Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tödliche Erreger: Mumien enthüllen Ursprung der Tuberkulose

Weiße Pest: Mumienfund in Ungarn weist auf Ursprung der Tuberkulose Fotos
Gemma Kay

Wie hat sich der Tuberkulose-Erreger entwickelt? Ein Mumienfund aus Ungarn zeigt, dass sich die Keime über Jahrtausende in Europa hielten. Infektionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert gehen auf den gleichen Bakterienstamm zurück wie aktuelle Fälle.

Tuberkulose war einst eine der häufigsten Todesursachen in Europa: Im 18. Jahrhundert erlebte die weiße Pest einen ihrer Höhepunkte. Doch es war bisher nicht klar, wie heute auftretende Stämme des Erregers zu denen passen, die es damals gab. Auch ist nicht abschließend belegt, wann die Tuberkulose ihren Ursprung nahm. Ein Mumienfund in Ungarn hat jetzt neue Erkenntnisse über die Herkunft und Ausbreitung der tödlichen Infektionskrankheit in Europa erbracht.

Mikrobiologen um Mark Pallen von der University of Warwick in Großbritannien konnten durch DNA-Analysen bei acht Mumien aus dem 18. und 19. Jahrhundert Erreger gleich mehrere Tuberkulose-Stämme (TBC) nachweisen. Alle Erreger wiesen genetische Merkmale eines auch heute noch bekannten Bakterienstammes auf, er wird Lineage 4 genannt.

Bis heute ist dieser für jährlich mehr als eine Million Infektionen in Europa und auf dem amerikanischen Kontinent verantwortlich. Die Forscher um Pallen verglichen dann die Gendaten heutiger TBC-Stämme mit denen der Erreger aus den Mumien. Aus den minimalen Unterschieden konnten sie berechnen, dass der gefährliche Erreger ungefähr 6000 Jahre alt sein muss. Dies spreche für die genetische "Kontinuität" des Erregers, der schon in der Antike "im Herzen Europas gewütet" habe, erklärt Pallen.

Rückrechnung aus den Genvergleich

Auch wie verbreitet die Krankheit im 18. und 19. Jahrhundert war, wird aus den Untersuchungen deutlich: "Fünf der acht Körper unserer Studie waren von mehr als einem Tuberkulose-Typen befallen", so Pallen. Einer der Toten trug gleich drei verschiedene Erregertypen in sich. Heute wird in Patienten meist nur ein Erregerstamm nachgewiesen, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature Communications".

Die Mumien, die das Team um Pallen untersucht hat, wurden bereits vor 20 Jahren entdeckt. Als Arbeiter in Vac nahe Budapest Reparaturen in einer Dominikaner-Kirche durchführten, stießen sie zufällig auf einen zugemauerten Raum. In dem Zimmer wurden letztlich die sterblichen Überreste von 265 Menschen geborgen, sie waren zwischen 1731 und 1838 gestorben und in der Kirche beigesetzt worden.

Die extreme Trockenheit sorgte dafür, dass die Leichen nicht verrotteten. Stattdessen wurden sie natürlich mumifiziert und rund 150 Jahre nicht entdeckt. Wichtig für die Wissenschaft ist diese Entdeckung auch, weil es detaillierte Aufzeichnungen zu den Toten gibt, die etwa ihren Namen und den Todestag enthalten.

Gefährlich Mutationskünstler

Den Ursprung der Tuberkulose erforschen Wissenschaftler seit vielen Jahren. Im vergangen Jahr hatte ein Team um Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena, erstmals nachweisen können, dass sich die gefährliche Infektionskrankheit vermutlich erst vor rund 6000 Jahren entwickelt hat. Die aktuelle Studie bestätige jetzt die Ergebnisse, sagt Krause.

Auch heute noch sterben an der Tuberkulose jedes Jahr ein bis zwei Millionen Menschen weltweit. Jeder dritte Mensch infiziert sich mit dem Erreger. Die Infektionskrankheit ist schwer einzudämmen, da zahlreiche mehrfach resistente Bakterienstämme auftreten.

Tuberkulose
Erreger
Das Mycobacterium tuberculosis hat eine Stäbchenform. Es wächst relativ langsam, ist säurefest und zählt zu der Familie der Mykobakterien, die unter anderem Lepra und Rindertuberkulose auslösen. Das Mycobacterium tuberculosis dringt vor allem durch eine Tröpfcheninfektion über die Atemwege, die Schleimhäute und die Lungenbläschen in Blut und Organe des Menschen ein.
Krankheit
Tuberkulose ist eine chronische Infektionskrankheit mit weltweiter Verbreitung. Erkrankt der Infizierte direkt nach der Ansteckung, spricht man von Primärtuberkulose. Häufig kapseln sich die Erreger ab (geschlossene Tbc) oder brechen in das Bronchialsystem ein (offene Tbc). Fieber, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust und Husten sind typische Symptome.

Bei etwa jedem Zehnten bricht die Erkrankung erst zu einem späteren Zeitpunkt aus, dann führen oft blutiger Auswurf und Husten zur Diagnose. Der Betroffene ist dann hoch ansteckend. Die Bakterien können später auch Organe wie die Haut, Knochen, Darm oder Gehirn befallen. Für die Therapie der unkomplizierten Tuberkulose setzen Ärzte normalerweise zwei Monate lang vier Antibiotika ein (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid). Über weitere vier Monate folgt eine Zweierkombination aus Isoniazid und Rifampicin.
Tbc und HIV
Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind besonders anfällig für das Mycobacterium tuberculosis. Eine Tuberkulose-Infektion ist daher die häufigste Todesursache bei HIV-Infizierten in Afrika. Sie haben ein 20- bis 30-fach größeres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken als HIV-Negative.

nik/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: