Urologie Wie nasse Kinderbetten trocken werden

Wenn Kinder nachts ins Bett machen, ist das für die Familien eine große Belastung - und meist ein Tabuthema. Dabei hat Bettnässen oft körperliche Ursachen, die man behandeln kann. Das Wichtigste für Eltern: viel Geduld.

Kleine Patientin: Bettnässen hat meist körperliche Ursachen
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Kleine Patientin: Bettnässen hat meist körperliche Ursachen


Die Abschlussfahrt im Kindergarten, ein Pfadfindertreffen übers Wochenende, das erste Feriencamp. Die meisten Patienten von Daniela Marschall-Kehrel kommen, wenn solche Ausflüge anstehen. Im Monat suchen bis zu hundert Eltern mit ihren Kindern Hilfe bei der Kinderurologin, weil das Kind nachts noch einnässt, während die Mehrzahl der Altersgenossen schon unbeschwert schläft.

Viele Familien hüten das Bettnässen als Geheimnis, weil sie sich schuldig fühlen, Angst vor Vorwürfen haben und denken, dass sie die einzigen mit dem Problem sind. Marschall-Kehrel schätzt, dass sich nur zehn Prozent der betroffenen Familien mit ihrem Problem an einen Arzt wenden. Aufklärung ist daher die erste Maßnahme der Ärztin. "Wenn ich einem Siebenjährigen und seinen Eltern vorrechne, dass von den fünfzig Kindern der Klassenstufe mindestens noch fünf bis zehn andere Kinder das gleiche Problem haben, nimmt das schon viel Anspannung", sagt Marschall-Kehrel, die auch Präsidentin der Deutschen Enuresis Akademie ist, einem Zusammenschluss von Kinder- und Fachärzten. Enuresis bedeutet Einnässen, die nächtliche Inkontinenz heißt in Fachkreisen Enuresis nocturna. Experten schätzen, dass circa 640.000 Kinder zwischen fünf und zehn Jahren darunter leiden. Die Zahl könnte aber auch viel höher liegen.

Die Kontrolle über die Blasenfunktion entwickelt sich bei den meisten Kindern um das dritte und vierte Lebensjahr. Mit vier Jahren sind drei Viertel aller Kinder nachts trocken. Das nächtliche Einnässen wächst sich sozusagen aus. Experten raten daher, das Kind nicht unter Druck zu setzen. Erst wenn es mit fünf Jahren noch regelmäßig nachts einnässt, ist ein Besuch beim Kinderarzt ratsam. "Doch auch dann sollten Eltern Ruhe bewahren. Mit jedem weiteren Lebensjahr werden 15 Prozent der Kinder trocken", sagt Martin Claßen. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Links der Weser in Bremen.

Bettnässen kann vererbt sein

Die Vorgänge rund um die Blase zählen zu den komplexesten im Körper. Mehrere Muskeln und unzählige Nerven koordinieren das Wasserlassen oder den Drang, den Harn zu halten. Bei Kindern, die nachts oder auch tags einnässen, ist die Entwicklung dieses Systems noch nicht abgeschlossen. Oder die Blase ist noch nicht groß genug, um genügend zu speichern. In vielen Fällen wird zu langes Einnässen vererbt. Fast jedes zweite Kind, dessen Eltern ins Bett gemacht haben, nässen spät noch ein. Das konnten mehrere Studien zeigen.

Warum es bei manchen Kindern länger dauert, hat nach Meinung der Experten selten mit psychischen Problemen zu tun. Keine Studie konnte bisher zeigen, dass psychische Auffälligkeiten regelmäßig einer Enuresis nocturna vorausgehen. Vielmehr entstehen sie erst durch das Blasenproblem. Das zeigt auch die Forschung von Marschall-Kehrel. In zwei Studien fand sie Hinweise darauf, dass Kinder, die nachts einnässen, auch schlechter schlafen. "Sie sind zwar schwer zu wecken, aber erreichen selten die tiefe Schlafphase, die der Mensch zur Erholung benötigt. Dazu kommen Alpträume und Schlafwandeln", erklärt sie. Die Folgen: Aufmerksamkeitsstörungen und schlechtere Schulleistungen.

