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Umgang mit Ehec: Grüne zerpflücken Krisenmanagement der Regierung

Zu spät, zu schleppend, zu unkoordiniert - die Grünen kritisieren die Arbeit der Regierung während der Ehec-Epidemie scharf. Das Risiko durch die Darmkeime sei von Gesundheitsminister Bahr und seinen Kollegen unterschätzt worden. Damit hätten sie wertvolle Zeit bei der Erregersuche verschenkt.

Gesundheitsminister Bahr (im Hamburger UKE): "Was machen die eigentlich?" Zur Großansicht
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Gesundheitsminister Bahr (im Hamburger UKE): "Was machen die eigentlich?"

Hamburg/Berlin - Die Suche nach dem Ehec-Erreger läuft auf Hochtouren. Jetzt stehen Sprossen im Verdacht die hochgefährliche Darmerkrankung auszulösen, durch Labortests ist dies aber noch nicht belegt. Bisher sind 21 Menschen an den Folgen einer Ehec-Erkrankung gestorben - und die Kritik am Krisenmanagement wird lauter. Die Grünen bemängeln vor allem die Arbeit der Bundesregierung bei der Ehec-Bekämpfung. "Es findet keinerlei Krisenmanagement statt. Ich frage mich, was der Gesundheitsminister und die Verbraucherministerin eigentlich machen", sagte Bundestagsfraktionschefin Renate Künast der "Berliner Zeitung".

Bislang würden weder die Suche nach den Infektionsherden noch die Laborforschung bundesweit koordiniert. "Man kann nicht darauf warten, dass die Experten irgendwann miteinander telefoniert haben", sagte Künast.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wollen sich diese Woche mit den zuständigen Länderministern beraten. Das am Mittwoch geplante Spitzentreffen bezeichnete Künast als "reine Show". Stattdessen brauche Deutschland einen nationalen Kontrollplan mit einer Checkliste möglicher Übertragungswege vom Bauern über die Verarbeitung bis zum Restaurant.

Ihre Stellvertreterin Bärbel Höhn warf der Koalition vor, das Risiko zu niedrig eingestuft zu haben. "Die Regierung hat diese Krise vollkommen unterschätzt und sich weggeduckt. Von den verantwortlichen Ministern war lange nichts zu hören", sagte Höhn der "Passauer Neuen Presse". Man habe erst reagiert, als der Druck in der Öffentlichkeit immer größer wurde. Es wäre am Anfang viel aussichtsreicher gewesen, den Erreger schnell zu finden, sagte Höhn. "Diese Möglichkeit hat man verschenkt. Jetzt wird es ungleich schwerer."

Gebot der Schnelligkeit missachtet

Tatsächlich haben die Behörden bei der Fahndung nach dem gefährlichen Erreger laut SPIEGEL gegen ein Grundgesetz jeder wirksamen Seucheneindämmung gleich am Anfang verstoßen: Schnelligkeit ist oberstes Gebot. Sonst können wertvolle Spuren, die zur Quelle einer neuen Seuche führen, verloren gehen. "Als die ersten Leute nach einigen Tagen krank wurden", sagt Lothar Wieler, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin, "war die belastete Charge vielleicht längst verkauft."

Als dann nach einer weiteren Woche die ersten schweren Fälle auftraten, war das Gemüse möglicherweise bereits verspeist oder verdorben - und vom Keim nicht mehr viel übrig. Bei den meisten Ehec-Ausbrüchen bleibt die Quelle deshalb unbekannt. "Dass man nichts findet", sagt Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), "ist völlig normal."

Deshalb sei es fatal, dass gerade am Beginn der Seuche wertvolle Zeit vergeudet wurde. Spätestens am 1. Mai, so ist inzwischen bekannt, erkrankte der erste Patient an Durchfall. Danach vergingen 18 kostbare Tage, ehe das Robert Koch-Institut (RKI) alarmiert wurde.

Am Wochenende hatte der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, im "Tagesspiegel" auch das Krisenmanagement beim Robert Koch-Institut kritisch bewertet. Es sei nicht erkennbar, woran das RKI arbeite. Frei sagte, die Charité habe erst in der vergangenen Woche Fragebögen für Ehec-Patienten bekommen. "Das reicht nicht. Man hätte die Patienten interviewen sollen", wird er zitiert. Nötig sei eine bessere Informationspolitik. Eine RKI-Sprecherin wies die Vorwürfe zurück. Man habe nach Ausbruch des Darmkeims zügig reagiert.

