Brisante Funde Uni-Klinik Kiel ließ beim Umzug auch Arztbriefe liegen

Als die Neurochirurgie in Kiel ein neues Gebäude bezog, vergaß sie unzählige Plastiktütchen mit menschlichem Körpermaterial. Nun wird bekannt: Auf dem Speicher der alten Klinik entdeckte ein Student zahlreiche Arztbriefe. Die Kripo ermittelt, Datenschützer verlangen Aufklärung - die Uni entschuldigt sich.

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Ehemalige Klinik in Kiel: "Anfangsverdacht der Verletzung von Privatgeheimnissen"

Ehemalige Klinik in Kiel: "Anfangsverdacht der Verletzung von Privatgeheimnissen"


Ungewöhnliche Szenen ereignen sich derzeit im Anscharpark in Kiel: Nachdem in der vergangenen Woche bekannt wurde, dass im Jahr 2004 - während des Umzugs der Neurochirurgie der Uni-Klinik Schleswig-Holstein (UKSH) - Patientenakten und kistenweise Material aus der Pathologie vergessen wurden, besichtigen deren Mitarbeiter die alten Räumlichkeiten, auch der jetzige Besitzer des Geländes, die Immobiliendienstleister Prelios, schaute auf dem abgesperrten Baugrundstück vorbei. Das Material wurde aus dem verfallenen Haus geschafft, nun soll es ordnungsgemäß entsorgt werden.

"Ich kann mich nur entschuldigen", erklärte Oliver Grieve, Sprecher der Uni-Klinik später. Natürlich sei es nicht in Ordnung, mit derart sensiblem Material nicht ordnungsgemäß umzugehen. Glücklicherweise konnte man anhand der Nummern auf den Proben aber keine Rückschlüsse auf einen Patienten ziehen. Die Akten zu den Nummern lägen gut gesichert im Mikrofiche-Archiv des UKSH.

Doch der Fall ist damit nicht erledigt. Wie die "Kieler Nachrichten" nun berichten, hat bereits vor Wochen ein 27-Jähriger das heruntergekommene Gebäude im Park heimlich besichtigt. Die Gewebeproben im Keller fand der Student nicht, dafür aber Arztbriefe und Diagnoseschreiben auf dem Dachboden. Auf dem ganzen Boden haben Papiere herumgelegen, berichtet er.

Mediziner berichtet über Kriegsopfer

Die Uni-Klinik bestätigt mittlerweile den Fund. Es handele sich dabei unter anderem um die Hinterlassenschaften eines Arztes aus Süddeutschland, sagt Sprecher Grieve. Die Unterlagen des mittlerweile verstorbenen Mediziners stammten aus den fünfziger und sechziger Jahren, in einem Brief wird über die Behandlung eines Mannes berichtet, der im Ersten Weltkrieg am Kopf verletzt wurde und unter epileptischen Anfällen litt.

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Uniklinik Kiel: Bei Umzug Gewebeproben vergessen
Warum es derart viel Material gibt, das in der alten Klinik vergessen wurde, kann Sprecher Grieve nicht erklären. Die internen Ermittlungen seien schwierig, da die beim Umzug beteiligten Mitarbeiter mittlerweile nicht mehr im Dienst seien, manche sind bereits gestorben.

Dennoch hat die Uni-Klinik mittlerweile die Polizei eingeschaltet, die ermittelt nun wegen des "Anfangsverdachts der Verletzung von Privatgeheimnissen", wie Bernd Triphahn von der Kripo Kiel bestätigt. Zunächst gehe es darum herauszufinden, wer durch die Nachlässigkeit der Uniklinik möglicherweise geschädigt wurde.

Thilo Weichert fragt sich das auch. Der Landesdatenschutzbeauftragte für Schleswig-Holstein findet die Geschehnisse sehr ärgerlich, zumal immer wieder Fälle bekannt würden, bei denen Kliniken nicht sorgfältig mit altmedizinischen Materialien umgehen. In diesem Fall wird der Schaden nicht groß sein, sagt Weichert. Was aber, wenn einmal alte Diagnosebriefe eines Prominenten auf diese Weise bekannt würden?

Datenschutz in der Klinik nicht einheitlich geregelt

Nach Paragraf 630f Absatz 3 BGB sind Kliniken und Arztpraxen verpflichtet, Patientenakten - dazu können auch Gewebeproben zählen - für die Dauer von zehn Jahren nach Abschluss einer Behandlung aufzubewahren. Im Hinblick auf Vorgaben des Datenschutzes gebe es allerdings keine einheitliche Rechtsgrundlage, sagt Dagmar Vohburger, Sprecherin der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Hier existieren Vorgaben aus zahlreichen Lösungen auf Landes- und Bundesebene. Generell müssten Patientenakten aber gesondert und gesichert im Krankenhaus aufbewahrt werden. Zudem muss gewährleistet sein, dass nur befugte Personen Zugriff auf diese Daten besitzen.

