Von Nicola Kuhrt
Die Gläubiger der insolventen XCell kommen aus der ganzen Welt: In der Zeit von 2007 bis 2011 wurden im XCell-Center Menschen mit ihren eigenen Stammzellen behandelt - diese sollten Wunder wirken, warben die Betreiber auf ihrer Webseite. Eltern kamen mit ihren kranken Kindern - geistig oder körperlich behindert, oder beides - medizinisch hoffnungslose Fälle. Verzweifelt waren auch die älteren Patienten über die Leiden, die sie plagten: Multiple Sklerose, Arthrose, Alzheimer.
Die Betreiber von XCell haben gut an diesem Prinzip Hoffnung verdient. Die Patienten, rund 3500 waren es schlussendlich, zahlten zwischen 7000 und 26.000 Euro für eine Behandlung, die bislang erst in wenigen Fällen ihre Heilkraft gezeigt hat. Die meisten Forscher halten sie für unsinnig und riskant.
Im Jahr 2010 kommt es in den angemieteten Klinikräumen in Düsseldorf zu Zwischenfällen. Zwei Kinder erlitten Hirnblutungen, im August 2010 stirbt der zweieinhalbjährige Riccardo S. an den Folgen einer Behandlung. XCell-Neurochirurgin Martina Höfgen (Name geändert) hatte ihm Stammzellen direkt ins Hirn injiziert.
Bis heute sind viele Ereignisse um die umstrittene Klinik nicht aufgeklärt. Bis es zu einem Verfahren kommt, kann es dauern, sagt der leitende Staatsanwalt. Gutachten werden erstellt, solange wird gewartet. So will es das Gesetz. Was aber, wenn zu viele Gesetze notwendiges Handeln verhindern? Wenn es nicht reicht, wenn alle nur ihre Pflicht tun?
Recherchen von SPIEGEL ONLINE zeigen: Lange bevor die beiden Kinder in der Stammzellen-Klinik verletzt wurden und der kleine Riccardo starb, wussten Beamte in Landes- und Bundesbehörden, Mitarbeiter der Ärztekammer, Politiker und Wissenschaftler um die fragwürdige Geschäftspraxis. Niemand hat mehr getan als vorgesehen - man war nicht befugt, heißt es. Oder: Man hätte zunächst eine offizielle Schadensmeldung benötigt. Oder: eine gesetzliche Übergangsfrist habe ein Einschreiten verhindert. Der Ernstfall musste also erst eintreten.
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