Wegen Erfolglosigkeit: US-Regierung stoppt Test von HIV-Impfung

HI-Virus (Modell): Schwierige Suche nach Impfung Zur Großansicht
dpa

HI-Virus (Modell): Schwierige Suche nach Impfung

In den USA haben Mediziner einen Impfstoff gegen das HI-Virus erprobt. Doch der Versuch ist nun gestoppt - weil die Gesundheitsbehörden eingestehen mussten, dass die Therapie weder vor Ansteckung schützt, noch nach einer Infektion die Virenlast senkt.

Die Gesundheitsbehörden in den USA haben einen groß angelegten Test für eine Aids-Impfung gestoppt. Die National Institutes of Health erklärten am Donnerstag, die Testreihe mit dem Namen HVTN 505 werde nicht fortgesetzt. Man habe im Rahmen eines planmäßigen Zwischenberichts festgestellt, dass die Impfung nicht vor einer Infektion mit dem HI-Virus schütze. Außerdem senke sie im Fall einer Infektion auch nicht die Virenlast im Blut.

Der Versuch hatte im Jahr 2009 begonnen. Zuletzt umfasste er 2504 Freiwillige, vor allem schwule Männer, in 19 US-Städten. Die Hälfte von ihnen hatte den experimentellen Impfstoff des staatlichen Vaccine Research Center erhalten, die andere Hälfte einen Placebo. Außerdem hatten alle kostenlose Kondome und eine umfangreiche Beratung über die Risiken einer Aids-Erkrankung erhalten. Die Zuordnung zu einer der beiden Gruppen erfolgte nach dem Zufallsprinzip.

Die grundsätzliche Idee des Tests: Die T-Zellen des Immunsystems sollten darauf trainiert werden, möglichst frühzeitig gegen eine HIV-Infektion vorzugehen. Die Studienteilnehmer bekommen zunächst einen DNA-Impfstoff gespritzt, der das Immunsystem in Gang bringt (Primer). Der zweite Impfstoff soll die Wirkung der ersten Impfung verstärken und gezielt T-Zellen und Antikörper aktivieren, die auf das Virus spezialisiert sind und ihn auf Dauer in Schach halten (boost). "Prime-and-boost" heißt die Strategie. Zumindest im aktuellen Fall scheint sie nicht aufgegangen zu sein.

Überproportional häufig mit dem HI-Virus infiziert

Bei einem Test in Thailand hatte eine - andere - Kombinationsimpfung die Zahl der Neuinfektionen leicht reduziert. Doch die Auswertung des Versuchs von 2009 ist nicht unumstritten. Möglicherweise war das beobachtete Ergebnis nur Zufall.

DNA-Impfstoffe - der erste Teil der Impfung - bestehen aus DNA-Ringen, die gentechnisch verändert sind und in Körperzellen eingeschleust werden. Eine Kettenreaktion beginnt: Die veränderten Zellen stellen Proteine her, die auch das HI-Virus auf seiner Hülle tragen. Dadurch alarmieren sie das Immunsystem, dieses beginnt, Antikörper gegen die Hüllenproteine des HI-Virus zu erzeugen. Die Antikörper wiederum wappnen das Immunsystem gegen eine Infektion. DNA-Impfstoffe haben den Vorteil, dass sie eine breite Immunantwort hervorrufen.

Bei einem Zwischenbericht des HVTN-505-Versuchs zeigte sich aber dass sich geimpfte Studienteilnehmer sogar überproportional häufig mit dem HI-Virus infizierten. Warum, ist nicht klar. Der Unterschied zur Kontrollgruppe war aber statistisch nicht signifikant: 41 Teilnehmer in der Gruppe der Geimpften steckten sich neu mit HIV an. Dem standen 30 Neuinfektionen in der Kontrollgruppe gegenüber. In einer weiteren Auswertung betrachteten die Forscher nur Probanden, bei denen die Diagnose nach mindestens 28 Wochen Studienteilnahme gestellt wurde. Hier gab es in der Gruppe der geimpften 27 Fälle, in der Kontrollgruppe waren es 21.

chs/jme

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Aids-Impfstoff
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Aids-Medikamente: Kampf gegen die HIV-Infektion

HIV/Aids
Zahlen und Fakten in Deutschland
- in Deutschland leben etwa 78.000 Menschen mit HIV und Aids
- rund 63.000 HIV-Infizierte und Aids-Kranke sind Männer
- davon sind etwa 51.000 Männer homo- oder bisexuell
- 17.000 Menschen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert
- im Jahr 2012 gab es etwa 3400 HIV-Neuinfektionen
- die Zahl der Todesfälle wird auf 550 geschätzt
- seit Beginn der Epidemie in den achtziger Jahren gab es etwa 27.000 Todesfälle in Deutschland. Jährlich kommen etwa 500 Todesfälle hinzu.
Quelle: RKI, Stand November 2013
HIV-Infektion
Die Infektion mit HIV erfolgt über Körperflüssigkeiten wie Blut, Sperma und Scheidensekret, aber auch über die Muttermilch. Außer ungeschütztem Vaginal- und Analverkehr gilt die gemeinschaftliche Nutzung von Spritzen durch Drogensüchtige als ein Hauptübertragungsweg.

