Zukunft der Medizin: Erbgut-Codes für Jedermann

Die Entzifferung des Erbguts kostet bald so wenig, dass viele Menschen dann über ihren eigenen DNA-Code verfügen, glaubt der Psychologe Steven Pinker. Das verändert die Medizin drastisch - jeder könnte sein eigener Arzt sein.

DNA-Doppelhelix (Zeichnung): Die Genophobie vieler Akademiker wird verschwinden Zur Großansicht
DPA/ Quiagen

DNA-Doppelhelix (Zeichnung): Die Genophobie vieler Akademiker wird verschwinden

Was wird alles verändern?

Wenn Sie unbedingt darauf bestehen: persönliche Genomik?

Ich habe wenig Vertrauen in die Fähigkeiten irgendeines Menschen, vorherzusagen, was alles verändern wird. Ein Blick auf die Zukunftsforschung der Vergangenheit fördert viele ernüchternde Beispiele ans Licht. Von zuversichtlichen Voraussagen technischer Revolutionen, die niemals stattgefunden haben - zum Beispiel kuppelbedeckte Städte, nuklearbetriebene Autos und in Schalen gezüchtetes Fleisch.

Bis zum Jahr 2001 sollten wir, dem gleichnamigen Spielfilm zufolge, den künstlichen Tiefschlaf beherrschen, Missionen zum Jupiter durchführen und menschenähnliche Großrechner haben (allerdings keine Laptop-Computer und keine Textverarbeitung - die Figuren in dem Film verwenden Schreibmaschinen). Und erinnern Sie sich noch an das interaktive Fernsehen, den Internetkühlschrank und das papierlose Büro?

Die zweite feministische Revolution hat niemand vorhergesehen

Die Technik kann vielleicht alles verändern, aber es ist unmöglich vorherzusagen, wie sie das tun wird. Schauen wir uns einen anderen Aspekt an, bei dem "2001 - Odyssee im Weltraum" danebenlag: Die amerikanischen Frauen in dem Film waren "weibliche Assistentinnen": Sekretärinnen, Empfangsdamen und Flugbegleiterinnen. Noch im Jahr 1968 haben die wenigsten Menschen die zweite feministische Revolution vorausgesehen, die in den siebziger Jahren alles verändern sollte. Dabei hatte die Revolution ihre Wurzeln durchaus auch im technischen Wandel. Nicht nur, dass orale Verhütungsmittel den Frauen die Möglichkeit gaben, den Zeitpunkt ihrer Mutterschaft selbst zu bestimmen. Auch eine Vielzahl vorangegangener Technologien (sanitäre Anlagen, Massenfertigung, moderne Medizin, die Stromversorgung) hatte die Arbeiten im Haushalt erleichtert, die Lebenserwartung verlängert und die Grundlage der Wirtschaft von der körperlichen hin zur geistigen Arbeit verlagert. Dadurch wurden Frauen kollektiv von der Rund-um-die-Uhr-Erziehung der Kinder emanzipiert.

Die Auswirkungen der Technik hängen nicht nur davon ab, was Geräte leisten können, sondern auch davon, wie Milliarden von Menschen deren Kosten und Nutzen beurteilen. (Wollen Sie tatsächlich eine Hotline anrufen müssen, um einen Programmierfehler Ihres Kühlschranks beheben zu lassen?) Sie hängen auch von zahllosen nichtlinearen Netzwerkeffekten, versteckten Folgen und ähnlich lästigen Faktoren ab. Die Beliebtheit von Babynamen (Mildred, Deborah, Jennifer, Chloe) und die aktuelle Mordrate (Rückgang in den Vierzigern, Zunahme in den Sechzigern, erneuter Rückgang in den Neunzigern) sind nur zwei von vielen sozialen Trends, die wild hin und her schwanken, und dabei allen Bemühungen der Sozialwissenschaftler trotzen, sie im Nachhinein zu erklären, geschweige denn sie vorherzusagen.

