Homöopathie gegen Aids: Quacksalber darf Berliner Ärzte schulen

Von Nicola Kuhrt

Homöopathie-Experte Jeremy Sherr behauptet, Aids mit Kügelchen behandeln zu können, seine Methoden sind hochgradig umstritten. Dennoch zertifizierte die Ärztekammer Berlin ein Fortbildungsseminar mit ihm - eine peinliche Panne. Nun ziehen die Aufseher ihr offizielles Votum zurück.

Aids in Afrika: Umstrittener Mediziner sammelt Spenden auf Ärzte-Seminar Fotos

Berlin - Uta Habermann-Schlenther ist derzeit schwer zu erreichen. Die Leiterin der Scola Asclepia, einer Lehranstalt für Homöopathie in Potsdam, reagiert nicht auf Mails. Ruft man an, läuft ein Anrufbeantworter, die Ansage allerdings ist längst überholt: Das Büro sei vom 14. bis 20. November nicht besetzt", tönt es vom Band - "wegen des Seminars mit Jeremy Sherr". Das Treffen mit einem der heimlichen Stars der Naturkundeszene ist zwar längst vorbei - die Veranstaltung wird die Homöopathieschulen-Gründerin allerdings noch länger beschäftigen.

Sherr stand schon vor Jahren wegen angeblicher Äußerungen, Aids auf homöopathischem Wege behandeln zu können, in der Kritik. Angemeldet hatte Habermann-Schlenther die Veranstaltung bei der Ärztekammer Berlin, ganz offiziell. Titel des dreitägigen Workshops: "Chronische und akute Verschreibungen im Dialog / Fälle Materica medica" (historischer Ausdruck für Arzneimittellehre - d. Red.).

Die Kammer hat den Workshop arglos zertifiziert und auf ihrer Website sogar regulär beworben, Rubrik "Fortbildungen". Erst durch Rückfragen kritischer Blogger wurden die Mitarbeiter auf den Referenten aufmerksam - und entschieden sich zu einem drastischen Schritt: Ohne das übliche Procedere einzuhalten - den Veranstalter mit der Kritik zu konfrontieren - wurde die Aberkennung der Zertifizierung eingeleitet. Den Ärzten werden dadurch die Fortbildungspunkte, die sie bei der Teilnahme erworben hatten, wieder gestrichen. "Nach der Bewertung neuer Erkenntnisse müssen wir annehmen, dass die Veranstaltung als Vehikel genutzt worden ist, um an deren Rande medizinisch nicht vertretbare Inhalte zu vermitteln", sagt Sascha Rudat, Sprecher der Ärztekammer, SPIEGEL ONLINE.

Heilsversprechen eines Homöopathen

Laut einem Flyer, mit dem die Scola Asclepia für das Seminar warb, berichtete Jeremy Sherr tagsüber über seine Philosophie - "Homöopathie lebenslang zu erfahren ist vergleichbar mit einer Spirale" - und gab zusätzlich Tipps zur richtigen Behandlung chronischer und akuter Erkrankungen. Am ersten Seminarabend fand dann eine "optionale Spendenveranstaltung" statt, auf der Jeremy Sherr über seine homöopathisch angeleiteten Projekte in Afrika informierte und seine gleichnamige Initiative Homoeopathy for Health in Africa vorstellte.

Davon sei in den zunächst eingereichten Unterlagen von Frau Habermann-Schlenthers nichts zu erkennen gewesen, sagt Sascha Rudat. Die Homöopathie sei ein in der Weiterbildungsordnung der Ärztekammer Berlin verortetes Therapieverfahren. Und da sich die Anerkennung von Fortbildungspunkten primär auf die Inhalte der Veranstaltungen bezieht, habe Herr Sherr nicht im Mittelpunkt der Bewertung gestanden. "Dass Herr Sherr in der Vergangenheit höchst problematische Aussagen und Heilsversprechen im Zusammenhang mit Homöopathie und Aids gemacht hatte, war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt."

