Zurückgezogene Studie: Das offizielle Ende eines Forschungsskandals

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Die Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln soll Autismus auslösen. Das war das Ergebnis einer Studie vor zwölf Jahren. Jetzt hat "The Lancet" die Veröffentlichung zurückgezogen. SPIEGEL ONLINE über die Chronologie eines Falls von wissenschaftlichem Fehlverhalten und seinen drastischen Folgen.

Schutzimpfung für Kinder: Manche Eltern haben Angst vor den Folgen des Pieks Zur Großansicht
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Schutzimpfung für Kinder: Manche Eltern haben Angst vor den Folgen des Pieks

Diese Geschichte sollte allen Beteiligten eine Lehre sein - Wissenschaftlern, Redakteuren von Fachmagazinen, Laien, Impfgegnern und den Medien gleichermaßen. Es geht um eine Veröffentlichung eines Forscherteams um Andrew Wakefield, die 1998 im Fachblatt "The Lancet" erschienen war und die in den darauffolgenden Jahren für enormen Wirbel mit ungeahnten Konsequenzen sorgte. Am Dienstag hat das medizinische Fachmagazin diese Studie nun offiziell zurückgezogen.

In der "Lancet"-Studie behaupteten Wakefield und seine Kollegen, die Dreifachimpfung gegen die Kinderkrankheiten Masern, Mumps und Röteln (MMR) führe möglicherweise zu Autismus. Die Ergebnisse fußten auf der Untersuchung von zwölf britischen Kindern: Bei acht von ihnen haben die Wissenschaftler das autistische Verhalten im unmittelbaren Zusammenhang mit der MMR-Impfung stellen können.

Der Grund für die Entscheidung von "The Lancet", die Studie zurückzuziehen, ist eine Untersuchung der britischen Ärztekammer, dem General Medical Council (GMC), in der von "unethischen Forschungsmethoden" und einen "gefühllosen" Umgang mit Kindern die Rede ist. Zudem kritisiert das Gremium, Wakefield habe seine Forschungsergebnisse in "unehrlicher" und "unverantwortlicher" Weise dargestellt. "Mehrere Elemente" der Studie seien "unrichtig", erklärte "The Lancet".

Zwölf Jahre sind seit der Veröffentlichung der Studie und der Entscheidung von "The Lancet" vergangen. In der Zwischenzeit aber ist viel passiert.

Mediensturm verunsichert Eltern

Zwar schlug die Veröffentlichung zunächst keine großen Wellen. Zwei Jahre später aber legte Wakefield nach und äußerte sich erneut öffentlich in dubiosen Fachmagazinen über die angeblich zunehmende Sorge von Wissenschaftlern gegenüber der MMR-Impfung. Die Konsequenz: Das Royal Free Hospital trennte sich von dem Chirurgen, der an der medizinischen Fakultät des Hospitals eine Arbeitsgruppe geleitet hatte.

Was folgte, war eine Kontroverse und Hysterie enormen Ausmaßes: Getrieben von dem Sturm der britischen Medien, die in allen Facetten über die MMR-Story und Wakefield berichteten, lehnten immer mehr sorgende Eltern die Impfung für ihre Kinder ab. Zeitweilig sanken die Impfraten in Großbritannien von 92 Prozent auf ein Rekordtief von 79 Prozent. Und im März 2006 kam es sogar zu einem tragischen Todesfall: Ein Kind starb an den Masern - erstmals nach 14 Jahren.

Bis heute sind die Folgen der Veröffentlichung Wakefields zu spüren: Auch in Deutschland werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nur etwa 80 Prozent der Kleinkinder geimpft. Dabei war es das ursprüngliche Ziel der WHO, in Europa die Masern bis 2010 ausgerottet zu haben. Doch der Plan ist gescheitert. In vielen der 53 Länder der WHO-Europaregion ist die Impfrate nicht annähernd hoch genug, um die hochansteckende Krankheit zu eliminieren.

Vor allem zwei Gründe macht die WHO dafür aus: Zum einen würden viele Menschen die Krankheit verharmlosen - dabei kommt es bei rund einem Viertel der Erkrankten zu Komplikationen. Meistens handelt es sich zwar nur um Durchfall oder behandelbare Entzündungen. Doch auch gefährliche Entzündungen der Hirnhaut oder des Gehirns können auftreten. Nach WHO-Angaben sterben weltweit täglich rund 450 Menschen, meist Kinder unter fünf Jahren, an Masern. In Nordrhein-Westfalen kam es vergangenes Jahr zu einer Masernepidemie, bei der zwei Kinder starben.

