Vier Jahre mit Parasit im Kopf Mann hatte Bandwurm im Hirn

Forscher haben das Genom eines seltenen Bandwurms entziffert. Noch exotischer als der Parasit ist der Fundort: Die Mediziner entdeckten die Wurmlarve im Gehirn eines Mannes - dort hatte sie mehr als vier Jahre gelebt.

Parasitenwanderung: Im Laufe von vier Jahren arbeitete sich die Larve fünf Zentimeter durch das Gehirn des Patienten
Nagui Antoun

Parasitenwanderung: Im Laufe von vier Jahren arbeitete sich die Larve fünf Zentimeter durch das Gehirn des Patienten

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Dem Mann ging es schon eine ganze Weile nicht besonders gut: Ihn plagten Kopfschmerzen, Krampfanfälle und Gedächtnisstörungen. Weil sein Hausarzt die Ursache nicht finden konnte, überwies er seinen Patienten in ein Krankenhaus in Südengland. Auch dort konnten die Ärzte sich zunächst nicht erklären, woher die Symptome des 50-Jährigen kamen. Die Suche ging weiter. Vier Jahre lang machten die Ärzte immer wieder Aufnahmen mit einem Magnetresonanztomografen.

Schließlich entdeckten sie eine kleine Läsion, die durch das Gehirn wanderte. Eine Biopsie brachte Klarheit: Im Gehirn des Mannes hatte sich die Larve eines seltenen Bandwurms eingenistet - Spirometra erinaceieurpaei. Die Mediziner entfernten die Larve aus dem Gehirn und schickten sie zum Wellcome Trust Sanger Institute nach Cambridge. Dort sequenzierten Hayley Bennett und ihre Kollegen das Genom des Wurms. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin "Genome Biology" .

Der Parasit Spirometra kommt vor allem in asiatischen Ländern wie China, Südkorea, Japan oder Thailand vor. "Im Gegensatz zu anderen Bandwurminfektionen ist ein Befall mit dieser Art extrem selten", sagt Bennett. Daher dauerte es so lange, bis die Mediziner die Ursache für die Beschwerden des Mannes fanden. Er war vor über 20 Jahren von China nach Großbritannien gezogen, besuchte aber noch regelmäßig seine Heimat und muss sich dabei angesteckt haben.

Vom Frosch in den Menschen

Die Biopsie zeigt ein Stück der Larve und das sie umgebende Gehirngewebe
Bennet et al./ Genome Biology

Die Biopsie zeigt ein Stück der Larve und das sie umgebende Gehirngewebe

Spirometra lebt in Schlangen und Fröschen. Der Mensch steckt sich über einen Umweg an - verseuchtes Wasser, rohes Fleisch oder Salben zur Wundheilung, die aus Froschfleisch hergestellt werden. Normalerweise lebt der Bandwurm im Verdauungstrakt seiner Wirte, seine Larven können aber auch wandern - in die Augen, das Rückenmark oder eben das Gehirn. Je nach Aufenthaltsort der Larve leiden die Betroffenen an Kopfschmerzen, Durchfällen oder Sehproblemen.

Bei der Sequenzierung des Wurmgenoms waren die Forscher vor allem von seiner Größe beeindruckt - es zählt 1,26 Milliarden Basenpaare. "Das Genom ist größer als das von anderen Plattwürmern, und ungefähr ein Drittel so groß wie das des Menschen", sagt Bennett. "Beim Vergleich mit anderen Plattwürmern haben wir außerdem festgestellt, dass viele Gene in mehreren Kopien vorliegen." Diese Gene können dann öfter ausgelesen und bestimmte Eiweiße häufiger gebildet werden. "Wir haben mehrere Genkopien für ein Enzym gefunden, das bei der Verdauung des Wirtsgewebes helfen könnte." Möglicherweise der Grund dafür, dass die Würmer so unterschiedliche Wirte wie Frösche und Menschen besiedeln können.

"Mit dem Genom haben wir jetzt eine Art Gebrauchsanweisung für den Wurm", sagt Bennett. "Aber wir wissen noch nicht, welches Kapitel der Wurm in seinem jeweiligen Lebensabschnitt abliest."

Von ihren Ergebnissen erhoffen sich die Forscher neue Möglichkeiten zur Entwicklung von Medikamente gegen den Parasiten, aber auch für die Behandlung anderer Bandwurminfektionen. Die wirksamste Methode gegen Spirometra bisher: Herausschneiden. Dazu muss man die wanderfreudigen Larven aber erst finden, und das kann zuweilen etwas dauern.



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