Großverlag Elsevier: Universität Konstanz kündigt wichtige Abos

Von Hilmar Schmundt

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Protest gegen den Großverlag: Elsevier verteidigt eisern seine Preispolitik

Die Preisvorstellungen seien weit über der Norm. Die Universität Konstanz hat Verhandlungen mit dem Großverlag Elsevier abgebrochen, Forscher sollen ab sofort über andere Wege auf Studien zugreifen. Nicht nur am Bodensee wächst der Protest gegen überteuerte Publikationsmodelle.

An der Universität Konstanz eskaliert der Streit um den Preis von Wissenschaftszeitschriften: "Teurer als die Wissenschaft erlaubt", war am Mittwoch eine Pressemitteilung der Uni überschrieben, die in der Branche für einigen Wirbel sorgt.

Man habe die die Lizenzverhandlungen mit dem Wissenschaftsverlag Elsevier abgebrochen: "Der Durchschnittspreis einer bei Elsevier lizenzierten Zeitschrift lag an der Universität Konstanz zuletzt bei 3.400 Euro pro Jahr und damit fast dreimal höher als beim zweitteuersten großen Verlag", schreibt die Uni.

Der Ärger um teure Elsevier-Abos ist nicht neu, im Jahr 2012 zum Beispiel kündigte die Mathe-Fakultät der TU München ihre Abos. Elsevier gilt als einer der wichtigsten Wissenschaftsverlage, er gehört zum britisch-niederländischen Medienkonzern Reed Elsevier, der einige der wichtigsten Fachzeitschriften veröffentlicht. Bibliotheken verhandeln meist nicht über das Abo einzelner Zeitschriften, sondern über ganze Pakete.

Universitäten fühlen sich epresst

Die Autoren, die in Journalen publizieren, bekommen für ihre Mitarbeit meist keinen Cent. Doch die Profite der Verlage sind oft satt: Elsevier meldet eine operative Gewinnmarge von 29 Prozent.

Über 9000 Zeitschriften hat die Uni Konstanz derzeit abonniert, der Anteil der 99 Elsevier-Titel machte letztes Jahr also nur rund ein Prozent aus - aber rund 20 Prozent der Kosten für elektronische Abos. "Wir haben seit Oktober intensiv verhandelt, leider ergebnislos", sagt Petra Hätscher, die Leiterin der Unibibliothek Konstanz. "Universitäten sind in gewisser Weise gezwungen, in Form von Abonnementgebühren ein Gut teuer zurückzukaufen, das eigentlich von ihren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern produziert wird."

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Streit um Abo-Gebühren: Forscher revoltieren gegen Fachverlag

Selbst die finanziell hervorragend ausgestattete Harvard-Universität schlug im April 2012 Alarm: "Einige Zeitschriften kosten 40 000 Dollar pro Jahr, andere einige Zehntausend", schreiben die Mitglieder des Faculty Advisory Council: "Bei zwei Anbietern hat sich innerhalb von sechs Jahren der Preis für den Onlinezugang um 145 Prozent gesteigert."

Derzeit eskaliert der Streit. Elsevier beschwert sich, wenn Wissenschaftler die offizielle Druckversion ihrer eigenen Forschungsergebnisse online veröffentlichen, nachdem sie in Journalen erschienen sind. Allein an der Harvard-Universität wurden 23 Wissenschaftler aufgefordert, ihre online veröffentlichten Artikel wieder zu entfernen.

Elsevier argumentiert: Die redaktionelle Arbeit sichere eine hohe Qualität, und die habe eben ihren Preis. Zudem: Die Einzelkosten pro abgerufenem Artikel seien "erheblich gesunken", aber der Bedarf und das Forschungsvolumen der Unis habe stärker zugenommen als ihre Budgets.

Immer mehr Unis suchen nach Alternativen zu den teuren Abos. Ein Vorreiter dieser Bewegung ist Harvard. "Wir waren mit die ersten, die alle Mitarbeiter darauf verpflichteten, ihre Veröffentlichungen über unsere Uniserver auch der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen", sagt Robert Darnton, Leiter der Harvard-Bibliothek, Historiker und Buchautor.