Einzig bei Kindern, die nach mehreren Monaten ohne nächtliches Einnässen plötzlich wieder damit beginnen, spielen hin und wieder psychische Belastungen wie die Trennung der Eltern oder ein Umzug eine Rolle, sagen Experten.

Richtig Pipimachen

Neben organischen Ursachen beeinflussen aber auch Gewohnheiten beim Trinken und beim Toilettengang am Tag die Nässe bei Nacht. "Viele Kinder trinken unregelmäßig und abends zu viel oder huschen immer nur schnell auf die Toilette, so dass ihre Blase nicht ganz leer wird", so Marschall-Kehrel. In Trinkprotokollen und Blasentagebüchern sollen ihre Patienten notieren, wie und wann sie trinken oder auf Toilette gehen. So lassen sich ungünstige Verhaltensweisen schnell erkennen. Mit Hilfe der Urotherapie, die diese Verhaltensweisen angeht, schaffen es bis zu 47 Prozent ihrer Patienten innerhalb von vier Wochen, nachts trocken zu werden.

Bei den anderen Kindern kann eine Klingelhose helfen, die sie nachts tragen: Die Unterhose beginnt zu piepen, sobald sie Feuchtigkeit wahrnimmt. Das Kind soll davon wach werden und zur Toilette gehen. "Nach und nach lernt dadurch das Gehirn, das Aufwachen einzuleiten, wenn die Blase drückt, statt den Schließmuskel zu entspannen", erklärt Claßen. Immerhin bei acht von zehn Kindern hilft das. Die Methode benötigt jedoch den Einsatz der ganzen Familie. Die Eltern müssen jedes Mal sicherstellen, dass das Kind auch wirklich wach ist und zur Toilette geht. Sonst setzt der Lerneffekt nicht ein.

Andere Untersuchungen zeigten, dass der Mangel eines Hormons zur nächtlichen Inkontinenz führen kann. Das Antidiuretische Hormon (ADH) hemmt die Harnproduktion und wird normalerweise nachts vermehrt ausgeschüttet. Der Wirkstoff Desmopressin kann dieses Hormon ersetzen. Die Mehrzahl der Kinder hat durch Tabletten mit dem Mittel trockene Nächte. Lassen sie das Medikament allerdings mal weg, beginnt das Einnässen oft von vorn. "Wenn die Kinder auf Klassenreisen fahren oder bei Freunden übernachten, können die Tabletten jedoch Sicherheit geben", sagt Claßen.

Unabhängig von Urotherapie und Klingelhose - in einem sind sich die Experten einig: Verständnisvolle Eltern und ein unterstützender Arzt helfen den Kindern, trotzdem selbstbewusst durchs Leben zu gehen.



