XCell-Center: Die fragwürdigen Versprechen der Stammzellenheiler

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Das XCell-Center macht mit der Hoffnung von Schwerkranken Kasse: Die Firma lässt Patienten Stammzellen entnehmen und in den Körper zurückspritzen. Diabetes und Schlaganfallfolgen sollen so gelindert werden. Doch die Wirkung ist umstritten, Wissenschaftler üben harsche Kritik an dem Verfahren.

Stammzellenversuche in China: Die Wissenschaft steht noch am Anfang Zur Großansicht
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Stammzellenversuche in China: Die Wissenschaft steht noch am Anfang

Hamburg - Im XCell-Center gibt es Hoffnung gegen Geld: Bis zu 26.000 Euro muss ein Parkinson-Patient zahlen, damit Mediziner ihm Stammzellen aus dem Knochenmark entnehmen und ins Gehirn spritzen. Das soll seine Schüttellähmung lindern. Alzheimer- und Arthrosekranke bekommen ihre eigenen Zellen schon für 7545 Euro verabreicht.

Das Therapieprinzip, das die Leiden der Kranken lindern soll, ist so vermeintlich einfach wie schwammig: Die transplantierten Zellen "können sich in verschiedene Arten von Zellen verwandeln und sind in der Lage, beschädigtes Gewebe zu regenerieren", lautet die Erklärung der XCell-Ärzte für Eingriffe bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose, Rückenmarksverletzung oder Schlaganfall.

Auf der eigenen Web-Seite präsentiert sich das Unternehmen als medizinische Wunderwerkstatt: Fotos zeigen lichtdurchflutete Räume, glänzende Böden und strahlend weiße Tische. In einem Video wird ein Querschnittsgelähmter gezeigt, der das Laufen trainiert. Und ein Parkinson-Patient, auf dessen Internetauftritt das XCell-Center verlinkt, beteuert, er lerne seit der Stammzell-Behandlung wieder Treppen zu steigen. Auf Anfrage gibt er an, er habe inzwischen Motorradfahren gelernt.

Keine Garantie, dass die Therapie funktioniert

Das Geschäft mit der Hoffnung boomt auf beeindruckende Weise: Mehr als 1600 Patienten haben sich den Angaben des Unternehmens zufolge seit 2007 einer Therapie unterzogen - inzwischen gibt es eine Filiale in Köln und eine in Düsseldorf.

Dabei garantiert die Firma noch nicht einmal, dass die eigene Therapie auch funktioniert. Das XCell-Center weiß nach eigenen Angaben selbst nicht, was der Wirkmechanismus der eigenen Eingriffe ist. "Auf welchem Wege Knochenmarkstammzellen zur Heilung beitragen, ist noch nicht vollständig geklärt", steht auf der Web-Seite zu lesen. Dazu gibt es statistische Auswertungen der Behandlungen verschiedener Krankheiten, die belegen, dass die Therapie nicht immer funktioniert.

Die unheilbar Kranken aber wollen hoffen. Und sie denken wohl auch, "dass stammzellbasierte Therapien in Deutschland nur angeboten werden können, wenn ihr Nutzen erwiesen ist", sagt Ira Herrmann, Geschäftsstellenleiterin des Kompetenznetzwerkes Stammzellforschung NRW. "Die Marke 'Made in Germany' ist für sie ein Qualitätskriterium."

Fragwürdige Therapieversuche am Menschen

Tatsächlich gibt es viele seriöse Forscher, die die Fähigkeiten von Stammzellen aus dem Knochenmark untersuchen. In Bereichen wie der Leukämietherapie ist ihr Einsatz bereits erprobt. Die Forscher treibt daher die Hoffnung an, die vermeintlichen Wunderzellen eines Tages so manipulieren zu können, dass sie sich auch in andere Typen umprogrammieren lassen und im Körper neue Funktionen aufnehmen. Wissenschaftler führen kontrollierte Studien durch, die von Ethikkommissionen genehmigt sind.

Meist starten diese Versuche in der Petrischale, dann werden sie am Tier erprobt. Die Wissenschaft steht noch am Anfang. Das XCell-Center dagegen experimentiert nach eigenen Angaben schon mit Stammzellen am Menschen.

