Hamburg - Erst kribbelten die Beine, dann zuckte der ganze Körper, schließlich war die Kaffeetasse mit beiden Händen nicht mehr zu halten. Die 49jährige Frau aus Bonn, die ihren Namen nicht nennen will, ist krank. Seit 13 Jahren kämpft sie mit immer neuen Beschwerden. Sie leidet unter dem Chronischen Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome - CFS). Doch was sie als Krankheit bezeichnet, ist bei den Ärzten umstritten. CFS ist körperlich nicht eindeutig nachweisbar, und gegen eine psychotherapeutische Behandlung ihrer Leiden sperren sich viele Betroffenen. Der CFS-Verein Fatigatio mit Sitz in Bonn schätzt die Zahl der Kranken in Deutschland auf rund 300.000. Am 12. Mai fordern sie zum Internationalen CFS-Tag mehr Verständnis für ihre Krankheit.
"Alle Patienten fühlen sich subjektiv stark beeinträchtigt, aber es wird medizinisch nichts gefunden", erklärt der Neurologe der Universität Mainz, Wilfred Nix, das CFS-Phänomen. Das Erschöpfungssyndrom werde über eine Ausschlußdiagnose festgestellt, bei der nach allen möglichen Krankheiten gesucht werde. Bleibe am Schluß keine übrig, könne die Diagnose CFS heißen. Nix hat sich auch im Auftrag der Bundesregierung mit der Erschöpfungskrankheit auseinandergesetzt und kommt zu dem Schluß: "Die Krankheit muß im gesellschaftlichen Kontext verstanden werden." Viele Menschen fühlten sich von der Reizüberflutung überfordert und würden krank. Ein psychologischer Hintergrund könne nicht ausgeschlossen werden.
Das Forschungsinstitut für Psychobiologie und Psychosomatik der Universität Trier untersucht seit einem Jahr unter CFS leidende Patienten. "Die Krankheit hat keine nachweisbare organische oder psychische Verursachung", sagt der Psychologe Jens Gaab. Viele Betroffene hätten vor Beginn der Beschwerden unter starken beruflichen Belastungen gelitten. "Bei den meisten fing alles mit einer Infektion an, die dann nicht mehr wegging." Die Trierer vermuten nun Veränderungen im Zusammenspiel von Hormon- und Immunsystem als mögliche Ursache der Beschwerden. Die Behandlung sei schwer. "Viele Patienten und Ärzte sind hilflos." Gewisse Erfolge seien mit einer Hormonsubstitution und verhaltensmedizinischer Betreuung erzielt worden.
Verdeckte Depressionen als Ursache der Krankheit vermutet dagegen der Leiter der Psychiatrie am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf, Dieter Naber. "Die Menschen wollen sich aber von keinem Psychologen behandeln lassen." Sie suchten vielmehr Heilung bei Immunologen, weil sie die Gründe ihres Leidens in Umwelteinflüssen vermuteten. "Dabei sind Leib und Seele nicht voneinander zu trennen", sagt Naber. Das chronische Erschöpfungssyndrom sei auch eine Modeerscheinung. "Je mehr darüber berichtet wird, um so mehr werden die Leute die Krankheit an sich entdecken."
Die Bonnerin hat sich nach gescheiterten Therapien mit der Krankheit arrangiert. Seit sieben Jahren ist sie Frührentnerin. "Ich finde wichtige Unterstützung bei Selbsthilfegruppen." Sie ist eines von 700 Mitgliedern des Fatigatio-Vereins. Neurologe Nix ist skeptisch gegenüber den Selbsthilfeinitiativen: "Da gibt es viele, die sich darüber ausleben und nur noch über die Ärzte schimpfen." Dann drohe die Erschöpfung wirklich chronisch zu werden.
Von Florian Frank
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