Verhütungsmethode für den Mann: Hemmstoff verhindert Spermienproduktion

Keine Spermien ohne Vitamin A: Forscher haben einen Wirkstoff entdeckt, der die Funktion von Retinsäure blockiert - und damit die Produktion von Spermien. Die Erkenntnisse aus den Versuchen an Mäusen könnten die Entwicklung einer Pille für den Mann vorantreiben.

Mikroskopische Aufnahme einer Spermaprobe: Sexuelle Aktivität nicht beeinflusst Zur Großansicht
DPA

Mikroskopische Aufnahme einer Spermaprobe: Sexuelle Aktivität nicht beeinflusst

An der Pille für den Mann versuchen sich verschiedene Forschergruppen schon seit Jahren - bisher ohne Erfolg. Nun wagen US-Wissenschaftler einen neuen Vorstoß: In Versuchen mit Mäusen haben sie herausgefunden, dass ein neuer Hemmstoff die Spermienproduktion vorübergehend stoppen kann.

Das Mittel blockiert die Funktion der Retinsäure - eines natürlichen Botenstoffs im Hoden, der für die Reifung der Spermien nötig ist. Die sexuelle Aktivität der Mäuse wurde auch durch eine mehrwöchige Einnahme der Substanz nicht beeinträchtigt. Nach dem Ende der Behandlung erlangten die Mäusemännchen ihre Fruchtbarkeit schnell wieder zurück.

Damit seien wichtige Voraussetzungen für einen möglichen Einsatz beim Menschen erfüllt, sagten die Wissenschaftler auf der Jahrestagung Endo 2011 in Boston. "Ein zusätzlicher Vorteil unseres Wirkstoffs ist, dass er als Pille verabreicht werden kann und nicht injiziert werden muss", sagte Sanny Chung aus dem Forschungsteam von Debra Wolgemuth an der Columbia University in New York.

Die Wissenschaftler untersuchten den Wirkmechanismus der Substanz BMS-189453, die ursprünglich von einem Pharmaunternehmen zur Behandlung von Hauterkrankungen entwickelt und getestet worden war. Als Nebenwirkung hatte sich dabei eine verringerte Zeugungsfähigkeit der Versuchstiere ergeben.

Wieder absetzen möglich

Diese Beobachtung haben Chung und seine Kollegen nun genauer untersucht. Tatsächlich fanden sie auch eine Erklärung dafür: Mäusemännchen, die vier Wochen mit BMS-189453 behandelt wurden, zeigten Veränderungen im Hodengewebe - und zwar jener Art, wie sie auch bei Vitamin-A-Mangel auftreten. Denselben Effekt beobachteten die Forscher bei genetisch veränderten Mäusen, denen das Protein Retinsäurerezeptor-alpha fehlte. In allen drei Fällen konnte die normalerweise aus Vitamin A gebildete Retinsäure nicht mehr an das Rezeptorprotein ankoppeln, was zur Spermienproduktion nötig ist. Offenbar verhindert der Hemmstoff, dass die Retinsäure im Hoden wirksam werden kann.

In weiteren Tierversuchen wurde die Dosis des Hemmstoffs verringert und die Behandlungszeit auf bis zu 16 Wochen ausgedehnt. Die Tiere blieben in diesem Zeitraum unfruchtbar. Außer den bekannten Veränderungen im Hodengewebe traten keine Nebenwirkungen auf. Erstaunlicherweise erlangten die Mäuse ihre normale Fruchtbarkeit nach Absetzen des Wirkstoffs sogar schneller wieder zurück als nach nur vierwöchiger Behandlung.

Im Gegensatz zu anderen Substanzen, die als "Pille für den Mann" bereits getestet wurden, verringerte das neue Mittel die sexuelle Aktivität nicht und erhöhte auch nicht die Risiken einer Prostatavergrößerung oder Gefäßerkrankung. Auch der Testosteronspiegel der Mäuse veränderte sich während der Einnahmezeit des Hemmstoffs nicht.

