Von Martin Paetsch
Zu Beginn des Jahrhunderts war Ägypten ein Paradies für Paläontologen. Der deutsche Forscher Ernst Stromer von Reichenbach barg nahe der Oase Baharija insgesamt vier neue Saurierarten und Dutzende anderer Fossilien aus dem Wüstenboden. Doch nach seinem Tod im Jahr 1952 geriet die Fundstelle weitgehend in Vergessenheit.
Nun hat ein Team um den amerikanischen Paläontologen Joshua Smith von der University of Pennsylvania den historischen Grabungsort wieder entdeckt - und dabei die Überreste eines riesenhaften, bislang unbekannten Sauriers zu Tage gefördert. Das zu Ehren Stromers auf den Namen Paralititan stromeri getaufte Ungetüm stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" vor.
Zu den wichtigsten Fundstücken zählt ein 1,70 Meter langer Knochen des Vorderbeins, der Rückschlüsse auf die Größe des "Gezeitentitans" erlaubt. Smith und seine Kollegen nehmen an, dass der Pflanzenfresser bis zu 70 Tonnen wog und eine Länge von 30 Metern erreichte. Mit diesen Maßen liegt er nur knapp hinter dem Argentinosaurus, den viele Forscher für den größten Urzeitriesen halten.
Auch die Landschaft, durch die der Sauropode vor rund 95 Millionen Jahren streifte, lässt sich teilweise rekonstruieren. Pflanzenreste in den Gesteinsablagerungen zeigen, dass die Gegend in der ägyptischen Wüste zu Lebzeiten des Sauriers den Mangrovenwäldern des heutigen Floridas ähnelte. Neben den großen Knochen fanden die Forscher Skelette von Fischen, Schildkröten und urzeitlichen Krokodilen.
In dem tropischen Feuchtgebiet lebten Smith zufolge auch drei Arten von Raubsauriern, die in ihrer Größe an den Tyrannosaurus rex heranreichten. Eine solche Bestie hat möglicherweise auch dem Paralititan den Todesstoß versetzt: "Die Teile des Skeletts waren auf eine seltsame Art verstreut, und das Becken war in Stücke gerissen", berichtet Smith.
Unter den zahlreichen Fossilien, die noch untersucht werden, könnten sich auch Knochen jener Saurierarten befinden, die Ernst Stromer bei seinen Grabungen entdeckt hatte. Eine von ihnen war der Aegyptosaurus baharijensis, der wie Paralititan zu den Titanosauriden zählt. Der Forscher hatte das Skelett in den dreißiger Jahren nach München gebracht, wo es einen prominenten Platz in der Bayerischen Staatssammlung erhielt. Zusammen mit vielen anderen Fundstücken Stromers wurde es 1944 bei einem Bombenangriff der Alliierten zerstört.
Die bewegte Entdeckungsgeschichte der ägyptischen Saurier bildet auch den Stoff für eine zweistündige Dokumentation, die das Leben des Paralititan mit aufwendigen Computeranimationen rekonstruiert. Die Firma Cosmos Studios hatte bereits die erste Expedition von Smith finanziert. Ihre in Ägypten, Deutschland und den USA gedrehte Produktion mit dem Titel "The Lost Dinosaurs of Egypt" soll im Herbst zunächst über den amerikanischen Kabelsender A&E Television Networks ausgestrahlt werden.
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