Weltdrogenbericht: Immer mehr Süchtige in Entwicklungsländern

Der Agenturchef kokst, der Angestellte trinkt, der Student kifft - soweit die Klischees über Drogenkonsum. Doch Drogensucht gibt es in immer mehr Formen und immer mehr Ländern, wie der neue Weltdrogenbericht der Uno zeigt.

Uno-Bericht: Drogenmissbrauch weltweit Fotos
DDP

Wien/New York - Drogen sind in den Entwicklungsländern auf dem Vormarsch, während der Konsum in den Industrieländern gleich hoch bleibt. Das geht aus dem Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen hervor, der am Dienstag in New York vorgestellt wurde.

Als weiteren wichtigen Trend stellte die Uno-Behörde für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) fest, dass weltweit immer mehr synthetische Drogen konsumiert werden. Und in Afghanistan hat die Opiumproduktion nach einem Rückgang 2010 inzwischen mit 5800 Tonnen wieder fast den hohen Stand früherer Jahre erreicht.

Der immer stärkere Drogenkonsum in den Entwicklungsländern und Schwellenländern sei besorgniserregend, sagte UNODC-Direktor Juri Fedotow. Auch in diesem Bereich würden sich diese Länder langsam den Industriestaaten annähern.

Inzwischen gibt es allein in China nach offiziellen Zahlen eine Million Heroinsüchtige. Realistisch geschätzt liege die Zahl aber wohl eher bei 2,4 Millionen, sagten die Experten der Uno-Behörde. Bis zum Jahr 2100 könnte so die Zahl der Menschen, die Drogen probieren, von jetzt 230 Millionen auf 300 Millionen steigen.

Gekokst wird nicht mehr nur in den besseren Kreisen in Berlin und New York, sondern auch in West- und Zentralafrika. Afghanistan und Iran sind nicht mehr nur Produzentenländer, sondern auch Staaten, in denen Tausende Heroinsüchtige dahinvegetieren. "In vielen Ländern sterben die Heroinsüchtigen einfach auf der Straße", sagte Fedotow.

27 Millionen Drogensüchtige weltweit

Weltweit schlucken oder schnupfen Menschen zudem immer mehr Chemikalien mit Suchtpotential. Zuletzt bestätigten dies auch Ermittler der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EBDD). "Besonders in den USA gibt es einen deutlichen Anstieg der synthetischen Drogen, wie sie Michael Jackson genommen hat", sagte Fedotow. "Die Todesrate ist höher als bei Heroin und Kokain zusammen. Allein dort gab es 12.000 Tote im Jahr gegenüber 6000 durch Heroin und Kokain."

Der weltweite Drogenkonsum ist seit Jahren etwa konstant. 27 Millionen Menschen sind drogensüchtig - einer von 200 Erdbewohnern. Knapp zehnmal so viel nehmen ab und zu Drogen. 200.000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen.

Fedotow wies aber auch darauf hin, dass gerade die erlaubten Suchtmittel gefährlich sind. An den Folgen des Alkoholtrinkens sterben demnach 2,3 Millionen Menschen, am Rauchen 5,1 Millionen.

Der Uno-Experte stellte den 100 Seiten umfassenden Bericht am Dienstag, dem Welttag gegen Drogenmissbrauch, der Uno-Versammlung in New York vor. "Illegale Drogen verstärken die Kriminalität, untergraben die Menschenrechte und sind ein erhebliches Gesundheitsrisiko", betonte er.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon teilte mit: "Drogenmissbrauch und illegaler Drogenhandel haben weiterhin eine sehr negative Auswirkung auf die Entwicklung und Stabilität in aller Welt."

Das Hauptlieferland für Opium, den Grundstoff für das gefährliche Heroin, ist weiterhin Afghanistan. Die weltweite Anbaufläche für Opium liegt bei 2070 Quadratkilometern - mehr als doppelt so viel wie die Fläche des Bundeslands Berlin (890 Quadratkilometer). Coca-Pflanzen wachsen Schätzungen zufolge auf 1490 Quadratkilometern.

Die am meisten verbreiteten Drogen sind Haschisch und Marihuana, künstliche Chemikalien, Kokain und Heroin. Zu den chemischen Drogen zählen Aufputschmittel wie das Amphetamin Ecstasy oder Methamphetamine, die schneller und heftiger wirken.

