Von Vlad Georgescu und Marita Vollborn
Mit Functional Food ist, so scheint es, alles möglich: Probiotika ertüchtigen gestresste Manager, Cholesterin senkende Margarine hilft dem Herzen auf die Sprünge, diätetische Lebensmittel beugen Krebsgeschwulsten vor - so jedenfalls suggeriert die Werbung der Hersteller. "Lebensmittel, die dem Esser ein gutes Gefühl und ein reines Gewissen vermitteln, haben Hochkonjunktur", konstatiert Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn.
Probiotische Joghurts im Supermarkt: Schutz vor "unerwünschten Bakterien"
"Die großen Lebensmittel- und Pharmakonzerne wittern in Functional Food ein großes Geschäft", bringt es der staatliche Schweizerische Nationalfonds auf den Punkt. Die hohen Erwartungen stützt auch die Delphi-Studie 2002: Das Trendorakel prognostiziert der funktionellen Kost in Deutschland eine Verdoppelung des Marktanteils von derzeit zwei auf über vier Prozent im Jahr 2011.
Dabei ist längst nicht alles unbedenklich und wirksam, was als gesundheitsförderndes Lebensmittel in den Regalen steht, wie Hans-Peter Lipp, Chefapotheker an der Universitätsklinik Tübingen, zu bedenken gibt: "Die saubere klinische Erwiesenheit halte ich in vielen Fällen für nicht gegeben".
Das Beispiel der Isoflavone zeigt das Dilemma. Die pflanzlichen Stoffe mit hormonähnlicher Wirkung sind in recht großen Mengen - etwa drei bis vier Milligramm je Gramm Protein - in der Sojabohne enthalten. Studien hatten ergeben, dass Brust- und Prostatakrebs in den westlichen Industriestaaten bis zu achtmal häufiger auftreten als in Ländern, in denen vor allem Soja verzehrt wird. Bis zu 50 Milligramm Isoflavone nehmen Asiaten mit der täglichen Nahrung auf; Europäer liegen mit weniger als fünf Milligramm weit darunter.
Der Umkehrschluss war schnell gefasst: Soja bekämpft Krebs. Zu schnell, wie sich herausstellte. Denn die Wirkung der Isoflavone ist von vielen Faktoren abhängig, im Wesentlichen vom Entwicklungsstadium des Organismus. So verringert das Pflanzenhormon zwar die mitunter Brustkrebs fördernden Östrogene im weiblichen Körper - die chemische Ähnlichkeit trickst den Organismus aus und lässt ihn, wenn genug Isoflavon vorhanden ist, weniger Östrogen produzieren. "Allerdings nur bis zu den Wechseljahren der Frau", erklärt Lipp. "Danach können Isoflavone die Rolle der vom weiblichen Organismus nicht mehr hergestellten Östrogene einnehmen und damit selbst Krebs auslösen."
So stellten die Wissenschaftler fest, dass bei erwachsenen Mäusen mit implantierten Brustkrebszellen tatsächlich Tumoren zu wuchern begannen, nachdem die Tiere speziell präpariertes Futter fraßen. Es enthielt das hochgelobte Soja-Isoflavon Genistein.
Trotzdem vertreiben Apotheken bundesweit und rezeptfrei Lebensmittel, die das Gegenteil suggerieren. Der in Langenfeld ansässige Hersteller Orthomol empfiehlt sein Produkt Orthomol Flavon F zur "diätetischen Behandlung ernährungsbedingter Dysbalancen bei Frauen, die brustkrebsgefährdet sind". Das Gegenstück Orthomol Flavon M soll sich, so die Firma, "zur diätetischen Behandlung für Erwachsene mit Prostatakrebs" eignen.
Angesprochen auf die noch offenen Sicherheitsfragen verschiedener Behörden reagiert das Unternehmen gelassen. Eine vierköpfige internationale Expertenrunde, so Orthomol, habe die Unbedenklichkeit der Pflanzeninhaltsstoffe attestiert. "Die Unterzeichner weisen ausdrücklich darauf hin, dass basierend auf den zur Verfügung stehenden Daten kein Grund besteht, Frauen mit Brustkrebs vom Konsum sojahaltiger Nahrungsmittel abzuhalten", teilt die Firma mit.
Die Fachleute selbst gelangen zu einem differenzierteren Bild: "Weitere Studien sind nötig, um herauszufinden, ob Soja und Isoflavone gegen Brustkrebs schützen", heißt es in dem Papier. Auch auf Bedenken des zur US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration zählenden National Center for Toxicological Research weisen die Experten hin.
"Orthomol ist ein klassischer Problemfall der Functional Foods", urteilt die Privatdozentin Sabine Kulling vom Institut für Ernährungsphysiologie der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe. Da das Mittel als Lebensmittel verkauft wird und deshalb nicht den strengen Vorschriften des Arzneimittelrechts unterliegt, ist der Hersteller automatisch vom Wirkungsnachweis entbunden. Jahrelange, kostenintensive klinische Studien nach den Standards der pharmazeutischen Industrie sind keine Pflicht.
Damit nicht genug: Mit einer neuen europäischen Basisverordnung vom 28. Januar 2002, Juristen unter der Nummer VO (EG) 178/2002 bekannt, gilt alles, was aufgenommen wird, als Lebensmittel - ganz gleich, ob auf üblichem Wege oral, dermal oder gar anal, wie der auf Lebensmittelrecht spezialisierte Anwalt Hagen Meyer aus München bemerkt.
Die Definition hat es in sich, denn Lebensmittel bedürfen generell keiner Zulassung, um ins Supermarktregal zu gelangen. Und das, obwohl sie zum Teil Wirkstoffe enthalten, die wie Isoflavone vehement in die Biochemiefabrik des menschlichen Körpers eingreifen. "In Europa gibt es derzeit keine anerkannte rechtliche Definition für Functional Food, und für deren Zulassung besteht bislang keine spezifische regulative Richtlinie", beschreibt Elke Trautwein, Privatdozentin am Unilever Nutrition Center im niederländischen Vlaardingen, die Lage.
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