Experten halten das für fragwürdig. Sie fürchten, dass ihre Forschung durch unseriöse Therapiemethoden in Misskredit gerät. Der Ärztliche Beirat der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) etwa schreibt in einer Stellungnahme zum XCell-Center: "Wissenschaftlich sind die Therapieeffekte nicht belegt und somit auch nicht glaubwürdig. Zudem sind potentiell schwere und schwerste Nebenwirkungen bekannt." Aus experimentellen Studien gehe etwa hervor, "dass Stammzellen direkt ins Immunsystem eingreifen können". Die DMSG rät von der Behandlung ab.

Stammzellen per Operation mitten ins kranke Organ

Ob, wann und wie das Verfahren des XCell-Centers wirken kann, ist tatsächlich nicht klar. Für die Therapie entnehmen die Mediziner am XCell-Center Stammzellen aus dem Knochenmark und schicken es zur Aufbereitung in ein Labor. Dort werden die Zellen den Angaben zufolge vom Plasma getrennt und auf Krankheitserreger überprüft. Sind genügend vitale Stammzellen vorhanden, spritzen die Ärzte diese zurück in den Körper des Patienten - in eine Vene, Arterie, das Nervenwasser oder per Operation mitten in das kranke Organ.

Das Unternehmen versuche, "die Stammzellen so dicht wie möglich an das geschädigte Gewebe heranzubringen", teilt Ralf Friedhofen, ein Anwalt des XCell-Centers, auf Anfrage mit. Diese würden dann dort eindringen "und ihre Wirkung entfalten".

Leseraufruf
Haben Sie als Patient Erfahrungen mit dem XCell-Center gemacht? Sofern Sie uns diese mitteilen wollen, schicken Sie eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an heike_le_ker@spiegel.de und stefan_schultz@spiegel.de. Alle Ihre Angaben werden vertraulich behandelt.
Und das auf äußerst vielfältige Weise: ALS, Alzheimer, Arthrose, Diabetes, frühkindliche Hirnschädigung, kardiovaskuläre Erkrankungen, Makula-Degeneration, Multiple Sklerose, Parkinson, Schlaganfall, Verletzungen des Rückenmarks: Die Liste der Krankheiten, für die in Köln und Düsseldorf Therapien angeboten werden, ist lang - manche meinen: zu lang. Es fänden sich auf ihr auch Krankheiten, die sich mit den angegebenen Methoden gar nicht heilen ließen.

