Übergewicht als Risiko Dick = Diabetes? Falsch!

Warum bleiben einige stark Übergewichtige gesund? Ursache ist offenbar ein einziges Molekül im Gewebe, wie Forscher jetzt herausfanden. Die Erkenntnis könnte Dicke vor Diabetes schützen.

Übergewicht: Warum werden manche Dicke krank, andere nicht?
Corbis

Übergewicht: Warum werden manche Dicke krank, andere nicht?

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Dick macht krank, warnen Ärzte immer wieder. In den meisten Fällen haben sie recht. Im Juni 2013 hat die American Medical Association (AMA) in den USA sogar Adipositas selbst als Krankheit eingestuft. Nun allerdings zeigt eine Studie deutscher und österreichischer Forscher, dass das möglicherweise voreilig war.

Das Risiko, durch Übergewicht krank zu werden, ist zwar deutlich erhöht, doch es gibt Menschen - im Schnitt einer von vier Betroffenen - die trotz starken Übergewichts gesund bleiben. Forscher haben jetzt herausgefunden, woran das liegt: Demnach entscheidet ein Molekül wesentlich über Gesundheit und Krankheit von stark Übergewichtigen.

In Deutschland haben im Schnitt 23 von 100 Menschen deutlich zu viel auf den Rippen - sie gelten als adipös. Körperlich erkranken in der Folge im Schnitt drei von vier der Betroffenen, meist an Typ-2-Diabetes. Dabei kann der Zucker im Blut nicht mehr richtig abgebaut werden. Es drohen Schäden an den Blutgefäßen. Zudem fördert Übergewicht Herzinfarkte und Krebs.

Körpereigenes Enzym fördert Diabetes

Das untersuchte Molekül, die Hämoxygenase (HO-1), wird in zahlreichen Geweben vom Körper selbst produziert. Bislang ging man davon aus, dass es daran beteiligt ist, Gefäße gesund zu halten oder Entzündungen zu unterdrücken. Doch nun zeigte sich seine schädliche Wirkung.

Stark Übergewichtige mit einer hohen Konzentration von HO-1 im Gewebe leiden deutlich häufiger an Folgeerkrankungen wie Diabetes, berichten Harald Esterbauer von der Medizinischen Universität Wien und Kollegen im Fachmagazin "Cell". Der Stoff fördere, anders als bisher vermutet, chronische Entzündungen, die als Risikofaktoren für die Krankheit gelten. Umgekehrt kann ein niedriger HO-1-Pegel die Folgeerkrankung offenbar verhindern.

Das neue Wissen soll helfen, die individuellen Gesundheitsrisiken von Dicken besser einzuschätzen und Medikamente zu entwickeln, die vor Diabetes schützen. "Auch bei anderen altersbedingten Erkrankungen wie Krebs und sogar beim Altern selbst könnte HO-1 eine zentrale Rolle spielen", sagt Esterbauer.

Die Forscher hatten Gewebeproben aus der Leber und dem Fettspeicher von 50 Personen untersucht. Darunter waren stark übergewichtige Probanden mit und ohne Diabetes - und sechs Normalgewichtige. Als stark übergewichtig gilt, wer einen Body-Mass-Index (Verhältnis des Körpergewichts zur Körpergröße zum Quadrat) von über 30 hat.

HO-1-Blocker als Medikament

"Der Zusammenhang zwischen HO-1-Werten und dem Gesundheitszustand der Patienten war überwältigend", sagt Esterbauer. Weder Gewicht, Fettanteil oder die Menge an ungesundem Bauchfett könnten das Erkrankungsrisiko präziser voraussagen. "Das deutet sehr stark darauf hin, dass HO-1 direkt in der Schnittstelle zwischen Übergewicht und Folgeerkrankungen wirkt."

Zusätzliche Experimente mit gentechnisch veränderten Mäusen bestätigten den Zusammenhang zwischen hohem HO-1-Gehalt und größerem Diabetesrisiko: Die Nager waren so verändert worden, dass entweder ihre Leber- oder ihre Immunzellen HO-1 nicht mehr herstellen konnten. Obwohl die Tiere mit extrem fettreicher Nahrung gefüttert wurden, bekamen sie weder Diabetes noch eine Fettleber.

Der Studie zufolge begünstigt HO-1 Diabetes, indem es verhindert, dass die Leber den Insulingehalt im Blut messen kann und ihn bei Bedarf senkt. Demnach baut HO-1 die Insulinbindestelle an den Leberzellen so um, dass das Insulin nicht mehr andocken kann. Durch die Resistenz schießt der Blutzuckerspiegel unbemerkt in die Höhe, Diabetes entsteht, Gefäßschäden drohen.

Nun suchen die Wissenschaftler nach einem Medikament, das das diabetesfördernde HO-1 blockiert. Es könnte die Mehrzahl der stark Übergewichtigen vor der Folgeerkrankung schützen. Erste Ergebnisse erwarten die Forscher in zwei bis drei Jahren. Sollten geeignete Stoffe gefunden werden, dürften bis zu einer therapeutischen Zulassung aber noch einmal sieben bis acht Jahre vergehen.

Heute schützen Bewegung und ausgewogene Ernährung am besten vor Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Vorteil: Es gibt kaum Nebenwirkungen.