In der homöopathischen Szene wird Jeremy Sherr sehr geschätzt, das zeigt auch die Vita, nachzulesen ebenfalls auf dem Werbe-Flyer der Potsdamer Scola. Sherr habe die Gabe, sein Wissen klar, vital inspirierend und humorvoll darzustellen. "Seit einigen Jahren erfüllt er sich zusammen mit seiner Frau den Lebenstraum, in Afrika zu behandeln und hat in diesem Zusammenhang auch sehr viele Erfahrungen mit Aids gesammelt." Laut der Internetseite der Organisation haben Sherr und seine Gattin im Jahr 2009 die erste homöopathische Klinik im Norden Tansanias eröffnet, mittlerweile seien es zwölf in der gesamten Kilimandscharo-Region.

Homöopathie wissenschaftlich längst widerlegt

Dass es lebensgefährlich sein kann, Menschen statt mit erprobten antiviralen Aids-Präparaten mit Globuli zu behandeln, hat Sherr wohl schon oft gehört. Die Homoeopathy for Health in Africa wolle die Behandlung von Menschen mit dem HI-Virus, die die herkömmlichen antiviralen Mitteln erhalten, doch gar nicht ersetzen, schreibt Sherr SPIEGEL ONLINE. Die Homöopathie sei dazu da, den Kranken zu helfen. Dennoch werden auf der Website der Homoeopathy for Health in Africa detailliert Heilerfolge geschildert, etwa der einer jungen HIV-Patientin - nach zwei Monaten Behandlung à la Sherr ist das Virus plötzlich verschwunden. Auf Fragen zu den Details geht der Mann, der auf Bildern im Netz stets charismatisch in die Kamera strahlt, nicht ein. Man sei aber jederzeit herzlich eingeladen, nach Afrika zu kommen. "Hier kannst du sehen, was wir tun."

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Seminare mit homöopathischem Schwerpunkt durch die Ärztekammern zertifiziert werden. Kritiker der Homöopathie bemängeln zwar schon seit Jahren, dass deren Themen längst normaler Bestandteil in allen Bereiche der ärztlichen Aus- und Fortbildung sind - schließlich ist die von Samuel Hahnemann vor 200 Jahren erfundene Heilslehre wissenschaftlich längst widerlegt.

Unzählige Studien haben ergeben, dass sich die Grundprinzipien, nach denen Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden soll und sich die Wirkung eines Mittels durch Verdünnen steigere, nicht nachweisbar sind. Befürworter der Homöopathie verweisen daher auf einzelne Heilerfolge der Kügelchen, die Bedeutung der intensiveren Beschäftigung mit einem Patienten - für Kritiker allein ein Placeboeffekt.

Ärztepräsident will Vielfalt in der Medizin

Doch die Kritik stößt auf taube Ohren. Schon der frühere Präsident der deutschen Ärzteschaft, Jörg-Dietrich Hoppe, forderte eine stärkere Kombination von Schulmedizin und Alternativmedizin. Sein Nachfolger, Frank Ulrich Montgomery, tut es ihm gleich: "Medizin braucht Vielfalt - und deshalb haben auch bestimmte alternative Heilmethoden wie die Homöopathie, die unter anderem von intensiven Gesprächen zwischen Patient und Arzt geprägt ist, ihren Platz in der Patientenversorgung." Ebenso wie bei konventionellen Therapien trete man deshalb auch in der Alternativmedizin für eine vorurteilsfreie und konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit komplementären Heilmethoden ein.

Ob damit auch gemeint ist, umstrittenen Vertretern wie Jeremy Sherr eine Bühne zu bereiten, beantwortet Montgomery nicht. Der Sprecher der Berliner Ärztekammer verweist auf den großen Berg von Workshops, für die Veranstalter ein Zertifikat bei der Kammer beantragen, im Jahr 2011 waren es in der Landeshauptstadt 17.000. Die Kammer prüft, damit nur solche Veranstaltungen Punkte erhalten, bei denen die Qualität stimmt und die Referenten kompetent sind, erklärt Sprecher Rudat. Nur wenn die Kammer ihren Segen erteilt, gibt es die begehrten Punkte für die teilnehmenden Ärzte.