Neue Wege der Publikation

Viele Verlage bekämpfen dies sogenannte Zweitveröffentlichungsrecht, weil es ihr Monopol untergräbt. Darnton hält dagegen: "Viele Professoren und Autoren sind naiv, und lassen sich von den Verlagen das Copyright abschwatzen, obwohl sie das gar nicht müssten. Unsere Open-Access-Regeln helfen ihnen dabei, in ihrem eigenen Interesse zu handeln - und im Interesse der Öffentlichkeit, die für ihre Forschung zahlt."Das Harvard-Modell macht Schule. Rund 200 Institutionen weltweit haben ihre Mitarbeiter bereits verpflichtet, ihre Veröffentlichtungen Verlagen nicht exklusiv zu überlassen, sondern sie zu auch im Netz zu veröffentlichen.

Auch das Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf beschreitet neue Wege: Gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen bezahlen sie seit Januar einen Pauschalbetrag für die redaktionelle Arbeit von Fachzeitschriften, um damit jedoch die Veröffentlichtungsrechte zu erwerben und die Artikel frei zugänglich online zu veröffentlichen.

Nur von außen geruhsam: Die Uni Konstanz boykottiert Elsevier Zur Großansicht
DPA

Nur von außen geruhsam: Die Uni Konstanz boykottiert Elsevier

Was bedeutet die Eskalation an der Uni Konstanz, sind Studierende und Forscher nun abgeschnitten vom Zugang zu wichtigen Zeitschriften? Nein, man habe zwar die Lizenzverträge für 99 Elsevier-Zeitschriften gekündigt, sagt die Bibliotheksleiterin Hätscher. Doch selbstverständlich können unsere Forscher auch in Zukunft auf die Elsevier-Artikel zugreifen, aber auf anderem Wege als bislang. Zum Beispiel per Fernleihe oder über die Einzelbezahlung pro Artikel."

"Universitäten haben nicht den Wunsch, die Verlage abzuschaffen", sagt Petra Hätscher: "Aber der wissenschaftliche Publikationsmarkt ist im Umbruch. Es gibt schon viele Überlegungen zu neuen Veröffentlichungsmodellen."