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Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.
Chronik der Stammzellforschung
1998 - Embryonale Stammzellen
Die internationale Stammzellforschung hat sich seit 1998 extrem rasch entwickelt. Der US-Forscher James Thomson gewann damals weltweit erstmals embryonale Stammzellen aus übriggebliebenen Embryonen von Fruchtbarkeitskliniken. Sie galten sofort als Hoffnungsträger, um Ersatzgewebe für Patienten mit Diabetes, Parkinson oder anderen Erkrankungen zu schaffen. Die Technik ist aber ethisch umstritten, da dafür Embryonen zerstört werden müssen. In Deutschland ist sie verboten. Seitdem suchen Forscher nach ethisch unbedenklichen Wegen.
2006 - Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Im August 2006 präsentieren die Japaner Kazutoshi Takahashi und Shinya Yamanaka eine erste Lösung. Sie versetzen Schwanzzellen von Mäusen mit Hilfe von vier Kontrollgenen in eine Art embryonalen Zustand zurück. Das Produkt nennen sie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen). Der Nachteil: Die eingesetzten Gene können das Krebsrisiko bei einem späteren medizinischen Einsatz erhöhen.
2007 - Menschliche iPS-Zellen
Im Jahr 2007 gibt es entsprechende Erfolge mit menschlichen Hautzellen. Nach und nach können die Forscher auf ein Kontrollgen nach dem anderen verzichten, um die iPS-Zellen herzustellen.
Februar 2009 - Nur noch ein Reprogrammier-Gen
Im Februar 2009 präsentiert der Münsteraner Professor Hans Schöler iPS-Zellen von Mäusen, die er nur mit Hilfe eines Kontrollgens aus Nervenstammzellen gewonnen hatte.
März 2009 - Reprogrammier-Gene entfernt
Anfang März 2009 stellen zwei Forscherteams schließlich iPS-Zellen vor, die keinerlei Kontrollgene mehr im Erbgut enthalten. Sie hatten die Kontrollgene in das Erbgut von menschlichen Hautzellen eingefügt und nach der Arbeit wieder aus dem Erbgut herausgeschnitten.
März 2009 - Reprogrammier-Gene nicht im Erbgut
Ende März 2009 veröffentlicht der US-Forscher James Thomson eine Arbeit, bei der er die Kontrollgene nicht einmal mehr ins Erbgut der Zellen einschleusen muss. Er gab sie nur in einem Ring (Plasmid) in die Zelle und zog sie später wieder heraus.
April 2009 - Reprogrammierung von Mauszellen mit Proteinen
Ende April 2009 kommt ein US-amerikanisches Forscherteam um Sheng Ding mit Beteiligung von Hans Schöler ganz ohne Gene aus und nutzt nur noch Proteine, um die Hautzellen von Mäusen zu reprogrammieren. Damit ist das zusätzliche Krebsrisiko ausgeschlossen, das beim Einsatz von eingeschleusten Genen generell besteht.
Mai 2009 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit Proteinen
Einem südkoreanisch-US-amerikanischem Team um Robert Lanza gelingt die Reprogrammierung menschlicher Hautzellen nur durch Zugabe von Proteinen.
Oktober 2010 - Reprogrammierung menschlicher Zellen mit RNA-Schnipseln
Bostoner Forscher um Derrick Rossi probieren eine weitere Methode, um das Einschleusen von Fremd-DNA zu vermeiden: Das Team erzeugte künstliche Schnipsel aus sogenannter Messenger-RNA. Diese Moleküle entstehen in der Zelle während der Übersetzung des Gens in das Protein. Mit Hilfe dieser modifizierten RNA-Moleküle werden diejenigen Erbinformationen in die Zelle geschleust, die zur Herstellung der Reprogrammierproteine notwendig sind. Die RNA-Moleküle dringen nicht in den Zellkern und beschädigen somit nicht das darinliegende Erbgut, wie es etwa bei der Virenmethode der Fall ist. Zudem ist die Methide wesentlich effizienter und schneller als bisherige Verfahren zur Herstellung von iPS.
Januar 2010 - Direkte Umwandlung von Körperzellen
Warum den Umweg über Stammzellen gehen? Einem Forscherteam um Marius Wernig von der Stanford University School of Medicine gelang es, Hautzellen von Mäusen direkt in einen anderen Zelltyp zu verwandeln. Die Forscher schleusten drei Gene in die Zellen und verwandelten die Hautzellen in weniger als einer Woche in voll funktionstüchtige Nervenzellen.
Januar 2011 - Direkte Umwandlung ohne Umweg über Stammzellen
Einen Schritt weiter gehen Forscher vom Scipps Research Institute im kalifornischen La Jolla: Sie nehmen quasi eine Abkürzung. Anstatt die Körperzellen erst in pluripotente Stammzellen umzuprogrammieren, wandelten sie Hautzellen direkt in Herzzellen um. Das Verfahren könnte die Herstellung von Körper-Ersatzteilen extrem beschleunigen.
Februar 2011 - Forscher entdecken gefährliche Mutationen
Zwei große Forscherteams haben sich an die Arbeit gemacht und das Erbgut verschiedener iPS-Zelllinien untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass es bei der Herstellung von iPS-Zellen zu genetischen Veränderungen kommen kann, die sogar das Risiko für Krebs erhöhen könnten. Das wirft Zweifel an der Zuverlässigkeit und Praxistauglichkeit der neuen Technik auf, die als vielversprechend für die Zucht von körpereigenen Geweben für Transplantationen gilt. Die Forscher fordern daher jetzt die genaue genetische Untersuchung der vielseitigen Zellen, bevor erste Studien an Patienten beginnen.