Vorteil für Erreger Artenschwund gefährdet menschliche Gesundheit

Es ist eine paradox erscheinende Beobachtung: Der Verlust der Artenvielfalt verringert nicht die Zahl gefährlicher Krankheitserreger, sondern steigert sie. Wissenschaftler warnen vor einer wachsenden Bedrohung für die menschliche Gesundheit.

Von Magdalena Hamm

Weißfußmaus: Wirt für verschiedene Erreger
J. Brunner

Weißfußmaus: Wirt für verschiedene Erreger


Was nützt die Artenvielfalt dem Menschen? Eine ganze Menge. Unter dem Begriff "Ecosystem Services" fassen Wissenschaftler jene Dienste zusammen, die ein intaktes Ökosystem quasi kostenlos für den Menschen erledigt: Zum Beispiel Kohlenstoffdioxid binden, Wasser filtern, Schutz vor Dürren und Erosion, Nährstoffproduktion oder auch das Bestäuben von Kulturpflanzen durch Insekten.

Müsste der Mensch für all diese Dienstleistungen selbst aufkommen, würden die Kosten ins Unermessliche steigen - Artenschutz rechnet sich allein schon aus finanziellen Gründen.

Der Erhalt der Artenvielfalt könnte sich aber auch medizinisch Motiven lohnen: In einer großen Übersichtsstudie, die soeben im Fachmagazin "Nature" erschienen ist, kommen die Autoren um Felicia Keesing vom Bard College in Annandale (Bundesstaat New York) zu dem Schluss, dass auch der Schutz vor Infektionskrankheiten ein wertvoller Service der Ökosysteme ist.

Seit etwa fünfzig Jahren sinkt die Artenvielfalt im Tier- und Pflanzenreich rapide - unter anderem, weil ihre Lebensräume landwirtschaftlichen Nutzflächen weichen müssen. Wie die Studienautoren schreiben, sei es theoretisch denkbar, dass dadurch auch die Zahl der Krankheitserreger zurück geht, weil weniger Wirte zur Verfügung stehen. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Wie zahlreiche Studien zeigten, begünstigt der Artenschwund die Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Ein Beispiel ist das West-Nil-Virus. Es wird von Stechmücken übertragen und befällt hauptsächlich Vögel, kann aber auch auf Säugetiere wie den Menschen überspringen. Dann löst der Erreger ein Fieber aus, das im schlimmsten Fall zu einer Hirnhautentzündung führt. Wie die Forscher in ihrer aktuellen Übersichtsarbeit schreiben, haben seit 2006 drei unabhängige Studien einen bemerkenswerten Zusammenhang belegen können: Je geringer die Vogelvielfalt ist, desto höher ist das Risiko für Menschen, an dem West-Nil-Fieber zu erkranken.

Diesen Zusammenhang erklären sich die Wissenschaftler so: In den untersuchten Gebieten in den USA, in denen die Zahl der verschiedenen Vogelarten gesunken ist, scheinen sich diejenigen Spezies durchzusetzen, die dem Virus als besonders guter Wirt dienen. Somit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Moskitos den Erreger beim Stechen aufnehmen und auf den Menschen übertragen.

Mehr Wirte, mehr Parasiten

Ein anderes Beispiel ist das Hantavirus, das beim Menschen Lungen und Nieren befällt. Der Erreger nistet sich mit Vorliebe in Weißfußmäusen ein. Die Nager erkranken selbst nicht - bleiben aber ihr Leben lang ansteckend und scheiden Viruspartikel über Speichel und Exkremente aus. Menschen können sich mit dem Hantavirus anstecken, wenn sie von einem infizierten Tier gebissen werden oder die Ausdünstungen der Nagerexkremente einatmen. Dementsprechend steigt das Infektionsrisiko, je höher die Dichte der Wirtstiere ist.

In einer Feldstudie in Oregon in den USA, untersuchten Biologen, welche Faktoren die Verbreitung des Erregers unter Weißfußmäusen beeinflusst. Das verblüffende Ergebnis: Allein die Biodiversität machte den Unterschied. Je weniger verschiedene Säugetierarten in einem Gebiet vorkamen, desto mehr Weißfußmäuse waren Träger des Virus. Die Zahlen sind beeindruckend. Bei abnehmender Artenvielfalt, stieg die Verbreitung des Erregers durchschnittlich von 2 auf 14 Prozent.

Es gibt verschiedene Mechanismen, wie der Artenschwund die Ausbreitung von Krankheitserregern befeuern kann. Gehen zum Beispiel Tierarten verloren, die gewöhnlich Wirtsspezies jagen, oder mit ihnen konkurrieren, steigt die Zahl der Wirte. Und je mehr Wirte, desto mehr Parasiten

Aber auch bei gleichbleibender Wirtsdichte kann eine geringere Biodiversität Krankheitserreger begünstigen. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Untersuchung am Parasiten Schistosoma mansoni, die US-Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlichten. Der Egel kommt in warmen Binnengewässern vor, befällt abwechselnd Schnecken und Menschen und löst Bilharziose aus - eine starke Fiebererkrankung, die unbehandelt zum Tod führen kann.

Pieter Johnson von der University of Colorado und seine Kollegen füllten drei Wassertanks mit gleich vielen Exemplaren der Schnecken, die dem Parasiten hauptsächlich als Wirt dienen, indem er seine Larven in die Schnecken legt. In zwei der Behälter setzten sie jeweils eine oder zwei weitere Schneckenarten, in denen sich der Erreger nicht vermehren kann. In dem Tank mit nur einer Schneckenart war die Infektionsrate 30 Mal höher als in den Tanks mit der gemischten Schneckenhaltung. Vermutlich geriet im letzteren Fall geriet der Egel öfter in eine Sackgasse, vermuten die Forscher. Denn womöglich befiel der Egel die anderen Schneckenarten, konnte sie aber als Wirt nicht weiter nutzen.

Nach diesem Muster ist vermutlich auch die Verbreitung des Hantavirus in Weißfußmäusen zu erklären. In einem Lebensraum mit hoher Artenvielfalt ist auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Mäuse statt auf Artgenossen auf andere Spezies treffen. Damit nimmt die Ansteckungsrate innerhalb der einzelnen Art ab.

Artenschutz beugt Krankheiten vor

Die Wissenschaftler warnen, dass die Barriere, die Erreger zwischen Tier und Mensch überwinden müssen, immer kleiner werden könnte. Im US-amerikanischen Bundesstaat Connecticut zum Beispiel könnte die Zahl der Borreliose-Erkrankungen bei Menschen bald ansteigen. Der Artenschwund dort hat dazu geführt, dass mehr Zecken den Erreger in sich tragen.

Viele Säugetiere leiden unter der Abholzung und der Zerklüftung des Waldes im Nordosten des Landes, das Opossum ist beispielsweise stark bedroht. Davon profitiert die Weißfußmaus, viele Waldgebiete sind mittlerweile von ihr dominiert. Das Nagetier überträgt aber nicht nur das Hantavirus, sondern ist auch der bevorzugte Wirt für Borreliose-Bakterien. Mehr Mäuse, mehr Bakterien, mehr Zecken, die sich beim Blutsaugen infizieren und beim nächsten Biss einen Menschen anstecken könnten.

Am Ende ihres Berichts fordern die Forscher daher, bestehende Ökosysteme auch aus Gründen des Infektionsschutzes zu bewahren. Denn Infektionskrankheiten hängen immer von dem Kontakt zwischen Arten ab, je diverser ein Ökosystem ist, desto schwerer hat es ein Erreger, sich auszubreiten.

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