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Richtiger Schritt
willi2007 27.03.2014
Es ist nach meiner Meinung der einzig richtige Schritt, den die Uni Konstanz nun geht. Dennoch wirft der Artikel nur ein spärliches Licht auf die unheilige Allianz von Rechteverwertern und Verlagen. In Deutschland spielt z. B. die GEMA ein ähnlich schäbiges Spiel mit allen den Künstlern, die so dumm und blöd waren, ihre Urheberrechte für ein Appel und ein Ei an die GEMA zu verkaufen. Neben den Künstlern sind vor allem die Käufer und Kunden die Dummen, die völlig überhöhte Preise zahlen müssen. Es ist ein kleiner Lichtblick, wenn jetzt wenigstens die Universitäten langsam aufwachen und sich gegen diese Abzockerei der Verlage zur Wehr setzen. Dennoch ist das Kind schon lange in den Brunnen gefallen, dank der Politik reibt sich die Mafia der Rechteverwerter genüsslich die Hände und streicht die Milliarden ein.
2. Endlich wachen die Unis auf
differenzieren 27.03.2014
Als Doktorand kann ich das nur gut heißen. Es ist schon unglaublich, wie sich die Unis da ausnehmen lassen. Man muss wegen Publikationszwang quasi darum betteln, dass ein Artikel veröffentlicht wird. Im besten Fall ist zumindest das kostenlos, im schlimmsten kostet es mehrere hundert bis tausend Euro (Farbe kostet nochmal 300 Euro extra). Und dann darf man nochmal dafür bezahlen, wenn man das Ganze ansehen will. Als Autor sollte man eigentlich Geld dafür verlangen, dass man die Journals mit Inhalten füllt.
3. redaktionelle Arbeit gleich Null
atech 27.03.2014
Das Argument, dass die großen wissenschaftlichen Zeitschriften "redaktionelle Arbeit" leisten müssten zieht nicht, da die Verlage an die Autoren ganz klare Anforderungen stellen, wie und in welchem Format die Autoren ihr Manuskript und die Abbildungen oder Graphiken einreichen sollen. Selbst der "Peer Review" wird nicht durch vom Verlag angestellte Kritiker geleistet, sondern zum Nulltarif durch Wissenschaftler-Kollegen. Eigentlich kassiert ein wissenschaftlicher Verlag sogar doppelt ab: zuerst bei den Autoren für das Manuskript und die gewünschten Farbabbildungen. Dann nochmal von der Leserschaft. Aber es gibt Abhilfe. Viele Naturwissenschaftler publizieren seit langem nur noch bei "Open Access"-Journalen. Wenn sich das allgemein durchsetzt, dann werden die Abzocker-Verlage über kurz oder lang nichts von ihrer Knebelpolitik haben...sondern sowohl die Zulieferer (Autoren) wie ihre Lesenschaft verlieren.
4.
Whitejack 27.03.2014
Die Preispolitik insbesondere von Elsevier ist ohnehin niemandem mehr erklärlich. Die Fachartikel werden von Wissenschaftlern geschrieben, von Wissenschaftlern per Peer-Review korrigiert - alles unentgeltlich - und dann von Elsevier bzw. den angeschlossenen Verlagen online gestellt. Im Gegensatz zu einem regulären Verlag sind die Wissenschaftsverlage in mehrfacher Weise bevorzugt: Sie arbeiten größtenteils über das Internet, weswegen ein großer Teil der Druckkosten entfällt. Sie benötigen kaum Lektoren vom Fach, da dies größtenteils von Wissenschaftskollegen erledigt wird. Und sie haben eine enorme Reichweite sowie langfristige Abos, die Planungs- und Zahlungssicherheit garantieren, anders als z.B. beim schnelllebigen Büchermarkt. Und trotzdem sind die Preise weit höher als bei normalen Verlagen. Ein gewöhnlicher Artikel von vier bis sechs Seiten kostet typischerweise zehn Euro beim einmaligen Download. Nirgendwo sonst fallen solche horrenden Preise an, und nirgendwo sonst haben die betreffenden Verlage sowenig für das Erzeugnis des Produktes getan. Hier wird schlichtweg eine Monopolstellung gnadenlos ausgenutzt, verbunden mit der Tatsache, dass es ja nicht das Geld der Wissenschaftler, sondern das Steuergeld der Allgemeinheit ist, das dafür aufgewendet wird.
5. Es wird Zeit...
butsu 27.03.2014
Die traditionellen Verlage für wissenschaftliche Zeitschriften sind ein Relikt aus der Zeit, als Buch- und Zeitschriftendruck die günstigste und beste Möglichkeit war, Informationen zu verbreiten. Diese Zeit ist lange vorbei. Niemand geht in die Bibliothek um sich ein Paper zu kopieren. Stattdessen läd man sich das PDF herunter, für die eigene Literaturdatenbank. Und selbst das wird sich in den nächsten Jahren ändern, weil es jetzt effizient möglich ist, große Datenmengen wie z.B. Filmmaterial, Rohdaten etc. einfach bereitzustellen. Früher haben die Verlage eine Leistung erbracht. Damals war Satz und Druck noch richtig Arbeit und teuer. Heute ist dies weitgehend automatisiert, vielfach machen den Satz gleich die Wissenschaftler selbst mit dem von der Zeitschrift zur Verfügung gestellten Template. Fazit: Öffentlich finanzierte Forschung bringt Ergebnisse. Diese werde öffentlich finanziert aufbereitet. Im Peer Review Verfahren werden die Artikel in der Arbeitszeit von öffentlich finanzierten Forschern gegengelesen und korrigiert. Der Verlag macht noch ein bisschen Satz und verkauft dann das Ergebniss für horrende Preise an öffentliche Institutionen. Alle machen mit, weil man als Foscher nur weiterkommt, wenn man in Journals mit hohem Impact Factor publiziert.
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