In Deutschland müssen sich Ärzte regelmäßig fortbilden und das auch nachweisen, so will es das 2003 verabschiedete Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMK).

Warum Scola Asclepia-Chefin Habermann-Schlenther die Spendenveranstaltung für Afrika bei der Kammer-Anmeldung nicht erwähnt hat, hätte SPIEGEL ONLINE sie gern gefragt - bislang blieben alle Anfragen erfolglos. Wie viele Ärzte den Kurs bei Jeremy Sherr im Berliner Van-Delden-Tagungshaus in Zehlendorf besuchten und für diese Begegnung 250 Euro bezahlten, weiß die Ärztekammer bisher noch nicht. Man warte auf die Evaluationsbögen. Die muss allerdings Habermann-Schlenther beisteuern - und die ist derzeit ja nicht zu erreichen. Ihre 20 Fortbildungspunkte werden die Mediziner aller Voraussicht nach schon in Kürze los sein.

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insgesamt 259 Beiträge
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1. wahnsinn
donvito85 26.11.2012
das homöopathie noch immer soviele anhänger hat... diese behamdlungsmethoden hanen keinerlei wissenschaftliche basis... ich hoffe, dass sich mal die ärztevereinigung zu wort meldet und diesen schritt dementdprechend kritisiert vorallrm wenn.ea um behandlungamethoden fuer ernsthafte krankheiten wie hiv geht
2.
carolane 26.11.2012
Was wollen die denn alle. Homöopathie ist doch längst wissenschaftlich belegt. Nichts wirkt besser, wenn es wirkt. Und alle wollen es: Die Grünen möchten das Recht auf Illusion in die Verfassung schreiben. Die SPD sowieso, denn es schafft ja Arbeitsplätze. Die FDP weil die Profitmargen bei dem Hokuspokus höher sind als im Drogenhandel. Bei den Linken kennt man sich ja mit Potemkinschen Dörfern so gut aus. Die Piraten brauchen's für die Zeitreise. Die Absolventen von geisteswissenschaftlichen Fakultäten im Besonderen und Allgemeinen sind qua Profession Anhänger der Hahnemannschen Unschärfedilution. Und irgendwie hat es ja etwas mit Natur zu tun oder irgendwie so. Und in der Bild gibt's ja auch ein Horoskop. Und die ist die meistgelesene Zeitung oder so.
3. wenn's hilft...
oneironaut 26.11.2012
Bei mir hilft homöopathie bei Infekten (Grippe) eigentlich ganz gut. Dabei ist es mir egal, ob das Placebo ist. Bevor ich mich durch den Beipackzettel eines herkömmlichen Medikaments gewühlt habe und mir einen Drogencocktail einfahre, ist Alternativmedizin in jedem Fall den zu den teilkriminellen Machenschaften der Pharmaindustrie vor zu ziehen. Zumal ich mir einbilde, dass deren Wirkung auch zum Großteil auf Placeboeffekten beruhen!
4.
MPQ 26.11.2012
klar ist das alles Schwachsinn mit der Homöopatie. Aber aus wirtschaftlicher Sicht halt nicht: Wenn ich für ein Stückchen Zucker 10€ verlangen kann, nur weil ich einen Dummen finde, ist das eigentlich ziemlich genial!
5. Gegen Dummheit ist noch kein Kraut gewachsen
Mäusepolizei 26.11.2012
Wenn jemand Zuckerkügelchen gegen Husten lutschen will dann soll er. Aber wenn bei Krebs oder AIDS mit diesem nonesense begonnen wird hört der Spaß auf! Das ist kriminell und jeder Arzt der ernsthaft auf Süßstoff setzt sollte seine Lizenz verlieren!
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Homöopathie
Was ist Homöopathie?
Homöopathie - griechisch für "ähnliches Leiden" - wird von ihren Befürwortern sowohl gegen körperliche als auch gegen seelische Beschwerden angewandt. Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsprinzip und der Verdünnung.

