Forscher haben einen neuen Ansatz für eine "Pille für den Mann" gefunden: Eine Substanz namens JQ1 beeinträchtigt bei männlichen Mäusen Qualität und Menge der produzierten Spermien so stark, dass die Tiere unfruchtbar werden. Dieser Effekt ist vollständig reversibel berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Cell": Bekamen die Mäuse die Substanz nicht mehr verabreicht, regenerierte sich die Fruchtbarkeit der Tiere und sie konnten gesunden Nachwuchs zeugen.
JQ1 eigne sich nicht für klinische Studien mit menschlichen Probanden, schränkt Studienleiter James Bradner vom Dana-Farber Cancer Institute in Boston ein. Der Wirkungsmechanismus sei jedoch eine gute Basis, um ein Verhütungsmittel zu entwickeln.
Eigentlich ist JQ1 ein potentieller Kandidat für ein neuartiges Krebsmedikament: Es blockiert die Arbeit eines Proteins namens BRD4, das unter anderem an der Entstehung von Lungenkrebs und verschiedenen Blutkrebsarten beteiligt ist. Die BRD-Proteinfamilie hat aber mehrere Mitglieder, die in unterschiedlichen Körperregionen vorkommen. Ein Verwandter von BRD4, BRDT genannt, spielt eine Schlüsselrolle beim Reifungsprozess von Spermien. Daher habe sich schnell die Frage gestellt, ob JQ1 auch dieses Protein blockieren könne - und damit das Zeug zu einem männlichen Verhütungsmittel habe, erzählt Bradner.
Zweimal täglich gespritzt
Die Forscher spritzten das Mittel zweimal täglich männlichen Mäusen. Nach ein bis zwei Monaten schrumpften die Hoden der Tiere. Gleichzeitig nahmen die Anzahl und die Beweglichkeit ihrer Spermien drastisch ab. Der Hormonspiegel, das Allgemeinbefinden und das Verhalten der Tiere blieben normal. Sie paarten sich weiterhin, konnten aber keinen Nachwuchs zeugen.
Als die Forscher später das Medikament wieder absetzten, normalisierte sich die Zeugungsfähigkeit der Mäuse innerhalb von vier bis sechs Wochen wieder. Es habe keinerlei Hinweise auf eine reduzierte Fruchtbarkeit oder Folgen der Behandlung für die Nachkommen gegeben, berichtet Bradners Team.
Offenbar kann JQ1 die sogenannte Blut-Hoden-Schranke überwinden. Dieses Schutzsystem trennt den Blutkreislauf von dem Bereich im Hoden, in dem die Spermien reifen, und schützt diese so vor Krankheitserregern und Giften. An der Barriere seien viele der bisherigen Versuche gescheitert, ein Verhütungsmittel für den Mann zu entwickeln, sagt Bradner.
Der Wirkstoff beeinflusst nicht den Hormonhaushalt. So könnten die typischen Nebenwirkungen einer Hormonbehandlung wie Depressionen, Verhaltensänderung und Ähnliches vermieden werden, meinen die Wissenschaftler. Über mögliche Nebenwirkungen des Mittels bei Menschen lässt sich jedoch nach einem Test an Mäusen so gut wie nicht sagen. Dass JQ1 nicht nur die Fruchtbarkeit ausschaltete, sondern dazu die Hoden deutlich schrumpfen ließ, könnte man durchaus als unerwünschte Nebenwirkung bezeichnen.
Außerdem sei das Molekül klein und unempfindlich genug, um den Verdauungstrakt passieren zu können, ein Einsatz in Form einer Tablette sei also durchaus denkbar, sagt Bradner.
JQ1 wird allerdings nie als Pille für den Mann auf den Markt kommen: Für einen Einsatz bei gesunden Menschen müsse der Wirkstoff erst so verändert werden, dass er ausschließlich BRDT angreife und kein anderes Mitglied der BRD-Proteinfamilie.
Die aktuelle Studie habe jedoch gezeigt, dass BRDT ein lohnenswertes Ziel für ein männliches Verhütungsmittel sei. Da sich die Mensch- und die Mausvariante des Proteins stark gleichen, gehen die Forscher davon aus, dass ihre Erkenntnisse auf den Menschen übertragbar sind.
wbr/dapd
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