Genomik für Endverbraucher

Wenn Sie aber unbedingt darauf bestehen. Im vergangenen Jahr haben wir erstmals gesehen, dass Genomik unmittelbar für Endverbraucher angeboten wurde. Eine Reihe neuer Firmen wurde jüngst gegründet. Dort bekommt man alles: von der vollständigen Sequenzierung des eigenen Genoms (für lässige 350.000 US-Dollar), [ mittlerweile wurde ein Genom für rund 4000 US-Dollar sequenziert, Anm. d. Red.] über einen Abgleich mit mehr als einhundert mendelschen Erkrankungsgenen, bis hin zu einer Liste von Merkmalen, Erkrankungsrisiken und Abstammungsdaten.

Hier einige mögliche Folgen:

• Eine individualisierte Medizin. Medikamente werden anhand der molekularen Begebenheiten des Patienten verschrieben werden, statt mittels Versuch und Irrtum. Empfehlungen zur Prophylaxe und Früherkennung werden auf diejenigen beschränkt werden, die am meisten davon profitieren.

• Das Ende vieler Erbkrankheiten. So wie das Tay-Sachs-Syndrom in den Jahrzehnten nahezu ausradiert wurde, seitdem sich die Aschkenasim auf dieses Gen haben testen lassen, so wird ein universeller Test Hunderte anderer Erbkrankheiten ausradieren.

• Es wird eine allgemeine Kranken-, Berufsunfähigkeits- und Pflegeversicherung geben. Vergessen wir die politischen Debatten über die Sozialisierung der Medizin. Wenn Verbraucher mit dem höchsten Risiko mit großzügigen Policen aufstocken können, während diejenigen mit geringerem Risiko mit dem absoluten Minimum auskommen, werden Versicherungen nach dem Cafeteria-Modell versicherungsmathematisch nicht mehr tragfähig sein.

• Das Ende der Genophobie vieler Akademiker und Experten. Deren Doktrin des unbeschriebenen Blattes wird zunehmend unglaubwürdiger werden, je mehr die Menschen darüber erfahren, wie Gene ihr Temperament und ihre kognitiven Fähigkeiten beeinflussen.

• Die ultimative Selbstbestimmung des medizinischen Verbrauchers. Er wird sein eigenes Erkrankungsrisiko kennen und sich die passende Therapie selbst suchen. Er wird sich nicht mehr auf Vermutungen und Rituale eines patriarchalischen Hausarztes verlassen müssen.

Und dann wiederum: Vielleicht wird das alles aber auch nicht eintreten.