Finanzielle Verstrickungen in Millionenhöhe

An der Angst vor der MMR-Impfung änderte auch die Tatsache nicht viel, dass sich bereits 2004 zehn der dreizehn Studienautoren teilweise von den Schlussfolgerungen des Wakefield-Artikels distanzierten. Zuvor hatte die "Sunday Times" brisante Details zur Studie des britischen Chirurgen ans Tageslicht gebracht und finanzielle Verstrickungen offengelegt. So hatte der Journalist Brian Deer herausgefunden, dass Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen den Dreifachimpfstoff aussprachen, umgerechnet etwa eine Gesamtsumme von 3,5 Millionen Pfund für Beratertätigkeiten, Gutachten und Forschungsaufträgen erhalten hatten.

Allein an Wakefield soll rund eine halbe Million Pfund gegangen sein. Mit 40.000 Pfund habe auch einer der Gutachter, der seinerzeit die Veröffentlichung für "The Lancet" prüfte, auf der Liste der Begünstigten gestanden. Darüberhinaus, so berichtete die "Sunday Times", seien fünf der acht autistischen Kinder gleichzeitig Klienten der Anwaltskanzlei gewesen, die eine Schadensersatzklage gegen die Hersteller der Impfung plante. Die Gelder hatte einer der Rechtsanwälte, Richard Barr, zusammen mit Wakefield beim Legal Aid Bord beantragt, einer staatlichen Einrichtung, die mittellosen Engländern hilft, bevor Wakefield den Ethikantrag für die Studie einreichte.

Daraufhin machte die britische Ärztekammer GMC Wakefield den Prozess. Mehr als zwei Jahre dauerte die Untersuchung, die vergangenen Donnerstag abgeschlossen wurde ( den vollständigen Bericht des Gremiums finden Sie hier). Es ist die bisher längste Anhörung in der Geschichte des GMC. Und mittlerweile gibt es eine ganze Reihe weiterer Studien, die einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus ausschließen.

Doch wenngleich "The Lancet" als Konsequenz der Anhörung die Studie jetzt - so viele Jahre nach der Veröffentlichung - offiziell zurückgezogen hat. Der Schaden, den die Wakefield-Story angerichtet hat, ist kaum wieder gutzumachen. Eine Lektion aus der Geschichte sollten alle Beteiligten ziehen, Wissenschaftler, Redakteure von Fachmagazinen, Laien, Impfgegner und Journalisten gleichermaßen.

Mit Material von dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
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1. Titelimpfung
Olaf 03.02.2010
Zitat von sysopDie Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln soll Autismus auslösen. Das war das Ergebnis einer Studie vor zwölf Jahren. Jetzt hat "The Lancet" die Veröffentlichung zurückgezogen. SPIEGEL ONLINE über die Chronologie eines Falls von wissenschaftlichem Fehlverhalten und seinen drastischen Folgen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,675592,00.html
Ich glaube nicht, dass da jemand was daraus gelernt hat, wenn ich mir die Hysterie um die Gebärmutterhalskrebs Impfung so ansehe, da scheint sich die Geschichte zu wiederholen.
2. hm, mal ne Frage
harrybr 03.02.2010
Zitat von sysopDie Schutzimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln soll Autismus auslösen. Das war das Ergebnis einer Studie vor zwölf Jahren. Jetzt hat "The Lancet" die Veröffentlichung zurückgezogen. SPIEGEL ONLINE über die Chronologie eines Falls von wissenschaftlichem Fehlverhalten und seinen drastischen Folgen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,675592,00.html
wer zahlt für nicht Impfen? Daran verdient doch keine Firma!
3. Eine Antwort
birnstein 03.02.2010
Zitat von harrybrwer zahlt für nicht Impfen? Daran verdient doch keine Firma!
Wenn nicht geimpft wird, werden mehr Menschen krank und daran vierdient die Pharmaindustrie und die Ärzte.
4. Wieso steht in diesem Artikel ...
browneyes 03.02.2010
... eigentlich nicht wer den hier bezahlt hat? >> So hatte der Journalist Brian Deer herausgefunden, dass Ärzte und Wissenschaftler, die sich gegen den Dreifachimpfstoff aussprachen, umgerechnet etwa eine Gesamtsumme von 3,5 Millionen Pfund für Beratertätigkeiten, Gutachten und Forschungsaufträgen erhalten hatten.
5. ...
Celegorm 03.02.2010
Zitat von harrybrwer zahlt für nicht Impfen? Daran verdient doch keine Firma!
Was für eine bestechende Logik. Nehmen Sie in dem Fall auch keine Antibiotika? Und konsumieren keine Nahrungsmittel? Verdient ja schliesslich auch jemand daran, verdächtig verdächtig.. Im übrigen wäre die Frage eher: Wer muss die Kosten für Nicht-Impfen übernehmen? Denn das ist die Allgemeinheit. Wer hier in erster Linie in fragwürdiger Weise opportunistisch handelt erscheint also relativ klar.
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