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21.06.2002
 

Stammzellen

Auch im Knochenmark leben Alleskönner

Die umstrittenen embryonalen Stammzellen könnten Konkurrenz bekommen: Auch Zellen des Knochenmarks verfügen, wie Forscher jetzt demonstriert haben, über beeindruckende Fähigkeiten.

Stammzellen aus dem Knochenmark können sich zu fast allen Gewebearten des Körpers wie Nerven-, Muskel- oder Leberzellen entwickeln. Das zeigen Tierversuche, über die ein US-Forscherteam von der University of Minnesota in einer Online-Vorabveröffentlichung des Fachjournals "Nature" berichtet.

Bislang waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass nur embryonale Stammzellen diese Vielseitigkeit besitzen. Das Team um Catherine Verfaillie ist hingegen davon überzeugt, dass die Zellen aus dem Knochenmark bei der Entwicklung von Therapien eine ethisch unbedenkliche Alternative zu den embryonalen Stammzellen darstellen.

Verfaillie und ihre Kollegen hatten für ihre Studie die Knochenmarkszellen von Menschen und Ratten kultiviert und daraus so genannte multipotente adulte Vorläuferzellen oder MAPCs ("Multipotent Adult Progenitor Cells") gewonnen. In Laborversuchen konnten sich diese seltenen Zellen praktisch unbegrenzt teilen, zudem ließen sie sich in verschiedene andere Zelltypen umwandeln.

In Tierexperimenten injizierten die Wissenschaftler die adulten Vorläuferzellen in frühe Mäuse-Blastozysten, also aus wenigen Zellen bestehende Embryonen. Die spätere Untersuchung der wenige Wochen alten Nager ergab, dass diese Zellen zu den meisten - wenn nicht gar allen - Gewebearten des Körpers beitrugen. Aus embryonalen Stammzellen können hingegen sicher alle Zellarten entstehen.

Die Forscher hoffen, dass sich die MAPCs in Zukunft bei der Behandlung von vielen Krankheiten, darunter etwa erbliche Störungen des Enzymhaushaltes oder Muskelschwund, einsetzen lassen. Allerdings, so schränkt Verfaillie ein, seien noch viele Tests nötig, um das Potenzial dieser Zellen genau zu untersuchen.

Eine weitere "Nature"-Studie deutet darauf hin, dass auch embryonale Stammzellen nicht außer Acht gelassen werden sollten. Wie ein US-Forscherteam um Ron McKay vom National Institute of Neurological Disorders and Stroke in Bethesda berichtet, können die Zellen im Tierversuch die Symptome der Parkinsonschen Krankheit lindern.

Aus kultivierten embryonalen Stammzellen hatten die Wissenschaftler eine große Zahl von Dopamin produzierenden Nervenzellen gewonnen, die im Gehirn von Parkinson-Patienten im Verlauf der Krankheit absterben. Die Neuronen pflanzten McKay und seine Kollegen Mäusen ein, die eine vergleichbare Störung im Gehirn aufwiesen.

Wie die Forscher feststellten, funktionierten die implantierten Dopamin-Neuronen in der neuen Umgebung normal - sie produzierten den Botenstoff. In Verhaltenstest zeigten die so behandelten Ratten deutliche Anzeichen einer Besserung. Trotz der ermutigenden Ergebnisse müssten zusätzliche Langzeituntersuchungen vorgenommen werden, räumt das Team ein. Beispielsweise könnten bei dem Verfahren langfristig Tumore entstehen.

"Ohne Zweifel werden diese zwei Studien die Debatte über die jeweiligen Vorzüge von embryonalen und adulten Stammzellen wieder anheizen", kommentiert Natalie DeWitt, Biologie-Expertin von "Nature", die Arbeiten. "Zusammen unterstreichen sie aber das außergewöhnliche Potenzial der Stammzellen und die Notwendigkeit weiterer Forschungen in allen Bereichen der Stammzell-Biologie."

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