Bei normalem Körperkontakt gibt es dagegen kein Infektionsrisiko, da die Körperhaut im Gegensatz zur Schleimhaut über eine schützende Hornschicht verfügt. Bei Verletzungen oder Ekzemen können allerdings auch hier Erreger eindringen. Beim beruflichen Umgang mit Kollegen am Arbeitsplatz besteht ebenso wenig Ansteckungsgefahr wie bei Besuchen von Schwimmbad oder Sauna oder gemeinsamem Essen. Kein Risiko gibt es auch bei ärztlichen und zahnärztlichen Behandlungen, da die Desinfektion von Instrumenten das Virus zuverlässig abtötet.
Die Krankheit Aids
Das HI-Virus zerstört allmählich das Immunsystem, indem es die Zahl der T-Helferzellen im Blut drastisch senkt. Während in den ersten Wochen nach der Infektion grippeähnliche Symptome auftreten können (aber nicht müssen), folgen der Ansteckung mit HIV meist mehrere Jahre ohne körperliche Anzeichen. Währenddessen vermehrt sich das Virus im Körper. Mit dem Beginn der ARC-Phase ("Aids Related Complex") treten erneut Beschwerden wie nach der Infektion auf. Wenn die eigentliche Krankheit beginnt, spricht man von der Diagnose Aids ("Acquired Immunodeficiency Syndrome").

Aids wird durch verschiedene Erkrankungen definiert. Sogenannte opportunistische oder Sekundär-Infektionen und Tumoren nutzen die schwache Immunabwehr aus. Meistens stirbt der Patient an einer der Folgeerkrankungen. Doch können schon im Vorfeld virenhemmende Medikamente eingesetzt werden. Diese verlängern die Lebenserwartung und steigern die Lebensqualität der Betroffenen.
Das Virus
Das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) ist ein Retrovirus. Diese Erreger sind in der Lage, ihren genetischen Code in das Erbgut der Wirtszelle des Menschen einzubauen. Deshalb kann das Virus nach einer Infektion nicht wieder vollständig aus dem Körper entfernt werden.

Das Virus kommt in zwei Stämmen vor. HIV-1 ist weltweit verbreitet. Mikrobiologen unterscheiden Subtypen mit den Buchstaben A bis I und O. Der zweite Stamm, HIV-2, ist vorwiegend in Westafrika verbreitet. Ansteckungs- und Krankheitsverlauf sind in beiden Fällen ähnlich.
Weltweite Verbreitung
Laut dem Aidsprogramm der Vereinten Nationen Unaids sind weltweit schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert. Mit mehr als zwei Drittel der Infizierten bilden die Länder des südlichen Afrikas nach wie vor ein Zentrum der Epidemie.

Bis Ende 2012 erhielten rund 9,7 Millionen HIV-positive Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen eine antiretrovirale Therapie - im Vergleich zu drei Millionen Patienten im Jahr 2007 und lediglich 400.000 in 2003.

Quellen: Robert-Koch-Institut (RKI), Unaids
Umgang und Leben mit HIV
Vor allem Homosexuelle unter 30 Jahren lassen sich regelmäßig testen. Sind sie positiv, ist die Infektion meist im frühzeitigen Anfangsstadium, die Behandlung kann das Fortschreiten der Erkrankung eindämmen.

Heterosexuelle oder Betroffene mit Migrationshintergrund kommen meistens erst, wenn sich die Symptome des geschwächten Immunsystems nicht mehr verleugnen lassen.

Bei 15 Prozent der neudiagnostizierten HIV-Patienten ist Aids daher bereits ausgebrochen. Inzwischen haben Betroffene - mit einer Differenz von etwa zehn Jahren - die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Sie sterben inzwischen häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als an der durch einen Pilz verursachten Lungenentzündung, einst klassische Todesursache der Aids-Erkrankten. Jeder vierte HIV-Positive ist inzwischen älter als 50 Jahre.