, vielleicht sogar ein kleiner Nachteil. Daher würde die neue, harmlose Mücken-Variante sich nicht durchsetzen können. Eine Lösung für dieses Problem schlagen jetzt Windbichler und Kollegen vor.

Sie nutzen ein sogenanntes egoistisches Gen - ein Gen, das dem Organismus keine Vorteile bringt, sich aber durch besondere Mechanismen gegen den Druck der Evolution im Erbgut hält. Die Biologen brachten ein solches Gen nun in das Erbgut der Malaria-Mücken und zeigen, dass es sich bei den Nachkommen verbreitet. Das Gen ist die Vorlage für ein Protein, welches das Erbgutmolekül DNA einer bestimmten Stelle zerschneidet. Im Anschluss wird das Gen an dieser Stelle in die DNA hinein kopiert - so vermehrt es seine Anzahl im Erbgut und durch Vererbung auch in der Population. Gleichzeitig kann es andere Gene ausschalten, die sich in der Nähe des Schnitt-Ortes befinden.

Noch können die Mücken Malaria übertragen

Die Wissenschaftler hatten schon 2007 gezeigt, dass das von Hefe stammende egoistische Gen auch in der Anopheles-Mücke funktionieren könnte. Jetzt zeigen sie, dass es sich unter Laborbedingungen tatsächlich unter den Mücken ausbreitet. Die DNA wird dabei bislang an einer Stelle geschnitten, die nichts mit Malaria zu tun hat: Die veränderten Mücken können also immer noch die Erreger der Tropenkrankheit übertragen. Doch die Forscher hoffen, das Protein in Zukunft so zu verändern, dass es Gene ausschaltet, die für die Malaria-Übertragung wichtig sind.

Die Vorstellung, genmodifizierte Mücken in die Natur zu entlassen, hat auch Gegner. Kritiker fürchten mögliche weitreichende Folgen fürs Ökosystem. Windbichler antwortet SPIEGEL ONLINE: "Wir würden diese Forschung nicht betreiben, wenn wir nicht überzeugt wären, dass sie einen Unterschied ausmachen kann und dabei auch sicher ist." Er verweist auch auf die negativen Umwelt-Effekte der derzeit eingesetzten Insektenmitteln und fügt hinzu: "Unsere Methode wäre auf eine einzige Spezies beschränkt und kein Frontalangriff auf ein ganzes Ökosystem". Die Sicherheit muss aber noch in jahrelangen Tests nachgewiesen werden, die Technologie ist ohnehin weit von einer möglichen Anwendung entfernt.

