Systematische Tests West-Pharmafirmen betrieben Menschenversuche in der DDR

Westliche Pharmakonzerne haben in mehr als 50 DDR-Kliniken über 600 Medikamentenstudien in Auftrag gegeben. Insgesamt dienten nach SPIEGEL-Informationen bis zum Mauerfall über 50.000 Menschen als Testpatienten etwa für Chemotherapeutika und Herzmedikamente - oft ohne es zu wissen.

Archiv der Charité: Fragwürdige Studien in der DDR
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Archiv der Charité: Fragwürdige Studien in der DDR


Mehrere Testreihen führten zu Todesfällen und mussten abgebrochen werden. Das geht aus bislang unbekannten Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen hervor, die dem SPIEGEL vorliegen.

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Heft 20/2013
Big Data: Wie Staaten und Konzerne berechnen, was wir tun werden

Demnach starben bei einem Test des Hoechst-Medikaments Trental zwei Kranke in Ost-Berlin. Auch in der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg starben zwei Patienten, die mit dem von Sandoz (heute Teil des Novartis-Konzerns) entwickelten Blutdrucksenker Spirapril behandelt wurden; der Versuch wurde abgebrochen. An der Universitätsklinik Charité ließ Boehringer-Mannheim (heute Teil der Roche-Gruppe) die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin ("Epo") an 30 "unreifen Frühgeborenen" erproben, wie es in Akten heißt. Bayer ließ Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung, unter anderem an Alkoholikern im akuten Delirium testen - diese konnten aufgrund ihres Zustandes nicht um Einwilligung gefragt werden.

Die Hersteller boten bis zu 800.000 Westmark pro Studie an. Manager der West-Berliner Schering AG (heute Teil von Bayer) offerierten der Charité sogar ein Testvolumen von jährlich sechs Millionen D-Mark. Führende Mediziner an der Charité waren sich laut Gesprächsprotokollen der Motive der Konzerne bewusst. So habe etwa Schering im Westen wohl "generelle ethische Probleme: der Mensch als Versuchskaninchen", sagte damals ein zuständiger Arzt der Charité. Die DDR riskiere, wegen der Tests als "Billigland" und "günstige Teststrecke" bekannt zu werden.

Patienten wurden über Risiken und Nebenwirkungen oft im Unklaren gelassen. Noch im März 1989 erklärte sich Hoechst (heute Teil von Sanofi) laut Sitzungsprotokoll einverstanden, "dass der Aufklärungstext beim Prüfer verbleibt und nicht dem Patienten ausgehändigt wird". Weiter heißt es: "Die Einwilligung des Patienten wird durch Unterschrift des behandelnden Arztes und eines Zeugen" dokumentiert. Die betroffenen Unternehmen weisen darauf hin, dass die Vorgänge weit zurückliegen. Sie betonen, dass klinische Tests prinzipiell nach strengen Vorschriften erfolgten. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller sieht "bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre."



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insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
Mans Heiser 12.05.2013
1.
Sind euch solche Reißer nicht irgendwann selbst peinlich? "Menschenversuche" sind was anderes als klinische Studien.
Stelzi 12.05.2013
2. Da haben sich zwei gefunden
Auf der einen Seite ein Menschenverachtendes Regime das Devisen brauchte und dafür Menschenmaterial zur Verfügung stellte und auf der anderen Seite der menschenverachtende Kapitalismus der Geld sparen wollte - die perfekte Symbiose.
saaman 12.05.2013
3. Menschen als Versuchsobjekte
Hier muss man mit allen Mitteln die Verantwortlichen belangen. Da greift nicht die Ausrede, es sei lange her. Und die Firmen bzw. deren Rechtsnachfolger müssen in Haftung genommen werden.
Galik 12.05.2013
4.
Schade, dass es die DDR nicht mehr gibt. Jetzt müssen die deutschen Pharmakonzerne etwas weiter fahren um ihre illegalen Experimente zu machen :( Warum verzichtet Deutschland nur auf so einen tollen Standortvorteil? Wir müssen doch wettbewerbsfähig bleiben. Denken Sie mal daran, wie viele Pharmakonzerne in Deutschland investieren würden, wenn es hier wieder solche Experimente geben würde. Dann entstehen auch bestimmt ganz viele Arbeitsplätze. Das könnte man zum Beispiel so machen: "Mit dem Betreten des Krankenhauses erklären Sie sich damit einverstanden, dass bei jeder Behandlung ungeprüfte Medikamente an Ihnen getestet werden können. Die erhobenen Daten werden nur zu Forschungszwecken von unseren Partnern verwendet und ansonsten den Datenschutzbestimmungen entsprechend nicht an Dritte weitergegeben." /Ironie aus
Galik 12.05.2013
5.
Zitat von saamanHier muss man mit allen Mitteln die Verantwortlichen belangen. Da greift nicht die Ausrede, es sei lange her. Und die Firmen bzw. deren Rechtsnachfolger müssen in Haftung genommen werden.
Volle Zustimmung, aber mit Bayer und Co wird sich unsere Regierung nicht anlegen und es allerhöchstens bei einer Pseudostrafe belassen, bei der dann an jeden Betroffenen 200€ Entschädigung gezahlt werden müssen.
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