Zu einem Thema der Drogenbekämpfer wird zunehmend auch der Missbrauch von Medikamenten. Besonders Frauen nehmen in vielen Ländern verschreibungspflichtige Tabletten, bis sie abhängig werden. Eine Arzneimittelstudie der Krankenkasse Barmer GEK hatte ergeben, dass Frauen in Deutschland zwei- bis dreimal mehr Psychopharmaka verordnet bekommen als Männer.

hda/dpa

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1. Der Großteil des Schadens ist Folge der Illegalität
Heinz-Peter Heinz 26.06.2012
Herr Fedotov sagt "[i]llegale Drogen verstärken die Kriminalität, untergraben die Menschenrechte und sind ein erhebliches Gesundheitsrisiko". Schenkt man dem Alternative World Drug Report von Count the Costs glauben, so müsste der Satz "Die Illegalisierung von Drogen verstärkt die Kriminalität, untergräbt die Menschenrechte und ist ein erhebliches Gesundheits- und Sicherheitsrisiko.". Ähnliches legt der heute veröffentlichte Bericht über den Beitrag der Drogenprohibition zur Verbreitung von HIV der Global Commission on Drug Policy nahe. Auch die Piratenpartei Deutschland unterstreicht zum Weltdrogentag ihre Forderung nach einer neuen, nichtrepressiven Drogenpolitik.
2. ist schon interessant...
herrwestphal 26.06.2012
.... dass die Diskussion dieses Artikels somal gar niemanden interessiert. Warum eigentlich? "immer mehr Süchtige in Entwicklungsländern" ... so was ist daran ausssergewöhnlich. Die nehmen halt auch Drogen, wie in den Industrienationen auch! Der Unterschied ist; Die Drogenabhängigen sind in den Entwicklungsländern komplett auf sich allein gestellt. Keine sozialen Einrichtungen wie hierzulande, die Suchtkranken womöglich dabei helfen aus ihrer Misere herauszukommen. Naja, kollateraler Schaden, betrifft ja ohnehin nur 0,5% der Bevölkerung. Und mich ohnehin nicht, die nerven sowieso mit ihrem "haste mal ´nen Euro?" (Ironie aus) Traurig ist die Tatsache dass Frauen sich wohl recht schnell Psychopharmaka verschreiben LASSEN. Spätestens zu diesem Thema sollte, meiner Meinung nach, ein Nachdenken stattfinden, denn das bezieht sich potentiell zumindest auf einen stärkeren Anteil als 0,5%, wohl auch, in unserer Gesellschaft.
3. Was will ...
spiegelleser987 26.06.2012
Zitat von sysopDer Agenturchef kokst, der Angestellte trinkt, der Student kifft - soweit die Klischees über Drogenkonsum. Doch Drogensucht gibt es in immer mehr Formen und immer mehr Ländern, wie der neue Weltdrogenbericht der Uno zeigt. Uno-Drogenbericht: Mehr Süchtige in Entwicklungsländern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,841069,00.html)
Was will uns (Menschen) die UNO wieder vorschreiben? Unterschiedliche Drogen gehören ion den verschiedenen Ländern zur Kultur. Wer in der UNO entscheidet, was erlaubt ist und was nicht. Den erfolglosen Versuch kennen wir bereits aus der Geschichte der USA. Die UNO sollte sich lieber darum kümmern Iran: Todesurteil gegen zwei Männer wegen Alkoholkonsums - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/iran-todesurteil-gegen-zwei-maenner-wegen-alkoholkonsums-a-840789.html) Aber da sieht sie wohl keine Aufgabe, ist ja nur Alkohol.
4. es kam ...
spiegelleser987 26.06.2012
Zitat von herrwestphal.... Traurig ist die Tatsache dass Frauen sich wohl recht schnell Psychopharmaka verschreiben LASSEN. Spätestens zu diesem Thema sollte, meiner Meinung nach, ein Nachdenken stattfinden, denn das bezieht sich potentiell zumindest auf einen stärkeren Anteil als 0,5%, wohl auch, in unserer Gesellschaft.
Das kam vor ein oder zwei Tagen im Fernsehen. Sind Frauen an Depressionen erkrankt, werden sie behandelt (und erhalten Medikamente). Sind Männer an Depressionen erkrankt, wird das in vielen Fällen wegen der unterschiedlichen Symptome nicht erkannt. Sie bekommen deshalb keine Medikamente. Das Ergebnis ist die höhere Selbstmordrate bei Männern.
5. Wieso gibt es eine so hohe Nachfrage nach dem Zeug ?
Fred_MUC 26.06.2012
Auch mal eine Frage die man sich immer im Zusammenhang mit solchen Meldungen stellen sollte. Das Problem schein wohl weniger das Angebot zu sein sondern die Nachfrage. Wie müßte unsere Gesellschaft aussehen, damit dieses Zeugs bedeutend weniger attraktiv ist? Diese Fragestellung sollte man immer mit erörtern. In Mexiko hat der Drogenkrieg schon mehrere 10000 Tote gekostet. Wenn es weniger Nachfrage wäre, gäbe es wohl auch weniger Trouble auf der illegalen Anbieterseite.
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