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stadtmöwe 06.07.2014
1. Na Klasse ...
... wie beinahe immer forscht also die Schulmedizin daran mit Medikamenten die Symptome zu bekämpfen. Anstatt mal wirklich zu erforschen, wie die Ursachen für diese Symptome gar nicht mehr zum Tragen kommen müssen. Warum wohl? Weil die Pharma-Industrie natürlich mit der Vermeidung von Übergewicht durch eine ausgeglichene und gesunde Lebensführung kein Geld verdienen kann. Praktisch ist, dass man dann bald auch wieder Medikamente gegen die Nebenwirkungen auf den Markt bringen kann. Und was ist mit den weiteren Nebenwirkungen von Übergewicht, wie Herz-Kreislauf-Erkankungen, Gelenkschäden, Krebs, etc.? Oh - da brauchen wir dann wieder andere Medikamente ... Nach meiner Erfahrung entsteht Übergewicht aus unnatürlichen Ess-Gewohnheiten dann, wenn Essen (oder Naschen) benutzt wird, um unangenehme Gefühle zu unterdrücken, die uns oft noch nicht einmal bewusst sind. Hier gibt es Möglichkeiten, uns zu erlauben diese Gefühle zu spüren - und dann braucht es das Essen nicht mehr als Droge. Da weiter zu forschen, wie Menschen, die eher wenig Selbst-Wahrnehmung und Ängste vor dem Spüren ihrer Gefühle haben, dazu in die Lage versetzt werden, dass sie erleben, dass sie das können - das wäre der Schlüssel zu gesünderem und glücklicherem Leben. Das würde eigentlich in die Schulen gehören - wie vieles andere auch, was den Kindern und späteren Erwachsenen Gesunderhaltung und Glücklichsein ermöglicht. Aber damit lässt sich ja kein Geld verdienen.
christiewarwel 06.07.2014
2. Vorsicht ist geboten
Auch wenn ich die Studie nur überflogen habe, fallen diverse Kritikpunkte auf: 1) Die meisten Daten sind korrelativ, nicht kausal. 2) Wie verhält sich das Enzym bei gesunden Menschen in Bezug auf Alter und Gewicht, was ist seine normale Funktion im Körper? Die Frage wird bestenfalls vage beantwortet. 3) In vielen statistischen Tests ist die n-Zahl 3 oder 4. Es gibt keinen statistischen Test, der mit so niedrigen Zahlen eine Aussage erlaubt. 4) Außerdem sind die Tests nicht klar spezifiziert. Es ist also nicht ersichtlich, welche Tests verwendet wurden. 5) Eine Vergleichsgruppe mit n=6 (Gesunde) bei 3 Gruppen insgesamt funktioniert nicht. Die Mindestanforderung wäre 8. Und, wie gesagt, ich habe das paper nur kurz angeschaut. Die Reviewkriterien bei Science, Nature und jetzt wohl auch Cell erschließen sich wahrscheinlich nur noch den Redakteuren selbst. Qualität ist es jedenfalls schon lange nicht mehr.
e-hugo 06.07.2014
3. Lieber gut gelebt und nicht so lange
---Zitat--- Heute schützen Bewegung und ausgewogene Ernährung am besten vor Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. ---Zitatende--- Nein, das machen sie nicht. a) Sie schützen -vielleicht- vor Diabetes Typ 2. Aber wie man ja nun sieht, ist der Einfluss offenbar kleiner als man bisher behauptete. Dass dieser Satz unter dem Artikel steht, in dem völlig andere Auslöser gezeigt wurden, ist schon kurios. Das erscheint mir so als würde jemand lang und breit ausführen warum die Planeten nahezu kugelförmig sind und dann zum Schluss sagen, aber die Erde ist eine Scheibe. b) Gegen Diabetes Typ 1 helfen sie überhaupt nicht. c) Und der Herzinfarkt kann jeden treffen, oft genug gerade gut trainierte Leute, die so leben, wie es die "Gesundheitsapostel" uns vorschreiben wollen. d) Des Weiteren ist es mit der "ausgewogenen Ernährung" auch so eine Sache. Was ist "ausgewogene Ernährung"? Da scheinen immer wieder neue Modewellen zu rollen. Gerade habe ich bei einer Schulung mal wieder eine völlig umgebaute Ernährungspyramide zu sehen bekommen (die Dritte in 12 Jahren). Also macht nicht solchen Wind, hört auf die Leute immer wieder mit alarmistischen Meldungen dazu zu bringen sich selbst zu kasteien. Wir werden älter als jede Generation vor uns, nur dass das Ende dann oft genug Demenz oder Pflegefall bedeutet. Was also soll das?
smoerk 06.07.2014
4.
Ja klar, ein Medikament, dass HO-1 blockiert hat bestimmt überhaupt keine ernsthaften Nebenwirkungen. Da hofft die Pharmaindustrie wieder auf einen Blockbuster. Jahrzente später werden sie dann wegen Vertuschung der Nebenwirkungen und Korruption auf Milliardensummern verklagt, aber das ist schon kalkuliert.
anniblubb 06.07.2014
5. Diabrtes als Folge von Übergewicht?
ich störe mich persönlich schon daran, dass Diabetes hier als Folge von Übergewicht dargestellt wird... ich hätte es eher als Symptom eines infolge von falscher und nicht zu vergessen zu üppiger Ernährung sowie mangelnder Bewegung entgleistem Stoffwechsel bezeichnet
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