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Ausgegraben Feuerameisen bereisten die großen Handelsrouten

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Feuerameise ( Solenopsis Geminata ): Glückliche Beifahrer
Corbis

Feuerameise (Solenopsis Geminata): Glückliche Beifahrer


Mit den Schiffen kamen die Ameisen: Entomologen haben das Erbgut verschiedener Völker der Tropischen Feuerameise untersucht - und fanden auf der genetischen Verbreitungskarte die alten Handelsrouten der Spanier.

Die Reise von Acapulco nach Manila war für die Seeleute kein Zuckerschlecken. Auf sogenannten Manila-Galeonen brachten sie Silber aus Neuspanien auf die Philippinen, um es dort gegen die begehrten Luxuswaren aus China zu tauschen. Doch allzu oft kostete die mindestens zwei Monate dauernde Fahrt der Besatzung das Leben. Die Akten verzeichnen für die 1630er Jahre gleich zwei Galeonen, von denen insgesamt 105 Seeleute über Bord geworfen wurden, damit die verbleibende Mannschaft genügend zu essen hatte.

So strapaziös die Reise für die Seeleute auch gewesen sein mag - oft hatten sie blinde Passagiere an Bord, denen es scheinbar prächtig ging: Solenopsis geminata, zu Deutsch: Tropische Feuerameisen. Sie überlebten die Passage in den großen Mengen Heimaterde, die von den Schiffen als Ballast mitgeführt wurde. Entsorgte man diese am Zielhafen, gelangten mit ihr die Tiere an Land - und begannen einen gnadenlosen Eroberungszug.

Über Mexiko und Manila nach Taiwan

Eine Gruppe von Forschern um den Biologen Dietrich Gotzek von der University of Illinois at Urbana-Champaign hat das Erbgut der tropischen Variante der Feuerameise erstmals genauer untersucht: Stammbaum und Verbreitung von Solenopsis geminata decken sich mit den globalen Handelswegen des 16. bis 19. Jahrhunderts. "Die genetischen Daten dokumentieren die Ausbreitung von Solenopsis geminata ausgehend von Mexiko über Manila nach Taiwan und von dort weiter durch die gesamte Alte Welt", schreiben die Entomologen in ihrem Aufsatz in der Zeitschrift Molecular Ecology.

Für ihre Forschung untersuchten sie das Erbgut von Tieren aus 192 Kolonien aus dem gesamten Verbreitungsgebiet der Tropischen Feuerameise. Dabei konnten sie acht verschiedene Cluster identifizieren. In den Clustern der Alten Welt war die Anzahl der Haplotypen - bestimmte genetische Marker - stark begrenzt. Das ist ein Indiz dafür, dass diese Populationen auf nur wenige Tiere zurückgehen und dass die Ameisen hier nicht heimisch sind.

Transfer der Tiere

Anders die Feuerameisen aus dem südwestlichen Mexiko: Sie sind zwar genetisch wesentlich vielfältiger als ihre Artgenossen in anderen Teilen der Erde, trotzdem gibt es Parallelen. Dieses Muster macht die Region um Acapulco zum wahrscheinlichen Ausgangspunkt der weltweiten Feuerameisen-Invasion. Aber auch die Feuerameisenvölker der Philippinen haben noch relativ viele verschiedene Urahnen. Sie waren folglich die erste Station - der Knotenpunkt, von dem aus einzelne Völker mit den Schiffen der Händler gen Osten weiterreisten.

Was war vor der Ameise?

241 Generationen von Tropischen Feuerameisen mit einer Reproduktionszeit von zwei Jahren berechneten die Forscher seit dem Auszug aus Acapulco: Der hat damit im frühen 16. Jahrhundert stattgefunden. "An einem genauen Schiff können wir den Transfer der Tiere von Mexiko auf die Philippinen aber leider nicht festmachen", bedauert Gotzek.

Fast alle genetischen Zeitabschätzungen haben noch einen recht hohen Spielraum. "Ich kann nur sagen, dass die genetischen Daten auf einen Zeitraum hindeuten, an dem eigentlich nur die Spanier regelmäßig über den Pazifik gesegelt sind - und zwar auf genau auf der Route, die mit den genetischen Daten übereinstimmt, nämlich Mexico - Philippinen - China/Taiwan."

Besser funktioniert der Abgleich mit der Eroberung Nordaustraliens durch die Feuerameisen. Auf der Grundlage des Erbguts jener Völker errechneten die Forscher 163 Generationen und landeten damit in der Mitte des 19. Jahrhunderts. "Das deckt sich sehr schön mit der Besiedlung Nordaustraliens durch die Europäer", sagt Gotzek.

Findet sich eine Feuerameisenpopulation in einer Umgebung wieder, in der sie sich wohlfühlt, kann sich das Volk sehr schnell sehr stark vermehren. Litt die einheimische Tierwelt denn stark unter den Neuankömmlingen? "Wir wissen nicht, wie die Fauna vor Ankunft der Tropischen Feuerameise aussah", gibt Gotzek zu. "Als die Europäer anfingen, die Tierwelt in den Kolonien zu beschreiben, war die Feuerameise schon ein fester Bestandteil.

Lange wurde von daher geglaubt, dass die Tropische Feuerameise in der Alten Welt heimisch ist." Die Menschen jedenfalls dürfte der Einzug der neuen Mitbewohner auf den Feldern eher gefreut haben - auch wenn Solenopsis geminata gelegentlich Fressschäden verursachen kann. "Aber es gibt auch ein oder zwei Studien die zeigen, dass Feuerameisen für die Bauern hilfreich sind, weil sie andere Schädlinge fressen oder vertreiben."

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