Tod in Privatklinik: "Es ist gut, dass dieses Kind gegangen ist"

Von

Jahrelang verdiente das XCell-Center mit wissenschaftlich umstrittenen Therapien viel Geld, erst der Tod eines Kindes bedeutet das Aus für das in die Kritik geratene Unternehmen. Beamte und Politiker wussten längst von der unseriösen Praxis. Eine Ärztin bricht ihr Schweigen.

Fotostrecke

7  Bilder
Privatklinik XCell: Chronologie eines vermeidbaren Todesfalls
Die Liste mutet seltsam an: ein Mercedes-Benz Viano, ein Mercedes Sprinter, ein Computertomograf. Aktenzeichen 75 IN 234/11. Das ist alles, was übrig geblieben ist von XCell, der bis zu ihrer Schließung im Mai 2011 wohl größten und umstrittensten Stammzellen-Klinik Deutschlands.

Die Gläubiger der insolventen XCell kommen aus der ganzen Welt: In der Zeit von 2007 bis 2011 wurden im XCell-Center Menschen mit ihren eigenen Stammzellen behandelt - diese sollten Wunder wirken, warben die Betreiber auf ihrer Webseite. Eltern kamen mit ihren kranken Kindern - geistig oder körperlich behindert, oder beides - medizinisch hoffnungslose Fälle. Verzweifelt waren auch die älteren Patienten über die Leiden, die sie plagten: Multiple Sklerose, Arthrose, Alzheimer.

Die Betreiber von XCell haben gut an diesem Prinzip Hoffnung verdient. Die Patienten, rund 3500 waren es schlussendlich, zahlten zwischen 7000 und 26.000 Euro für eine Behandlung, die bislang erst in wenigen Fällen ihre Heilkraft gezeigt hat. Die meisten Forscher halten sie für unsinnig und riskant.

Im Jahr 2010 kommt es in den angemieteten Klinikräumen in Düsseldorf zu Zwischenfällen. Zwei Kinder erlitten Hirnblutungen, im August 2010 stirbt der zweieinhalbjährige Riccardo S. an den Folgen einer Behandlung. XCell-Neurochirurgin Martina Höfgen (Name geändert) hatte ihm Stammzellen direkt ins Hirn injiziert.

Bis heute sind viele Ereignisse um die umstrittene Klinik nicht aufgeklärt. Bis es zu einem Verfahren kommt, kann es dauern, sagt der leitende Staatsanwalt. Gutachten werden erstellt, solange wird gewartet. So will es das Gesetz. Was aber, wenn zu viele Gesetze notwendiges Handeln verhindern? Wenn es nicht reicht, wenn alle nur ihre Pflicht tun?

Recherchen von SPIEGEL ONLINE zeigen: Lange bevor die beiden Kinder in der Stammzellen-Klinik verletzt wurden und der kleine Riccardo starb, wussten Beamte in Landes- und Bundesbehörden, Mitarbeiter der Ärztekammer, Politiker und Wissenschaftler um die fragwürdige Geschäftspraxis. Niemand hat mehr getan als vorgesehen - man war nicht befugt, heißt es. Oder: Man hätte zunächst eine offizielle Schadensmeldung benötigt. Oder: eine gesetzliche Übergangsfrist habe ein Einschreiten verhindert. Der Ernstfall musste also erst eintreten.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Medizin
RSS
alles zum Thema Stammzellforschung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Stammzellen - die Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
AFP
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese "germline derived pluripotent stem cells" (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens. In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.

Fotostrecke
Räumungsklage: Umstrittene Stammzellklinik ist geschlossen