Thrombose-Risiko Der unwürdige Streit um Bayers Antibaby-Pille

Eine junge Schweizerin nahm die Verhütungspille Yasmin. Sie erlitt eine Lungenembolie, seitdem ist sie schwerbehindert. Die Familie verklagte Hersteller Bayer und verlor. Doch die Diskussion um die Sicherheit der modernen Pillen ist neu entbrannt.

DPA

Bern - Im Streit um die Antibabypille Yasmin bleibt der Pharmakonzern Bayer offenbar hart: Die heute 22-jährige Céline, die seit einer Lungenembolie vor fünf Jahren schwerstbehindert ist, wird wohl keinen Schadensersatz erhalten. Das Schicksal der jungen Schweizerin könne einen "nicht unbewegt lassen", erklärte Barbara Heise, Chefin des Unternehmens in der Schweiz, am Mittwochabend im Schweizer Fernsehen. Aber das Bezirksgericht Zürich habe festgestellt, dass "kein Produktfehler vorliegt". Sollte dies später auch in einem rechtskräftigen Urteil festgestellt werden, müsste sich Bayer nicht an der Pflege beteiligen, man wolle den Fall dann aber neu bewerten.

In der vergangenen Woche hatte das Obergericht Zürich die Schadensersatzklage von Célines Familie gegen den Pharmakonzern abgelehnt. Sie soll nun 120.000 Franken (rund 100.000 Euro) Prozesskosten an Bayer zahlen. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, die Familie ging in Berufung. Doch die Diskussion über die Sicherheit der modernen Verhütungspillen ist neu entbrannt.

Seit Jahrzehnten verhüten Frauen mit der Pille. Enthielt diese zu Beginn noch 50 Mikrogramm des synthetischen Östrogens Ethinylestradiol, wurde die Dosis mit jeder neuen Generation abgesenkt. Denn der Wirkstoff kann das Risiko erhöhen, eine Thrombose zu erleiden. Wandern dann Blutgerinnsel aus den Venen in die Lunge oder ins Gehirn, kann es zu Embolien oder Schlaganfällen kommen.

Klagen in Frankreich und den USA

Die Pillen der jüngsten Generation, allen voran Yasmin, Yasminelle und Yaz von Bayer, enthalten eine geringe Menge eines Östrogens, zusätzlich künstliche Gestagene wie Drospirenon. Beworben werden sie alle als verträglich, außerdem seien sie gut für Haut und Haar der Frau. Bayer verdient bestens mit diesen Mitteln. 2011 setzte das Unternehmen weltweit mehr als eine Milliarde Euro um. Doch nicht erst seit dem Fall Céline machen die Pillen dem Konzern Ärger.

Anfang des Jahres entschied das französische Gesundheitsministerium, die Verschreibung von Antibabypillen der dritten und vierten Generation einzuschränken. Die Arzneimittelbehörde kam zu dem Schluss, dass diese Verhütungsmittel jährlich für den Tod von 20 Frauen in Frankreich verantwortlich seien. Ausgelöst wurde die Debatte in Frankreich unter anderem durch die im Dezember eingereichte Klage einer jungen Französin gegen Bayer. Danach hatte eine ganze Reihe weiterer Frauen eine Klage angekündigt.

In den USA sah sich Bayer bereits 2011 mit einer Flut von Klagen wegen angeblicher Gesundheitsschäden konfrontiert. Bis Februar wurden dem Konzern nach eigenen Angaben rund 11.300 Klagen zugestellt. Bis Mitte April 2013 hat sich Bayer mit 5700 Klägerinnen verglichen - ohne Anerkennung eines Haftungsrisikos - und dafür 1,18 Milliarden Dollar gezahlt, wie das Unternehmen mitteilte.

"Frauen über 35, die rauchen, sollten nicht Yasmin verwenden", heißt es heute in aktualisierten Warnhinweisen. Weitere Risikofaktoren seien Übergewicht sowie das Vorkommen von Thrombosen und Thromboembolien in der Familie. In der Europäischen Union hatte Bayer bereits 2011 die Erklärungen im Beipackzettel verschärft.

Sammelklagen auch in der Schweiz

Politiker in der Schweiz fordern nun noch schärfere Warnhinweise, auch solche, die - ähnlich denen auf Zigarettenschachteln - direkt auf die Verpackungen der Pillen gedruckt werden. Diskutiert wird außerdem ein gänzliches Verbot und eine Gesetzesänderung, damit in Zukunft Sammelklagen auch in der Schweiz möglich werden.

Im SF1-Interview erklärte Bayer-Landeschefin Heise, sie könne nicht verstehen, warum die Diskussion, ob ihr Konzern auf die Prozesskosten zugunsten der Familie Célines verzichten soll, so intensiv geführt werde. Das Urteil sei ja noch gar nicht rechtskräftig. Außerdem sei es ja so: "Die Crux ist, dass jedes Medikament Nebenwirkungen hat."

Auch bei Bayer in Deutschland verweist man auf Bekanntes: In der wissenschaftlichen Literatur bestehe keine Einigkeit darüber, ob die verschiedenen Gestagene, die in Verhütungsmitteln verwendet werden, zu einem jeweils unterschiedlich hohen Thromboserisiko führen, sagt ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Einige Studien seien zu dem Ergebnis gekommen, dass es keinen Unterschied gebe, andere seien zum gegenteiligen Schluss gekommen. Moderne Hormonpräparate wie Yasmin "gehören zu den sichersten, verlässlichsten und am einfachsten anzuwendenden Methoden, um eine ungeplante Schwangerschaft zu vermeiden".

Das Bundesinstitut für Arzneimittel sieht dies differenzierter: Bereits im "Bulletin zur Arzneimittelsicherheit" (4/2011) sprach sich das Haus deutlich dafür aus, bei der Verordnung der Antibabypille das Risiko einer Thrombose besonders zu berücksichtigen. Junge Frauen, die erstmals per Pille verhüten wollen, sollten lieber Mittel der ersten oder zweiten Generation wählen.

Wie gefährlich sind Antibabypillen?

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.