Grünen-Politikerin Höhn forderte nun eine bessere Koordinierung der Lebensmittelkontrollen. "Das hätten im Fall von Ehec der Bundesgesundheitsminister oder die Bundesverbraucherschutzministerin übernehmen müssen. Jeder hat die Verantwortung auf den anderen abgeschoben. Das hat die Probleme noch vergrößert", kritisierte Höhn. Inzwischen klagen die ersten Krankenhäuser im besonders schwer betroffenen Norden Deutschlands über erste Engpässe in der Patientenversorgung.

Neue Informationen am Montag erwartet

Nach der Warnung vor Gemüsesprossen sollen am Montag mehr Informationen über eine mögliche Quelle des Darmkeims bekanntgegeben werden. Vor allem Sprossen von einem Biohof in Niedersachsen stehen nun unter Verdacht, die Epidemie ausgelöst zu haben. Auch ein Restaurant in Lübeck ist im Visier der Ehec-Ermittler. Unklar ist, ob noch verseuchte Ware im Handel ist. Die Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten gilt bisher weiter.

In Deutschland haben sich beim aktuellen Ehec-Ausbruch seit Anfang Mai 1526 Menschen mit den Bakterien angesteckt, zusätzlich leiden 627 Patienten am besonders gefährlichen Hu-Syndrom, wie das RKI am Sonntag mitteilte. Frauen sind überdurchschnittlich oft betroffen.

Für Gesundheitsminister Bahr steht der Ausgangspunkt der gefährlichen Darmerkrankungen in Deutschland trotz der Hinweise auf Sprossengemüse noch nicht fest. Es gebe zwar deutliche Indizien, dass ein Betrieb aus Uelzen eine Quelle der Infektionen mit dem Ehec-Bakterium sei, sagte Bahr. Noch bestehe aber keine Sicherheit. Auch der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, äußerte sich zurückhaltend.

Der für Gesundheit und Verbraucherschutz zuständige Unions-Bundestagsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) brachte ein Prüfsiegel für Gemüse ins Gespräch. Auf diese Weise sollten weitere Verluste bei deutschen Erzeugern durch die Ehec-Krise unterbunden werden. Es gehe ja nicht nur um die Erzeugung der Produkte, erläuterte Singhammer. "Eine Verseuchung könnte auch über den Vertriebsweg erfolgen. Auch darüber wissen wir leider noch zu wenig", sagte Singhammer.

