WHO: Schweinegrippen-Pandemie ist offiziell zu Ende
Das Virus hatte die Welt in Atem gehalten, nun ist die Bedrohung auch offiziell vorbei: Die Weltgesundheitsorganisation hat die Schweinegrippe heruntergestuft. Auf der Pandemie-Warnskala liegt die Seuche nicht mehr auf der höchsten Stufe.
Genf - Die Schweinegrippe-Pandemie ist offiziell zu Ende. Für das H1N1-Virus gelte nicht mehr die höchste Alarmstufe sechs, sagte die Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan. Die erstmals im April 2009 beim Menschen festgestellte Schweinegrippe sei in ihrer "Endphase". Die Behörden in aller Welt müssten aber trotzdem "wachsam" bleiben. Das Virus werde weiterhin für saisonal bedingte Erkrankungen sorgen.
Zu der Aufhebung des Alarms hatte ein Beratergremium aus 15 externen Wissenschaftlern geraten, der sogenannte Notfall-Ausschuss. Das H1N1-Virus hatte sich Anfang vergangenen Jahres zunächst vor allem in Mexiko und in den USA rasant ausgebreitet. Im Juni 2009 stufte die WHO die Seuche erstmals seit 40 Jahren wieder als eine globale Pandemie mit dem höchsten Gefahrenniveau sechs ein.
Seit dem Ausbruch der Seuche im Frühjahr 2009 fielen dem Erreger nach WHO- Angaben mehr als 18.400 Menschen in etwa 200 Ländern zum Opfer. Aus Sicht der WHO verlief die Schweinegrippe trotzdem insgesamt glimpflich. Es hätte sehr viel schlimmer kommen können, erklärte Chan. "Dieses Mal hat uns schlichtweg viel Glück geholfen. Das Virus mutierte während der Pandemie nicht zu einer tödlicheren Form."
Der Umgang der Weltgesundheitsorganisation mit der Schweinegrippe war auf heftige Kritik gestoßen. So hieß es, die WHO habe überzogen reagiert, da das Ausmaß weitaus geringer war als zunächst angenommen. Kritiker hatten erklärt, dass einige der Autoren, die an den Richtlinien der WHO zum Umgang mit Grippepandemien mitgewirkt haben, zur gleichen Zeit Geld von den Pharmafirmen GlaxoSmithKline und Roche erhalten hätten.
Die WHO hat die Kritik stets zurückgewiesen. WHO-Sonderberater Keiji Fukuda warnte eindringlich vor einer Verharmlosung des H1N1- Erregers. "Man kann sagen, dass die Länder auf der nördlichen Halbkugel das Gefühl haben, dass es jetzt vorbei ist. Aber auf der südlichen Halbkugel gibt es viele Diskussionen." Alle WHO-Staaten müssten wachsam bleiben: "Obwohl wir ein Ende der Pandemie haben, ist das Virus immer noch da."
In Deutschland gab es vom Herbst 2009 bis August 2010 über 226.000 gemeldete Schweinegrippe-Fälle. 258 der Patienten starben nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI). Die meisten Fälle gab es im Herbst und Winter 2009. Die wahre Zahl der Infektionen schätzen Experten um ein Vielfaches höher. Die Impfquote in Deutschland lag bei nur etwa 8 Prozent.
Im Herbst 2009 wurde in Deutschland eine Massenimpfung gestartet. Diese war aber in der Öffentlichkeit sehr umstritten. Meldungen über Nebenwirkungen durch die im Impfstoff Pandemrix enthaltenen Wirkstoffverstärker verunsicherten viele Menschen. Dass Bundesbeamte und Soldaten einen anderen Impfstoff ohne Zusätze erhielten, sorgte für zusätzlichen Unmut.
Wegen der öffentlichen Diskussion, aber auch weil sich der Erreger als weniger gefährlich als angenommen erwies, ließen sich weniger Menschen impfen als geplant. Die Bundesländer blieben deswegen auf großen Mengen Impfstoff sitzen. Wie groß der Impfstoff-Überschuss ist, lässt sich allerdings nicht einfach sagen. Beim Niedersächsischen Gesundheitsministerium, das derzeit die Führung in der Gesundheitsministerkonferenz innehat, hieß es auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, man habe keine vollständigen Zahlen aus den Ländern. Deswegen könne man zur Gesamtmenge nichts sagen.
Die neue saisonale Grippeimpfung im Herbst umfasst nach Angaben des RKI auch eine Komponente gegen die Schweinegrippe. Eine Extra-Impfung ist deshalb laut RKI auch nicht mehr nötig. Auch wer sich gegen Schweinegrippe impfen ließ, sollte sich die neue Schutzimpfung geben lassen, raten die Experten. Denn in diesem Winter würden wahrscheinlich mehrere Grippeviren zirkulieren.
chs/dpa/AFP
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