Von Cinthia Briseño
Lange Zeit waren Malaria-Forscher finanziell nicht gut ausgestattet. Doch seit Bill Gates sich aus der Microsoft-Spitze zurückgezogen und die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gegründet hat, sind bessere Zeiten angebrochen. Ähnlich wie Jimmy Carter mit einem Entwicklungshilfeprojekt den Guineawurm, einen gefährlichen Parasiten, auszurotten versucht, hat die Gates Foundation der Malaria den Kampf angesagt - und seit 2004 mehr als 1,5 Milliarden Dollar in die Forschung investiert.
Die Auswirkungen sind bereits spürbar: 2010 publizierten Forscher eine ganze Reihe von Ergebnissen in hochrangigen Fachjournalen, die hoffen lassen, dass zuverlässige Therapien oder gar ein Impfstoff in Sichtweite sind. Ein internationales Team kam kürzlich einem Wirkstoff auf die Spur, der sogar resistenten Erregern den Garaus machen soll. Andere Forscher verfolgen den Ansatz, Stechmücken gentechnisch in lebende Impfnadeln zu verwandeln. Wiederum andere Wissenschaftler sind auf der Suche nach jenen Genen, die den Malariaerreger resistent gegen herkömmliche Malariamedikamente machen.
Was jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" nachzulesen ist, lässt Malariabekämpfer vermutlich aufhorchen: Das Team um Kenneth Vernick vom Pariser Institut Pasteur hat eine bisher unbekannte Stechmückenart entdeckt, die wesentlich anfälliger für den Malariaerreger ist - und deshalb viel gefährlicher für den Menschen sein könnte.
Eine Million Kinder sterben jährlich
Es geht dabei um den mit Abstand zerstörerischsten Erreger, der Malaria bei Menschen auslösen kann: den Parasiten Plasmodium falciparum. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich etwa eine Million Kinder daran sterben. Betroffen sind vor allem Kleinkinder aus großen Teilen Zentralafrikas, neunzig Prozent aller Menschen, die weltweit an der Tropenkrankheit sterben, stammen von dem Kontinent.
Die Krankheit beginnt wie eine schwere Grippe, binnen weniger Stunden kann es zu Krampfanfällen und Atemnot kommen - am Ende fallen viele Infizierte ins Koma. Die Abläufe im Inneren des Körpers sind äußerst Komplex, denn der parasitäre Einzeller durchläuft dort einen komplizierten Lebenszyklus. Dabei befällt er erst die Leberzellen, später die roten Blutkörperchen.
Und so gelangt Plasmodium falciparum auch wieder in die Mücke: Sticht eine Mücke einen infizierten Menschen, nimmt sie den Parasiten wieder auf - im Mückenkörper durchläuft er einen weiteren Lebenszyklus, und der Moskito kann erneut Menschen infizieren.
Die Mückenart, die Vernick und seine Kollegen jetzt entdeckt haben, sei besonders anfällig für eine Infektion mit Plasmodium falciparum, schreiben die Forscher. Es handelt sich demnach um eine Unterart der gefürchteten Stechmücke Anopheles gambiae. Vier Jahre lang sammelten Michelle Riehle, die Erstautorin der Studie, und ihre Kollegen Moskitolarven aus Tümpeln, Pfützen und Teichen in der Nähe von Dörfern in Burkina Faso, züchteten daraus erwachsene Insekten, analysierten deren Erbgut und verglichen es mit dem von bereits bekannten Anopheles-Arten.
Richtig Moskitos fangen
Das Ergebnis ihrer Analyse zieht bisherige Vorgehensweisen von Forschern in Zweifel: Für gewöhnlich fangen und untersuchen Wissenschaftler Stechmücken, die im Inneren von Behausungen leben. Denn gemeinhin wird vermutet, dass Menschen vor allem nachts im Schlaf von einer Anopheles-Mücke gestochen werden. Zudem ist es einfacher, Mücken im Inneren einer Behausung zu fangen, als draußen im Freien. Als Riehle und ihre Kollegen das Erbgut der "Outdoor"-Mücken mit dem der anderen verglichen, stellten sie jedoch deutliche genetische Unterschiede fest, die sie von bisherigen Anopheles-gambiae-Unterarten nicht kannten.
Zwar weisen die Forscher darauf hin, dass vermutlich die große Mehrheit der gefährlichen Malaria-Parasiten tatsächlich über Indoor-Mücken übertragen werden. Dennoch müsse man Outdoor-Mücken ebenso stark im Auge behalten, betonen die Forscher. Outdoor-Anopheles-Mücken seien möglicherweise nicht nur wesentlich anfälliger für Plasmodium falciparum. Möglicherweise handele es sich um eine evolutionsgeschichtlich noch recht junge Mückenart, deren Weiterentwicklung zu einer noch weitaus gefährlicheren Art führen könnte.
Deshalb wollen die Forscher ausgewachsene Insekten weiterhin sammeln und untersuchen - und rufen Malaria-Wissenschaftler auf, ihre bisherigen Fangmethoden auf den Prüfstand zu stellen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Medizin | RSS |
| alles zum Thema Malaria | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH