Türkei: Tumorhäufung erzwingt Massenumsiedlung

Ein extrem krebserregendes Mineral lässt die Menschen im türkischen Dorf Tuzkoy leiden. Das Problem ist seit mindestens 20 Jahren bekannt. Doch erst jetzt sollen die Bewohner umgesiedelt werden - und ihre Heimat unter dicken Erdschichten verschwinden.

Krebsdorf Tuzkoy: Der Fels birgt den Tod Fotos
AP

Tuzkoy - Spektakuläre Steinformationen ziehen jährlich Millionen Touristen ins türkische Kappadokien. Die Höhlen und Felshäuser gehören zum Unesco-Welterbe und bringen den Bewohnern der zentralanatolischen Region satte Einnahmen. In der Nähe der bestaunten Naturwunder befindet sich jedoch auch das Dorf Tuzkoy. Hier bringt der Fels vor allem den Tod. Die mit Abstand häufigste Todesursache in Tuzkoy ist eine seltene Krebsart: das Mesotheliom.

Der Friedhof des verarmten Dorfes ist voll. Und jeder zweite, der dort liegt, ist an dieser Tumorerkrankung gestorben. Ausgelöst wird sie durch ein Mineral, das in der Region im Überfluss vorhanden ist. Die Behörden sind alarmiert. Die Umsiedlung steht kurz bevor. "Der Plan ist der, das gesamt Dorf zu zerstören und unter einer 1,5 Meter dicken Erdschicht zu begraben", sagt der Bürgermeister Umit Balak.

Die türkische Regierung hat noch keine endgültige Entscheidung darüber getroffen, ob Tuzkoy mit Schutt oder gar mit einer festen Asphaltschicht überdeckt werden soll - oder ob man die Bewohner einfach so von dem Ort fernhalten kann. In den türkischen Medien ist der Tuzkoy längst als das " Krebs-Dorf" bekannt. Schon im Jahr 2004 wurde das Gelände offiziell als gefährlich deklariert. 250 Familien sind bereits fortgezogen. Die übrigen 2.350 Bewohner sollen auch bald gehen - in umliegenden Dörfern werden derzeit auf Staatskosten neue Häuser gebaut.

Tumore in Brustfell, Herzbeutel und Bauchfell

"Die Zahl der Mesotheliom-Fälle ist in Tuzkoy 600 bis 800 Mal höher als normal", sagt Murat Tuncer, der im türkischen Gesundheitsministerium für Krebsbekämpfung zuständig ist. Der Tumor nistet sich hauptsächlich im Brustfell, dem Herzbeutel und dem Bauchfell ein. Es wird vermutet, dass die Bewohner kleine Fasern des Minerals Erionit einatmen, das in dem Gestein vorkommt, mit dem sie ihre Häuser bauen.

Erionit lagere auch in anderen Regionen der Welt im Erdboden, sagt der türkische Wissenschaftler Izzettin Baris. "In der Türkei befindet es sich jedoch ungewöhnlich dicht unter der Oberfläche." Das Mineral wird auch von der Weltgesundheitsorganisation als hochgradig krebserregend eingestuft. Es zeichnet sich allerdings auch dadurch aus, dass es örtlich sehr begrenzt auftritt. Wenige Kilometer von Tuzkoy entfernt besteht kaum noch eine Gefahr.

Den Behörden ist das Problem seit mindestens zwei Jahrzehnten bekannt. Die Umsiedlung ist seit 1999 geplant. Häufige Regierungswechsel, finanzielle Schwierigkeiten und bürokratische Hürden haben das Vorhaben jedoch immer wieder hinausgezögert. Dem Gesundheitsministerium zufolge soll "New Tuskoy" im Jahr 2011 nun aber endlich fertig sein.

Die Bewohner Tuzkoys leben hauptsächlich von der Landwirtschaft sowie von einer nahegelegenen Salzmine. Die nächsten Felsformationen, die regelmäßig von Reisegruppen aus dem In- und Ausland besucht werden, liegen rund 35 Kilometer entfernt. In den Touristenzentren Ürgüp und Göreme gibt es keine Hinweise auf gesundheitlichen Risiken, die mit denen in Tuzkoy vergleichbar wären.

Burhan Ozbilici, AP

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