Die Augenzeugenberichte klangen dramatisch: Im Weißen Meer, einer großen Bucht im Süden der Barentssee, seien 400.000 junge Robben eingeschlossen, ließ vergangene Woche der russische Forscher Wladimir Potelow verkünden. Aufgrund des kalten Winters und ungünstiger Winde könnten die Tiere nicht wie gewohnt die nahrungsreiche Barentssee erreichen. Mindestens die Hälfte der zwei Monate alten Robben müsse sterben.
Auch die US-Weltraumbehörde Nasa ließ sich nicht lumpen und veröffentlichte ein Foto, das "eine große Eisfläche, die die Robben behindert" zeigen soll. Das Eis "bedrohe", so die Weltraumexperten, die Tiere.
Tierschützer dagegen waren von Anfang an skeptisch. Mascha Worontsowa vom Moskauer International Fund for Animal Welfare, die jetzt das Gebiet überflog, fühlt sich in ihren Zweifeln bestätigt. Sie habe, berichtet die Russin gegenüber dem britischen Magazin "New Scientist", lediglich kleine Gruppen von Robben gesehen. Die Situation sei "völlig normal".
Davon ist auch Peter Prokosch, Chef des Arktis-Programms des World Wide Fund for Nature, überzeugt. "Das war ein großer Bluff." Das russische Forschungsinstitut habe Alarm geschlagen und erst danach angefangen, die Tiere zu zählen.
Warum sich die Russen womöglich den Spott ihrer Kollegen zugezogen haben, darüber können die Tierschützer nur spekulieren. Wahrscheinlich sollten die ohnehin sterbenden Tiere einen Vorwand liefern, um mehr Robben jagen zu können. In Russland wird nach "New Scientist"-Angaben jährlich rund 40.000 jungen und 100.000 ausgewachsenen Robben das Fell abgezogen.
In dieses Bild würde passen, dass erste "Notstands-Empfehlungen" des russischen Forschungsinstituts eine unbegrenzte Jagd auf die Tiere enthielten - möglicherweise ein nicht ganz uneigennütziger Vorschlag: Wie Worontsowa berichtet, finanziert sich die Marine-Forschungseinrichtung zum Teil dadurch, dass sie Jahr für Jahr die Zahl der zu jagenden Robben vorhersagt. Und ein Rückgang der Jagd wurde letztlich auch weniger Geld in den Institutskassen bedeuten.
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