Von Vlad Georgescu und Marita Vollborn
Was die Ausweitung des Begriffes "Lebensmittel" nach sich zieht, können Verbraucher weltweit in Supermärkten beobachten. Sie sehen sich mit einer Vielzahl von Zwittern aus Nahrung und Medikament konfrontiert, die allesamt eines gemeinsam haben: Sie versprechen Gesundheit ohne Verzicht.
Während Medikamente wie Bayers skandalträchtiger Cholesterinsenker Lipobay erst nach nahezu einem Jahrzehnt Forschungsarbeit zugelassen werden können, genügen der Lebensmittelindustrie oft Beobachtungszeiträume von einigen Monaten und Probandengruppen von jeweils rund 100 Menschen, um dem Produkt Unbedenklichkeit zu bescheinigen. "Es geht nicht um das Innovative, sondern darum, die Kassen klingeln zu lassen", urteilt daher Reinhard Neubert, Professor am Pharmazeutischen Institut der Universitätsklinik Halle.
Neben den vielen offenen Fragen stellt sich ein weiteres Problem, das Ernährungswissenschaftlern Grund zur Sorge gibt: Der Verbraucher wird zur Selbstmedikation ermutigt und dazu, lieber in den Supermarkt als zum Arzt zu gehen. "Bei Functional Food ist die Gefahr gegeben, dass gerade Risikopatienten sich in trügerischer Sicherheit wägen", meint Jörg Häseler, Lebensmittelchemiker am Deutschen Institut für Ernährungsforschung.
Wie sorglos dabei die Hersteller oft mit Zusatzstoffen umgehen, musste auch Verbraucherschutzministerin Künast (Grüne) erfahren. Nahrungsmittel sollten künftig nicht mehr als zwei Milligramm Beta-Carotin pro 100 Gramm Nahrungsmittel enthalten, kündigte die Ministerin auf Anraten ihrer Fachleute im Juli dieses Jahres an. In isolierter Form steht die Substanz im Verdacht, bei Aufnahme größerer Mengen über einen längeren Zeitraum Krebs zu verursachen. Doch Beta-Carotin, auch Provitamin A genannt, wird seit Jahrzehnten in Lebensmitteln als Farbstoff verwendet. Auch so genannte ACE-Produkte mit hohem Vitamingehalt, zu denen Bonbons, Riegel oder Drinks gehören, sind oft mit Beta-Carotin angereichert.
Ohnehin funktioniert am Functional Food die Werbung oft besser als das Produkt. Nahezu 70 Prozent der Verbraucher fühlen sich besser, wenn sie "gesunde" Lebensmittel essen, weiß Michael Gusko, Geschäftsführer des VK Mühlen Food Service in Hamburg, zu berichten. Das Functional-Food-Unternehmen gehört zu Europas größtem Mehlproduzenten VK Mühlen, der auf Gesundheitsbackwaren wie das mit Fettsäuren angereicherte Omega-3-Brot setzt.
Der Umfrage zufolge glauben zwei Drittel der Konsumenten sogar, wegen stressiger Lebensgewohnheiten auf Functional Food angewiesen zu sein. Zu Unrecht, wie Helmut Erbersdobler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, meint: "Zahlreiche spektakuläre Angebote in der Praxis sind wissenschaftlich fragwürdig. Darin unterscheidet sich Functional Food nicht von den üblichen Lebensmitteln - nur wird es hier gefährlicher." Über die toxischen Nebeneffekte der rund 30.000 potenziell bioaktiven so genannten sekundären Pflanzenstoffe sei noch wenig bekannt, meint Ebersdobler. Das konventionelle Angebot an Nahrungsmitteln reiche absolut aus, um auch ohne Ergänzungsmittel gesund zu bleiben.
In Anbetracht eines geschätzten Marktvolumens von weltweit über 200 Milliarden US-Dollar sehen das einige Hersteller, wie zum Beispiel das in Südkorea angesiedelte Unternehmen Seoul Milk, anders. Die Großmolkerei entwickelte einen Trinkjoghurt, der unter anderem die Aminosäure Taurin und den Aminosäurenkomplex Glutathion enthält. Der Name des probiotischen Getränks verspricht die Erfüllung für jeden Functional-Food-Anhänger: "Never Die".
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