Tuberkulose: Erreger verschanzen sich vor Körperabwehr

Weltweit ist jeder dritte Mensch mit Tuberkulose infiziert. Oft halten sich die Bakterien dauerhaft im Körper, obwohl das Immunsystem sie bekämpft. Forscher haben nun einen Mechanismus entschlüsselt, der den Erregern dabei hilft: Sie rekrutieren Stammzellen für ihre Zwecke.

Tuberkulose-Erreger unterm Elektronenmikroskop: Ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert Zur Großansicht
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Tuberkulose-Erreger unterm Elektronenmikroskop: Ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert

Rund 1,7 Millionen Menschen starben 2009 an den Folgen von Tuberkulose, meldet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Infiziert sind laut Schätzung sogar mehr als zwei Milliarden. Der häufigste Erreger der Krankheit ist das Mycobacterium tuberculosis. Diese Bakterien mit Antibiotika zu bekämpfen, gelingt nicht immer: Ein bedeutender Anteil ist gegen mehrere Mittel unempfindlich. Hinzu kommt: Bei mehr als 90 Prozent Betroffenen bricht die Krankheit nicht aus, allerdings halten sich die Mikroorganismen hartnäckig im Körper.

Ein Team indischer und US-amerikanischer Forscher berichtet jetzt über einen Mechanismus, der den Bakterien offensichtlich dabei hilft, den Angriff des Immunsystems abzuwehren. Dies könnte ein Ansatz für neue Tuberkulose-Therapien sein, schreibt dasTeam um Gobardhan Das vom International Center for Genetic Engineering and Biotechnology in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Tuberkulose-Erreger können sich per Tröpfcheninfektion ausbreiten, dringen also meist über die Atemwege in den Körper ein, wo sie sich zuerst in der Lunge ansiedeln. Im weiteren Verlauf befallen die Bakterien auch andere Organe - oder sie kapseln sich ab, wodurch sie dem Immunsystem dauerhaft entgehen können.

An Mäusen untersuchten Forscher im Detail die Vorgänge, die sich bei diesen Abkapselungen abspielen. Sie stellten fest, dass sogenannte mesenchymale Stammzellen (MSC) das Immunsystem in der Umgebung der Kapseln unterdrückten. MSC finden sich größtenteils im Knochenmark, es ist bereits bekannt, dass sie von dort zu Entzündungsherden im Körper wandern können, wo sie die Immunantwort unterdrücken. Aus MSC gehen verschiedene Körpergewebe hervor - unter anderem Sehnen, Muskeln und Knochen -, zudem sind sie an der Blutbildung im Knochenmark beteiligt.

Die Stammzellen sammelten sich der Studie zufolge rund um die Kapseln. Dort sonderten sie Stickstoffmonoxid ab, was die Immunzellen, die normalerweise die Tuberkulose-Erreger vernichten würden, stoppte. Die Stammzellen schaffen also eine Zone, in der die abgekapselten Erreger leben können. Verlassen Bakterien diesen Bereich, sind sie allerdings wieder der normalen, funktionierenden Körperabwehr ausgesetzt. So ließe sich erklären, wie die Mikroorganismen ungeachtet eines aktiven Immunsystems Jahrzehnte im Körper überdauern - sich aber trotz der chronischen Infektion keine Krankheitssymptome zeigen.

Die Wissenschaftler schreiben, dass die mesenchymalen Stammzellen vielleicht ein Ziel bei der Tuberkulose-Bekämpfung darstellen können. Ob sich daraus tatsächlich eine Therapie entwickeln lässt, muss sich jedoch erst zeigen.

wbr

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