Aus dem Englischen von Daniel Bullinger

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insgesamt 17 Beiträge
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1. .
reuanmuc 15.11.2009
Zitat von sysopDie Entzifferung des Erbguts kostet bald so wenig, dass viele Menschen dann über ihren eigenen DNA-Code verfügen, glaubt der Psychologe Steven Pinker. Das verändert die Medizin drastisch - jeder könnte sein eigener Arzt sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,660844,00.html
Wer sein eigenes Genom kennt, wird nicht mehr den Mut haben, Kinder mit diesem fehlerhaften Genom in die Welt zu setzen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man es interpretieren kann. Genau das aber wird sehr unwahrscheinlich sein. Insofern bleibt alles beim alten.
2. zu spekulativ :-)
Antje Technau 15.11.2009
Zitat von sysopDie Entzifferung des Erbguts kostet bald so wenig, dass viele Menschen dann über ihren eigenen DNA-Code verfügen, glaubt der Psychologe Steven Pinker. Das verändert die Medizin drastisch - jeder könnte sein eigener Arzt sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,660844,00.html
nein. Dazu wird man nach wie vor Medizin studiert haben müssen :-) möglich. Allerdings könnte die individualisierte Medizin schlicht am Kostenfaktor scheitern. niemals. Mutationen traten bei jeder Generation neu auf. Bestenfalls liesse sich durch Gentests bei Paaren, die gerne ein Kind hätten, das potentielle Risiko ein erbkrankes Kind zu bekommen, abschätzen. Aber Mutationen treten in jeder Generation auch de novo auf - sonst gäbe es schon lange keine Trisomie 21/Down's Syndrome-Kinder mehr. nur wenn die Politik festlegt, dass Versicherungen JEDEN zu nehmen haben, auch Personen, bei denen die künftigen kostenintensiven Krankheiten schon im Erbgut prädispositioniert sind. auch das kann man vergessen siehe oben. Ohne ein Medizinstudium wird auch der Patient der Zukunft seine Therapie nicht selbst wählen können. Schlichtweg weil er keine Ahnung davon hat, was man wie und wieso heilen kann.
3. Aha.
mapuo 15.11.2009
Zitat von sysopDie Entzifferung des Erbguts kostet bald so wenig, dass viele Menschen dann über ihren eigenen DNA-Code verfügen, glaubt der Psychologe Steven Pinker. Das verändert die Medizin drastisch - jeder könnte sein eigener Arzt sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,660844,00.html
Der Spiegel zitiert einen Psychologen, der uns die Zukunft des Gesundheitssystems vorhersagt. Was kommt als naechstes? Ein Tennisspieler, der Wirtschaftsprognosen abgibt? Ein Arzt, der der das Wetter vorhersagt? Die unterbreiteten Thesen sind biologisch und medizinisch im wohlwollenden Fall naiv, eher aber falsch. Die Untermischung mit Anspielungen auf Science Fiction klingt da schon passender. Aber war dafuer nicht seinerzeit das P.M. Magazin zustaendig? Und dann wiederum: Vielleicht wird das alles aber auch nicht eintreten.
4. Hintergrundinformationen zu DNA-Tests
tobitas 15.11.2009
Hier zwei Artikel mit vielleicht etwas mehr Hintergrund zur Kommerzialisierung von DNA-Tests: http://www.scienceblogs.de/weitergen/2009/11/krankheiten-vorhersagen-23andme-navigenics-und-decodeme.php http://www.scienceblogs.de/weitergen/2009/11/die-risiken-des-wissens-wie-sind-meine-dna-daten-geschutzt.php
5. .
Antje Technau 15.11.2009
Zitat von reuanmucWer sein eigenes Genom kennt, wird nicht mehr den Mut haben, Kinder mit diesem fehlerhaften Genom in die Welt zu setzen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man es interpretieren kann. Genau das aber wird sehr unwahrscheinlich sein. Insofern bleibt alles beim alten.
es gibt kein . Wir alle haben Mutationen, in denen sich unsere Gene von denen unserer Eltern unterscheiden. Zum besseren oder schlechteren. Insofern müssten sich nur Personen Gedanken machen, die wissen dass sie Träger von Erbkrankheiten sind. Und selbst diese finden ihre Erbkrankheiten (Gehörlosigkeit, Zwergwuchs, etc.) mitunter so toll, dass sie die Methode der Pränataldiagnostik nutzen, um diejenigen ihrer Embryonen auszusuchen und sich einpflanzen zu lassen, die garantiert die Erbkrankheit haben. Und nicht etwa diejenigen, die die Erbkrankheit nicht haben. Wanting Babies Like Themselves, Some Parents Choose Genetic Defects (http://www.nytimes.com/2006/12/05/health/05essa.html?sq=achondroplasia&st=cse&scp=39&pagewanted=print)
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Der Autor
Der Experimentalpsychologe Steven Pinker ist Johnstone Family Professor am Department of Psychology der Harvard University. Zu seinen Publikationen gehören "Der Sprachinstinkt. Wie der Geist die Sprache bildet", "Wie das Denken im Kopf entsteht", "Wörter und Regeln. Die Natur der Sprache" und "Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur".
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