Die Uniklinik Kiel hat dies anscheinend versäumt, theoretisch könnte Datenschützer Weichert ein Verfahren einleiten und ein Bußgeld verhängen. Tatsächlich werde man es in diesem Fall bei einer gründlichen Aufklärung bewenden lassen. Weichert: "Wollen wir hoffen, dass sich nicht noch weiteres Material im Klinikkeller findet."



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insgesamt 14 Beiträge
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doktornick 31.10.2013
1. Skandal?
Wenn dies nun ein Skandal sein soll, dann werden schon bald viele Skandale folgen. Ich selbst kenne mindestens noch eine Klinik bei der ebenfalls ungeschützte Dokumente herumliegen.
jamsn 31.10.2013
2. Ob prominent oder nicht...
macht doch keinen Unterschied. Für jeden Bürger ist es nicht akzeptabel, wenn seine Diagnosen öffentlich sind. Wieviel Interesse (und von wem) daran besteht, ändert doch nichts daran. Oder?!
emobil 31.10.2013
3. Archivierungsfristen im Krankenhaus
Zitat von sysopAls die Neurochirurgie in Kiel ein neues Gebäude bezog, vergaß sie unzählige Plastiktütchen mit menschlichem Körpermaterial. Nun wird bekannt: Auf dem Speicher der alten Klinik entdeckte ein Student zahlreiche Arztbriefe. Die Kripo ermittelt, Datenschützer verlangen Aufklärung - die Uni entschuldigt sich. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/uniklinik-kiel-liess-beim-umzug-nicht-nur-gewebeproben-liegen-a-931113.html
Archivierungsfristen und Datenschutz sind im Krankenhaus in der Tat ein schwieriges, verwirrendes und uneinheitliches Problemfeld, dem leider in der Krankenhauspraxis häufig nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zwar ist im, durch das Patientenrechtegesetz neu hinzugefügte § 630f BGB von einer *10 jährigen Archivierungspflicht * die Rede. Dies gilt allerdings nur, wenn "nicht nach anderen Vorschriften andere Aufbewahrungsfristen bestehen". Von diesen "anderen Vorschriften" gibt es zahlreiche! - Zunächst einmal ist die Verjährungsfrist gem. BGB § 199 (2) für Schadensersatzansprüche bei der Verletzung des Lebens, des Körpers, der Gesundheit ... *30 Jahre. * - Bei der Behandlung von Arbeitsunfällen ist nach § 34 SGB VII eine Aufbewahrungsfrist von * 15 Jahren * einzuhalten. - Kommt das Transfusionsgesetz zu Anwendung gilt eine Archivierungsfrist von * mindestens 15 Jahren - 30 Jahre*. ( Aus gutem Grund: man denke hier z.B. an die "Bluter-HIV-Fälle". "Blutgeld" - ZDF.de (http://www.zdf.de/Der-Fernsehfilm-der-Woche/Blutgeld-29770178.html) ) - Nach der Röntgen- und Strahlenschutzverordnung gilt eine Aufbewahrungspflicht von * 30 Jahren *. - Bei Transplantationen * 30 Jahre * nach dem TPG. - Nach der Krankenhaus-Apothekenverordnung (ApBetrO): * 30 Jahre *. - Nach Implantationen: * mindestens 20 Jahre *. - Akten zu medizinischen Studien * mindestens 30 Jahre *. Diese Vielzahl unterschiedlicher Bestimmungen ist in der Praxis nicht umsetzbar! Daher empfiehlt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), von einer * generellen Aufbewahrungsfrist von 30 Jahren * auszugehen. Die Dokumentation der Krankenhausbehandlung: Datenschutz zur Krankenhausbehandlung (http://www.dkvg.de/product_info.php?info=p285_Die-Dokumentation-der-Krankenhausbehandlung.html)
c218605 31.10.2013
4. Klinikalltag sieht anders aus...