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MonaM 10.11.2011
1. Einfühlungsvermögen ist die erste Elternpflicht
Zitat von sysopWenn Kinder nachts ins Bett machen, ist das für die Familien eine große Belastung - und meist ein Tabuthema. Dabei hat Bettnässen*oft körperliche Ursachen, die man behandeln kann. Das wichtigste für Eltern: viel Geduld. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,796538,00.html
Richtig. Und niemals, niemals eine negative Reaktion gegenüber dem Kind, das ja sowieso schon unter seinem Problem leidet. Vielmehr sollte man so normal wie möglich damit umgehen, Handtücher zum Unterlegen und Schlafkleidung zum Wechseln bereitlegen und das Kind liebevoll beruhigen. Tagsüber kann man, wenn sich gerade eine günstige Gesprächssituation anbietet, dem Kind versichern, dass es absolut nicht schuld an seiner Blasenschwäche ist und sich nicht zu schämen braucht. "Gefährlich" sind hingegen ältere Verwandte (Oma, Opa usw.), denen noch im Sinne der schwarzen Pädagogik eingebläut wurde, mit mehr Disziplin könne man die "Sauerei" vermeiden. Sie können mit entsprechenden Äußerungen viel Schaden anrichten.
allereber 10.11.2011
2. Arme Kinder
Zitat von sysopWenn Kinder nachts ins Bett machen, ist das für die Familien eine große Belastung - und meist ein Tabuthema. Dabei hat Bettnässen*oft körperliche Ursachen, die man behandeln kann. Das wichtigste für Eltern: viel Geduld. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,796538,00.html
Kann mich erinnern(ca.1956) daß Kinder wegen bettnässen in Heime für schwererziehbare Kinder kamen,obwohl sie sogar übertrieben ruhig waren. Sogar Priester prügelten sie bis sie ins Krankenhaus mußten. Wer bettnässen tut. war in seinem ersten Leber ein Sünder. Solche perversen Vorstellungen hatten manche kirchlichen Erzieher.
Spooky 10.11.2011
3. fahrlässig
Ich habe selten einen Artikel zum Thema Enuresis gelesen, der die psychische Dimension des Problems derartig klein zu reden versucht. Den Betroffenen zu signalisieren, dass sie mit dem Problem nicht alleine sind und die Symptomatik durchaus behandelbar ist, sich bei vielen Kindern mit wachsendem Alter sogar ohne Behandlung (ob durch Medikamente oder Psychotherapie) "von alleine" löst, ist völlig richtig. Ich habe in meiner Praxis jedoch noch kein Kind/Eltern gesehen, dessen psychische Belastungen erst und ausschließlich nach bzw. aufgrund der Symptomatik des Einnässens entstanden sind. Ich denke auch nicht, dass eine solche Behauptung dazu dienlich ist, Eltern zu entlasten oder zu beruhigen. Im Gegenteil halte ich es für fahrlässig, Betroffene glauben zu machen, dass es lediglich oder überwiegend somatische Faktoren ursächlich sind. So lässt sich vergleichsweise bei der Populärdiagnose ADHS und der leider häufig ausschließlich medikamentösen Behandlung der dort zugerechneten Symptome in erschreckender Weise erkennen, wohin dies führt. Die einseitige somatische Betrachtungsweise ist in dieser reduzierenden Form recht leichtfertig und bringt m.E. selten langfristige "Heilung" - aber erfreut die Pharmaindustrie...
hufeisennase 10.11.2011
4. Windeln
Mit 4 Jahren schon jedes 4. Kind trocken? Ist das ein Schreibfehler? Oder das Ergebnis des Pampers-Immer-Trockner-Popo-Syndroms? Unsere Töchter waren mit >2 bzw. >3 auch nachts trocken - ohne besondere "Erziehungs-" Maßnahmen, außer konsequentes Ignorieren der einhellig bekannten Pampers-Fernsehwerbung und damit deutliche Schonung der Nerven und des Geldbeutels durch preiswerten Einkauf und der viel kürzeren Windelzeit.
andrewsaid 10.11.2011
5. Windeln gehören verboten
Warum machen denn so viele Kinder noch in´s Bett? Weil ihnen die Blasenfunktion bis ins späte Kleinkindalter verborgen bleibt. Windeln zu benutzen ist daher totaler Unsinn. Nur weil man die Ausscheidungen nicht bei sich haben will. Das gehärt nunmal zum Kind dazu. Man muss eben auf die Signale achten die ein Kind von sich gibt. Das schafft man doch in allen Kulturen die nicht industriell geprägt sind auch. Und die benutzen niemals Windeln, da sie garkeine Chance hätten, diese dann in fremden Ländern zu entsorgen. Unsere kleine Maus haben wir übrigens schon nach der ersten Woche abgehalten und sie hat uns stets signalisiert, wann sie mal muss. Jetzt ist sie ein Jahr alt und macht fast ausschließlich ins Töpfchen. Das große Geschäft geht so gut wie immer ins Töpfchen. Aber Deutschland ist ja auch ein Meer, beherrscht von Mythen. Wegen solcher Probleme geht man hier zum Arzt. Was hat ein Arzt bitte mit den Ausscheidungen eines Kindes zu tun? Das ist nie und immer eine Krankheit. Was für ein Unsinn. Ich wette, dass dieses Thema, so wie das Thema Ernährung garnicht im Medizinstudium angeschnitten wird.
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