jok/AFP/dpa

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Forum - Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
insgesamt 2818 Beiträge
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1. Sehr auffällig..
bibernell 04.06.2011
finde ich, dass noch kaum ( erst jetzt, das Restaurant in Lübeck..) Berichte über Gruppenerkrankungen gab. Diverse Foristen, so auch ich, haben immer wieder die Frage gestellt, wieso gerade bei solchen Gruppenerkrankungen ( am selben Ort zu selben Zeit das Gleiche gefuttert und gleichzeitig erkrankt...) der Rückschluss auf die Quelle nicht gezogen werden kann. Mir selbst sind andere Gruppenerkrankungen bekannt, nicht nur die, aus der Kantine in Frankfurt, und nie wurde darüber berichtet. Also, nochmal : welchem Denkfehler unterliegt man mglw., wenn man meint, dass solche Gruppenerkrankungen ein deutlich einfacheres Verfolgen der Nahrungswege möglich machen, als das Verfolgen der Speisen von Einzelerkrankten ? Hä ?
2. Allheilmittel
heinrichp 05.06.2011
Zitat von sysopBei der Suche nach der Quelle der Ehec-Epedemie standen zunächst spanische Gurken im Verdacht, die Erreger zu verbreiten. Nun hat sich dies als falsch herausgestellt. Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert und wollen wissen, was sie noch gefahrlos essen dürfen. Haben die deutschen Behörden im Kampf gegen Ehec versagt?
Jede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
3. Gefährliches Spiel
W. Robert 05.06.2011
Ganz offensichtlich sind derartige veränderte Bakterien gentechnisch sehr einfach herzustellen, angeblich experimentieren in Frankreich Gymnasiasten speziell mit derartigen Aufgabestellungen aus einem "Bio-Baukasten". Überall gibt es militärische Labore, die speziell zur biologischen Kriegsführung und deren Abwehr unterhalten werden. Man muss sich klar sein, dass diese biologischen Kampfstoffe speziell zum Töten von Menschen entwickelt werden und das Fatale ist, dass mit fortschreitender "Globalisierung" nicht nur jeder Kampfstoff von jedem besseren Studenten hergestellt werden kann und dass sich derartige "Seuchen" auch sofort global ausbreiten, wie man an den Neuinfektionen mit EHEC in den USA schon sieht. Jedenfalls gibt es enorm viele Ungereimtheiten in diesem Fall, angeblich wurde die Quelle der Konterminierung noch nicht gefunden, was höchst seltsam erscheint. Zudem steht jetzt praktisch die gesamte Nahrung unter Generalverdacht und immer neue Theorien verbreiten sich in Windeseile. Zuerst sind es die spanischen Gurken, dann weiß man es wieder nicht so genau, dann gerät natürlich Bio-Kost unter Generalverdacht, andere halten die Gentechnik (wohl zurecht) für den Verursacher. Fakt ist, dass unsere Regierung und auch die Presse kaum noch Vertrauen genießt, zu oft wurde an den Fakten gedreht. Die WHO und die Pharmaindustrie sind nach dem "Schweinegrippe"-Skandal erst recht im Zwielicht. Keiner garantiert uns, dass derartige mutierte Bakterien nicht eines Tages die Menschheit ausrotten. Wir verhalten uns wie im Mittelalter mit unserer aggressiven Politik und vergessen, dass die modernen Waffen jederzeit das Ende der Gattung bewirken können und nicht wenigen Spinnern wäre eine drastische Bevölkerungsreduktion auf gewaltsame Weise ganz recht.
4. Anders ist richtig
Montanaman 05.06.2011
Zitat von heinrichpJede Zeit hat ihre besondere Charakteristik. So werden wir im hoch technisierten und kapitalistischen Zeitalter immer mehr mit Krankheiten und Leiden konfrontiert, die für unsere Vorfahren noch undenkbar waren. Viele Erkrankungen lassen sich dabei auf eine unnatürliche Lebensweise, Umweltgifte, Luftverschmutzung, übermäßige Belastung im Beruf und auf den so genannten Freizeitstress zurückführen. Das Gleichgewicht des Menschen gerät in zunehmendem Maße aus den Fugen. Betrachten wir nur die stetig ansteigende Anzahl der Allergiker. Es gibt kaum noch einen Stoff, dem nicht eine allergische Wirkung nachzuweisen wäre. Angefangen vom harmlosen Blütenstaub, bis hin zu kosmetischen Präparaten oder gar Nahrungsmitteln. Wurden antibiotisch wirkende Medikamente vor nicht allzu langer Zeit noch als das Allheilmittel für infektiöse Erkrankungen angesehen, manifestiert sich jetzt mehr und mehr eine hartnäckige Resistenz der Bakterien gegenüber Antibiotika. Wir können die Vermehrung von Bakterien hemmen, letzten Endes züchten wir dadurch Antibiotika-resistente Organismen! Antibiotika-Resistanz durch Fleischkonsum - Massentierhaltung macht's! Was uns heute wirklich helfen würde wird ignoriert! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/
Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Anders herum wird ein Schuh daraus: VOR dem "technisierten und kapitalistischen Zeitalter" haben die Menschen ungesund gelebt, waren sie doch schutzlos Seuchen wie Cholera ausgeliefert, die hunderttausende Menschenleben forderte: http://de.wikipedia.org/wiki/Cholera#Geschichte_der_Krankheitsausbr.C3.BCche Natürlich leben wir heute viel gesünder als die Menschen vor hundert Jahren - das kann man etwa an der rapide steigenden Lebenserwartung sehen.
5. Es gibt keine gefahrlose Welt.....
dillerjohann 05.06.2011
Diese Welt steht für den ständigen Wandel. So sind Epidemien, immer wieder aufgetreten weil Menschenmassen, zu dicht, zu eng, zu Unhygienisch, auf einander treffen.Veränderungen in den Klimatischen Bedingungen sind nicht zu Unterschätzen, dazu kommt der Raubbau, der seit Industrialisierung um sich greift.Bis jetzt sind alle Mutmaßungen, die EHEC betreffen, in Leere gelaufen.Massentierhaltung, Monokulturen,Chemie und Radioaktive Strahlung,Umweltverschmutzungen, in unermesslichen Ausmaß, führen zu negativen Ergebnissen, die unser Leben beeinflussen.Wir werden wieder umdenken müssen, um in einer Welt leben zu können, in der die Gefahren, besser ein zu schätzen sind,und mehr Natürlichkeit unser Leben bestimmt.Eine Welt ohne Gefahren wird es niemals geben, denn die größte Fehlerquelle ist der Mensch!
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Antworten zur Ehec-Seuche
HZI/ Manfred Rohde
In Deutschland grassiert die Ehec-Seuche - aber welcher Stamm genau? Woran erkennt man eine Infektion, und was können Ärzte dagegen tun? Antworten auf die wichtigsten Fragen im Überblick.

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