Homöopathen benutzen Substanzen, die bei Gesunden die Symptome der zu behandelnden Krankheit hervorrufen würden. Die Herstellung der Medikamente beruht auf dem sogenannten Potenzieren: Die Wirkstoffe werden durch Vermischen mit Alkohol oder Wasser oder durch Verreiben mit Milchzucker stark verdünnt. Anhänger der homöopathischen Idee gehen davon aus, dass das Medikament umso besser wirkt, je stärker es verdünnt ist: Die schädlichen Wirkungen der Arzneisubstanzen würden minimiert und die positiven gesteigert. Es gibt verschiedene Verdünnungsgrade, von einem Tropfen auf das Volumen einer Erbse (D1) bis zu einem Tropfen auf das gesamte Universum (D78). D78 bedeutet, dass ein Mittel 78-mal um den Faktor zehn verdünnt wurde. Erhältlich sind aber auch Potenzen wie D200 oder gar D1000. In vielen homöopathischen Mitteln ist der Wirkstoff deshalb nicht mehr nachzuweisen - im Medikament kommt von ihm kein einziges Molekül mehr vor.
Geschichte
Das Prinzip der Homöopathie geht auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) zurück. 1796 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er erstmalig sein "Ähnlichkeitsprinzip" postuliert. Dieses stützte er auf einige empirische Daten, einschließlich vieler Selbstversuche. Das System der starken Verdünnung wurde zunächst angewendet, um schädliche Effekte der teils giftigen Wirkstoffe zu vermeiden. Erst später verordnete Hahnemann auch die sogenannten Hochpotenzen, bei denen die Arzneisubstanz so stark verdünnt wird, dass sie sich im fertigen Medikament nicht mehr nachweisen lässt.

Die moderne Naturwissenschaft konnte eine Wirksamkeit der Homöopathie bis heute nicht nachweisen - trotz zahlreicher Studien. Die meisten Fachleute sind inzwischen überzeugt, dass eine Wirkung allenfalls auf einem Placebo-Effekt beruhen kann.
Homöopathie in Deutschland
2005 gab jeder Deutsche im Durchschnitt 4,87 Euro für Homöopathika aus. Laut einer Allensbach-Umfrage ist die alternativmedizinische Methode am beliebtesten bei Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, die in Bayern oder Badem-Württemberg in Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen leben.

Homöopathie erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. 2010 verfügen mehr als 3000 Apotheker verfügen über eine homöopathische Ausbildung; 6712 Ärzte tragen offiziell die Zusatzbezeichnung "Homöopath". Diese Zahl hat sich seit 1993 mehr als verdreifacht.
Wirksamkeit
Für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel gibt es bisher keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis. Im Jahr 1997 legte der Mediziner Klaus Linde von der Technischen Universität München eine große Erhebung zum Thema vor. Die Ergebnisse erschienen zunächst vielversprechend für die Befürworter der Heilmethode und werden noch heute als Legitimation benutzt. Kritiker warfen Lindes Studie jedoch mangelhafe Qualität vor. Der Autor selbst räumt inzwischen ein, dass er seine damalige Schlussfolgerung, der Effekt homöopathischer Mittel ginge über einen Placeboeffekt hinaus, nicht mehr aufrechterhalten könne.

2005 veröffentlichten Wissenschaftler der Universität Bern im Fachblatt "The Lancet" eine weitaus genauere Studie. Im Test gegen Placebos zeigte sich bei den homöopathischen Medikamenten keine erhöhte Wirksamkeit. Auch andere Studien ergaben, dass durch Potenzierung hergestellte Arzneimittel Placebos in ihrer Wirkung nicht übertreffen.