Trotz des Potentials dieser Strategie sei sie keine Wunderwaffe, betont Windbichler. Vielmehr könne sie eines Tages zusätzlich zu den gängigen Methoden wie Bettnetzen, Chemikalien und Medikamenten eingesetzt werden.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Bitte nicht!
sir.viver 21.04.2011
machen sich die Forscher auch darueber Gedanken, was das fuer Auswirkungen auf die Weltvevoelkerung hat? Ohne die Malaria als Regulator wurde es in spaetestens 20 Jahren zu Hungerskatastrphen kommen die man sich heute nicht vorstellen kann. Massenstroeme wuerden sich den Weg nach Norden bahnen. So ein Eingriff ohne Familienplanung in der 3. Welt ist Selbstmord an der Erde. Abgesehen vom vermehrten CO2 Ausstoss, etc
2. Bevölkerungskontrolle
Meckermann 21.04.2011
Zitat von sir.vivermachen sich die Forscher auch darueber Gedanken, was das fuer Auswirkungen auf die Weltvevoelkerung hat? Ohne die Malaria als Regulator wurde es in spaetestens 20 Jahren zu ....
Das Bevölkerungswachstum kann - und sollte - auf anderem Wege kontrolliert werden, als durch Infektionskrankheiten...
3. ....
felisconcolor 21.04.2011
in einer Folge "Das blaue Palais" ging es um Alterung und ein Forscher hatte einen Stamm Fruchtfliegen entwickelt der unsterblich war. In der letzten Folge wurde das "Blaue Palais" aufgelöst und abgewrackt. Und irgendein Dussel der keine Ahnung hatte öffnete des Glaskolben mit dem Stamm unsterblicher Fruchtfliegen und entliess sie ins Freie...................
4. Theorie
sir.viver 21.04.2011
Zitat von MeckermannDas Bevölkerungswachstum kann - und sollte - auf anderem Wege kontrolliert werden, als durch Infektionskrankheiten...
Blanke Theorie. Oder: man manipuliert z.B. die Muecken oder die Tse-Tse-Fliegen so, dass ihre Stiche empfaengnisverhuetend wirken, lediglich eine gezielte Behandlung wirkt "aufhebend". Solange dies nicht als Gegengewicht moeglich ist, sollten wir das andere Experiment ruhen lassen.
5. Das Leben anderer
zandert 21.04.2011
Zitat von sir.vivermachen sich die Forscher auch darueber Gedanken, was das fuer Auswirkungen auf die Weltvevoelkerung hat? Ohne die Malaria als Regulator wurde es in spaetestens 20 Jahren zu Hungerskatastrphen kommen die man sich heute nicht vorstellen kann. Massenstroeme wuerden sich den Weg nach Norden bahnen. So ein Eingriff ohne Familienplanung in der 3. Welt ist Selbstmord an der Erde. Abgesehen vom vermehrten CO2 Ausstoss, etc
Waeren Sie dann auch dafuer, dass Laender in denen es keine Malariamuecken gibt, sich auch an der Bevoelkerungsdezimierung in aehnlicher Wiese beteiligen? Wenn ich Ihre Sichtweise richtig versthe, koennte Sie vielleicht ein Ueberlebenslotto begeistern. Jeder muss mitspielen und nur wer gewinnt darf weiterleben. Bei Ihrer radikalen Sichtweise ueber das Ueberleben von anderen zu urteilen, wuerden Sie doch sicher auch gerne selbst an diesem oder einem aehnlichen Spiel teilnehmen, oder? Natuerlich nur zum Wohle der Weltbevoelkerung. Beste Gruesse, Thorsten Zander
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Fotostrecke: Weltkarte eines tödlichen Gendefekts

Malaria
Die Krankheit
AP
Malaria zählt zu den tödlichsten Infektionskrankheiten der Welt: Statistisch gesehen stirbt allein in Afrika etwa alle 30 Sekunden ein Kind an der Krankheit. Pro Jahr fallen ihr insgesamt mindestens eine Million Menschen zum Opfer, die meisten davon Kinder unter fünf Jahren. Der Erreger der Malaria tropica, der einzellige Parasit Plasmodium falciparum, wird durch den Stich weiblicher Stechmücken der Gattung Anopheles von bereits infizierten Menschen auf gesunde übertragen.
Schutzmaßnahmen
Einen Impfstoff gegen Malaria gibt es derzeit nicht. Deshalb gilt es, eine Ansteckung von vornherein zu vermeiden, indem man sich in moskitosicheren Räumen aufhält, mit Insektiziden imprägnierte Moskitonetze benutzt und langärmlige Kleidung trägt.
Chemische Vorbeugung
Prophylaxe-Medikamente bieten keinen absoluten Schutz vor einer Malaria, erhöhen aber die Sicherheit. Über die Art der Malaria-Prophylaxe muss individuell der Arzt entscheiden, anhand des Reisezieles, der Reisezeit, der Reisedauer und des Reisestils. Dabei müssen Vorerkrankungen und Unverträglichkeiten sowie Besonderheiten bei der Medikamenteneinnahme beachtet werden. Bei Reisen in Gebiete mit hohem Malaria-Risiko ist eine Chemoprophylaxe empfehlenswert. Wenn in Gebieten mit niedrigem oder mittlerem Malaria-Risiko keine regelmäßige Chemoprophylaxe durchgeführt wird, sollte ein Reservemedikament mitgeführt werden. Es sollte nur bei verdächtigen Symptomen, fehlender ärztlicher Versorgung und nur im Notfall eingenommen werden ("Standby").