Nach Absetzen des Mittels zeugten die Mäuse wieder Nachkommen, deren Fruchtbarkeit ebenfalls nicht beeinträchtigt war. Weitere Tierversuche sollen nun prüfen, ob auch eine noch länger andauernde Einnahme des neuen Wirkstoffs unschädlich ist und seine Wirkung auf die Fruchtbarkeit umkehrbar bleibt. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, könnten erste klinische Studien beginnen.

cib/dapd

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1. Vit A
ich.frage.mich 06.06.2011
Zitat von sysopKeine Spermien ohne Vitamin A: Forscher haben einen Wirkstoff entdeckt,*der die Funktion von*Retinsäure blockiert - und damit die Produktion von Spermien.*Die Erkenntnisse aus den Versuchen an Mäusen könnten die Entwicklung einer Pille für den Mann vorantreiben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,766881,00.html
Vitamin A ist nicht nur für die Spermienproduktion wichtig - es hat viele andere Fun ktionen im Körper, die mit beeinträchtigt würden. Ich glaube nicht, dass die meisten Männer so blöd sein werden, eine solche Pille einzunehmen. Solche Eingriffe in die Regulation der Körperprozesse überlässt man doch lieber den Frauen, die das ja offensichtlich nicht stört bzw. die sich sogar darum reißen.
2. Zielgruppe
feuercaro1 06.06.2011
So ein Mittel wird auf den Markt kommen, wenn die Pharmakonzerne davon ausgehen können, dass es sich gut verkaufen wird. Meine Prognose: ein Renner wird das zunächst nicht werden, weil leider immer noch zu viele Männer die Verhütung komplett der Frau überlassen. Allerdings wächst glücklicherweise die Zahl derjenigen, die ungeplanten Nachwuchs selbstständig verhindern möchten, ohne sich jedesmal sicherheitshalber ein Kondom überziehen zu müssen. Gerade Männer, die in stabilen Partnerschaften leben, könnten sehr von dieser Pille profitieren: Sie belasten ihre Partnerin nicht hormonell (durch Ovulationshemmer, die auch nicht jede Frau gut verträgt) und vor allem: sie holen sich ein großes Stück Eigenständigkeit zurück, was die Familienplanung angeht. Wenn den Männern erstmal klar ist, was für ein Geschenk diese Pille sein kann, ist der Absatz keine Frage mehr :-).
3. ...
CorvusCornix 06.06.2011
Zitat von ich.frage.mich... Solche Eingriffe in die Regulation der Körperprozesse überlässt man doch lieber den Frauen, die das ja offensichtlich nicht stört bzw. die sich sogar darum reißen...
Nicht stört... drum reißen...!?!? Frauen stört das sehr wohl, aber häufig bleibt ihnen doch wohl nichts anderes übrig, wenn sie zwar keine Kinder aber weiterhin ein ausgefülltes Sexualleben haben wollen, denn erstens sind die wenigsten Männer bereit, aktiv zu verhüten und zweiten bleibt im Falle einer fehlgeschlagenen Verhütung doch eh nahezu alles an der Frau hängen. Schonmal überlegt wieso es mehr Sterilisationen bei Frauen als bei Männern gibt, obwohl der Eingriff bei letzteren schneller und preisgünstiger ist, er rückgängig gemacht werden kann und mit weniger Komplikationen verbunden ist? Die Pille für den Mann mag vielleicht kommen, aber ich denke, der Mann, der sie nimmt wird die Ausnahme bleiben.
4. Aber aber
mitch72 06.06.2011
Zitat von CorvusCornixNicht stört... drum reißen...!?!? Frauen stört das sehr wohl, aber häufig bleibt ihnen doch wohl nichts anderes übrig, wenn sie zwar keine Kinder aber weiterhin ein ausgefülltes Sexualleben haben wollen, denn erstens sind die wenigsten Männer bereit, aktiv zu verhüten und zweiten bleibt im Falle einer fehlgeschlagenen Verhütung doch eh nahezu alles an der Frau hängen. Schonmal überlegt wieso es mehr Sterilisationen bei Frauen als bei Männern gibt, obwohl der Eingriff bei letzteren schneller und preisgünstiger ist, er rückgängig gemacht werden kann und mit weniger Komplikationen verbunden ist? Die Pille für den Mann mag vielleicht kommen, aber ich denke, der Mann, der sie nimmt wird die Ausnahme bleiben.
Dafür gibt es ja auch Alternativer wie Diaphragma oder Spirale.
5. Ein Traum
Thraex 06.06.2011
Ich wäre oberglücklich, wenn es endlich die Pille für den Mann geben würde, endlich nicht mehr den Frauen ausgesetzt sein, denn bis heute bestimmen die Frauen die Familienplanung. Wie oft kommt es vor, das die Frau "ausversehen" Schwanger wird und der Mann dann nur noch zum Zahlen gut ist, jedenfalls bekomme ich das oft genug mit. Und das Recht ist immer auf der Seite der Frau, weil sie ja "geschützt" werden muss, Emanzipation ist eben nur dann gut, wenn es für die eigenen Vorteil gut ist, ansonsten ist Frau gerne! das schwache Geschlecht. Das sind nur meine persönlichen Erfahrungen, ich habe dazu selbstverständlich keine empirischen Daten, aber eine Schwester bei der ich schon einige "Ticks" erleben durfte.
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