Suche nach Impfstoff Doppelschlag soll HIV überlisten

Immer noch sterben jährlich etwa 1,5 Millionen Menschen an Aids. Doch eine Impfung zu entwickeln, die sicher vor allen Varianten des HI-Virus schützt, scheint unmöglich. Forscher wollen dennoch nicht aufgeben - sie setzen auf eine Kombinationsstrategie.

Die Struktur des HI-Virus: "Impfstoffsuche bleibt Achterbahnfahrt"
Corbis

Die Struktur des HI-Virus: "Impfstoffsuche bleibt Achterbahnfahrt"

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Hamburg - Im Kampf gegen das HI-Virus hat sich die Welt viel vorgenommen: Keine Aidstoten mehr, keine Neuinfektionen und nie mehr Diskriminierung von infizierten Menschen. Doch das Ziel scheint weit entfernt: Was vor allem fehlt, ist eine Impfung. Die Suche danach lässt die Forscher verzweifeln.

Das Hauptprobleme ist, dass das Virus ständig die Erkennungsmerkmale auf seiner Oberfläche verändert. Inzwischen gibt es zahlreiche Untergruppen der Erreger, die an unterschiedlichen Orten der Welt in Kombinationen vorkommen. Selbst wenn es gelingt, das Immunsystem gegen einen HI-Virustyp zu impfen, könnte eine andere Untergruppe in den Körper vordringen und das Immunsystem schwächen.

Dass eine einzige Impfung das Immunsystem jemals auf alle Virustypen wird vorbereiten können, scheint unmöglich. Deshalb haben Forscher die Suche nach einem komplett zuverlässigen Impfstoff vorerst aufgegeben. "Davon, dass wir in absehbarer Zeit eine Impfung entwickeln, die vollkommen schützt, kann man derzeit nicht ausgehen", sagt Oliver Keppler, der ab Oktober das nationale Referenzzentrum für Diagnostik und Beratung zu HIV in Frankfurt leiten wird. Forscher suchen stattdessen nach einem Impfstoff, der die Zahl der Viren in infizierten Menschen verringert - die Patienten bleiben dann länger gesund. Auch senkt eine geringe Viruslast das Risiko, den Erreger zu übertragen.

Im Kampf gegen das Virus kombinieren Forscher jetzt zwei Impfstoffe

Die Viruslast durch eine Impfung zu reduzieren, war auch das Ziel der derzeit größten klinischen HIV-Impfstoffstudie HVTN 505: Vor drei Jahren begannen Forscher um Scott Hammer von der Columbia Universität in New York eine Kombinationsimpfung aus zwei unterschiedlichen Impfstoffen zu testen - eine sogenannte "Prime-and-boost"-Strategie. Die Studienteilnehmer bekommen zunächst einen DNA-Impfstoff gespritzt, der das Immunsystem in Gang bringt (Primer). Der zweite Impfstoff soll die Wirkung der ersten Impfung verstärken und gezielt T-Zellen und Antikörper aktivieren, die auf das Virus spezialisiert sind und ihn auf Dauer in Schach halten (boost).

DNA-Impfstoffe - der ersten Teil der Impfung - bestehen aus DNA-Ringen, die gentechnisch verändert sind und in Körperzellen eingeschleust werden. Eine Kettenreaktion beginnt: Die veränderten Zellen stellen Proteine her, die auch das HI-Virus auf seiner Hülle tragen. Dadurch alarmieren sie das Immunsystem, dieses beginnt, Antikörper gegen die Hüllenproteine des HI-Virus zu erzeugen. Die Antikörper wiederum wappnen das Immunsystem gegen eine Infektion. DNA-Impfstoffe haben den Vorteil, dass sie eine breite Immunantwort hervorrufen.

Gedächtniszellen sichern einen langfristigen Impfschutz

Lösen würde das jedoch nur einen Teil des Problems.

Entscheidend für den Erfolg der Impfung ist, dass das Immunsystem zielgenau gegen den Erreger vorgeht. Dafür sorgt der zweite Teil der "Prime-and-boost"-Impfung. Dieser besteht aus abgeschwächten Erkältungsviren (Adenoviren Typ 5), die sich nicht mehr vermehren und keine Erkältung mehr auslösen können. Stattdessen tragen die Erkältungsviren Gene in sich, mit denen sie ebenfalls HIV-Hüllenproteine herstellen.

Statt eine breite Immunantwort hervorzurufen, aktivieren diese jedoch hauptsächlich T-Zellen, die extrem zielgenau gegen den Erreger vorgehen und sich zu Gedächtniszellen weiterentwickeln. Stoßen die Zellen erneut auf HIV-Hüllenproteine, erkennen sie diese wieder und aktivieren eine Armee spezialisierter Immunzellen, die sich mit großer Durchschlagskraft gegen das Virus wehren.

So zumindest die Theorie. Doch funktioniert sie auch in der Praxis? Experten sind skeptisch.

Eine Studie musste aus Sicherheitsgründen gestoppt werden

Mit einem Impfstoff, ganz ähnlich dem in der aktuellen Studie verwendeten, verbinden Forscher einen der größten Rückschläge bei der HIV-Impfstoffsuche: 2007 mussten US-Behörden eine Studie mit 3000 homosexuellen Männern stoppen, weil sich bei einer Zwischenuntersuchung gezeigt hatte, dass die Impfung wirkungslos war.

Das war vorerst das Aus für diese Art von HIV-Impfstoffen. Doch 2009 veröffentlichten Forscher die erste positive klinische Studie mit einem HIV-Impfstoff überhaupt. Eine Kombinationsimpfung hatte beim Test an 16.400 Menschen in Thailand die Zahl der Neuinfektionen reduziert. Außerdem ergaben Tierversuche, dass die Affenversion der "Prime-and-boost"-Impfung der HVTN 505-Studie die Übertragung von Affen-HIV verringert.

Die Suche nicht aufgeben

Der Weg zur derzeit größten HIV-Impfstoffstudie war geebnet: Statt wie bisher zu prüfen, ob die Kombinationsimpfung dazu führt, dass die Viruslast von Neuinfizierten von Anfang an gering bleibt, untersuchen die Forscher jetzt auch, ob der Impfstoff die Ansteckungsgefahr reduziert. Statt der ursprünglich 1300 Teilnehmer testen seit Sommer 2011 nun 2200 die Impfkombination. Erste Ergebnisse erwarten die Forscher noch dieses Jahr.

Doch Keppler warnt vor zu viel Euphorie: "Es gibt keine Beweise dafür, dass kleine Veränderungen in den Proteinen und der DNA, wie sie in den aktuellen Impfstudien gemacht werden, zum Erfolg führen." Auch müsse sich noch zeigen, ob das positive Ergebnis in Thailand ein echter Effekt war oder doch nur Zufall.

Bis sich dank einer Impfung niemand mehr mit HIV infiziert, wird es noch dauern. "Trotzdem muss weitergeforscht werden, denn schon ein Wirkstoff, der die Zahl der Neuinfizierten um die Hälfte reduziert, würde das Virus gerade in Afrika merkbar eindämmen", sagt Keppler. Bis es soweit ist, bleibt die Suche nach einer HIV-Impfung eine Achterbahnfahrt im Dunkeln. Niemand kann sagen, was hinter der nächsten Kurve wartet.



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