Zitat von emobilArchivierungsfristen und Datenschutz sind im Krankenhaus in der Tat ein schwieriges, verwirrendes und uneinheitliches Problemfeld, dem leider in der Krankenhauspraxis häufig nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zwar ist im, durch das Patientenrechtegesetz neu hinzugefügte § 630f BGB von einer *10 jährigen Archivierungspflicht * die Rede. Dies gilt allerdings nur, wenn "nicht nach anderen Vorschriften andere Aufbewahrungsfristen bestehen". Von diesen "anderen Vorschriften" gibt es zahlreiche! - Zunächst einmal ist die Verjährungsfrist gem. BGB § 199 (2) für Schadensersatzansprüche bei der Verletzung des Lebens, des Körpers, der Gesundheit ... *30 Jahre. * - Bei der Behandlung von Arbeitsunfällen ist nach § 34 SGB VII eine Aufbewahrungsfrist von * 15 Jahren * einzuhalten. - Kommt das Transfusionsgesetz zu Anwendung gilt eine Archivierungsfrist von * mindestens 15 Jahren - 30 Jahre*. ( Aus gutem Grund: man denke hier z.B. an die "Bluter-HIV-Fälle". "Blutgeld" - ZDF.de (http://www.zdf.de/Der-Fernsehfilm-der-Woche/Blutgeld-29770178.html) ) - Nach der Röntgen- und Strahlenschutzverordnung gilt eine Aufbewahrungspflicht von * 30 Jahren *. - Bei Transplantationen * 30 Jahre * nach dem TPG. - Nach der Krankenhaus-Apothekenverordnung (ApBetrO): * 30 Jahre *. - Nach Implantationen: * mindestens 20 Jahre *. - Akten zu medizinischen Studien * mindestens 30 Jahre *. Diese Vielzahl unterschiedlicher Bestimmungen ist in der Praxis nicht umsetzbar! Daher empfiehlt die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), von einer * generellen Aufbewahrungsfrist von 30 Jahren * auszugehen. Die Dokumentation der Krankenhausbehandlung: Datenschutz zur Krankenhausbehandlung (http://www.dkvg.de/product_info.php?info=p285_Die-Dokumentation-der-Krankenhausbehandlung.html)
Da gibt es erst mal noch was wichtigers weil es tausendfach jeden Tag vorkommt: Es ist Usus dem Patienten den Brief an den Hausarzt am Tag der Entlassung in die Hand zu druecken, oft sogar unverschlossen, spart ja Porto und Arbeit. Der liest den Brief meist noch auf der Station gleichwohl er als Nicht-Adressat eine Verletzung des Briefgeheimnisses nach § 202 des StGB begeht die auch dann gilt, wenn sich der Inhalt des Briefes auf den Patienten selbst bezieht dem er zur Übermittlung ausgehändigt wurde. Unrechtsbewusssein bei vielen Patienten gleich Null - "weil es sich ja um mich handelt" und Schulterzucken bei der Chefartage - "wollen unsere Kunden nicht veraergern".
muehle79 31.10.2013
5.
Zitat von c218605Da gibt es erst mal noch was wichtigers weil es tausendfach jeden Tag vorkommt: Es ist Usus dem Patienten den Brief an den Hausarzt am Tag der Entlassung in die Hand zu druecken, oft sogar unverschlossen, spart ja Porto und Arbeit. Der liest den Brief meist noch auf der Station gleichwohl er als Nicht-Adressat eine Verletzung des Briefgeheimnisses nach § 202 des StGB begeht die auch dann gilt, wenn sich der Inhalt des Briefes auf den Patienten selbst bezieht dem er zur Übermittlung ausgehändigt wurde. Unrechtsbewusssein bei vielen Patienten gleich Null - "weil es sich ja um mich handelt" und Schulterzucken bei der Chefartage - "wollen unsere Kunden nicht veraergern".
Wollten Sie das Lesen von Arztbriefen durch die betreffenden Patienten verhindern, so müssten Sie die ausstellenden Ärzte gesetzlich zwangsverpflichten, ein an den Patienten adressiertes wortgleiches Exemplar anzufertigen und mitauszuhändigen. Wollen Sie das? Ich höre schon das Stöhnen über die zusätzliche Arbeitsbelastung. Im übrigen verletzt ein Arzt, der so tut, als würden Dienst- und Briefgeheimnisse in den Kollegenbriefen stehen aufs Gröblichste auch seine Aufklärungs- und Beratungspflichten gegenüber dem Patienten. Die Halbgötter in Weiß erwecken ja desöfteren den Anschein ihre Patienten unabhängig von der Diagnose und deren beruflicher Stellung und Bildung für begriffsstutzig und blöd zu halten und sind mitunter äußerst wortkarg, mitunter auch sehr unpräzise mit Äußerungen zu Diagnose und Heilungsverlauf gegenüber dem Patienten. Und da soll es verwundern, wenn man mal nachlesen will, was wirklich Sache ist?
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