Bei unseren prähistorischen Verwandten dürfte es regelmäßig auf dem Speiseplan gestanden haben: Menschenfleisch. Das zumindest behauptet John Collinge vom University College in London. Zusammen mit Kollegen berichtet der Anthropologe im Wissenschaftsmagazin "Science" über neue Erkenntnisse zu urzeitlichem Kannibalismus und dessen Folgen für die Gesundheit der Menschenfresser.
Demnach haben sich im Laufe der Geschichte Gene stark verbreitet, die vor so genannten Prionenkrankheiten schützen. Die krank machenden Eiweiße, die auch für BSE und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit verantwortlich sind, werden in der Regel durch infiziertes Fleisch übertragen. Daher liege, so die Forscher, Kannibalismus als Erklärung der neuen Erkenntnisse nahe. Auch Schnittspuren an Neandertaler-Knochen und biochemische Untersuchungen versteinerter Fäkalien deuteten darauf hin.
Dafür, dass sich die Anti-Prionen so rasch und effektiv verbreitet haben, war offensichtlich natürliche Selektion verantwortlich: Prähistorische Menschen hatten bessere Chancen, die epidemieartig auftretenden Prionenerkrankungen zu überleben, wenn sie das schützende Gen in sich trugen.
"Diese Selektion geschah möglicherweise schon früh während der Evolution der modernen Menschen - lange bevor sich die Menschheit über den gesamten Planeten verteilte", sagt Collinge. Bis zu 500.000 Jahre alt könnten die Veränderungen im Erbgut sein.
Anscheinend zählt beim Schutz gegen Prionenkrankheiten die genetische Mischung: Menschen mit einer normalen und einer mutierten Variante eines bestimmten Prionenproteins scheinen gegen Creutzfeldt-Jakob weitgehend immun. Bei Untersuchungen von mehr als 2000 Erbgut-Proben stellten Collinge und Kollege fest, dass Kombinationen aus mutierten und nicht-mutierten Proteinen weltweit in allen Kulturen anzutreffen sind.
Besonders weit verbreitet sind sie allerdings in einem Stamm im Hochland Papua-Neuguineas, der Anfang der letzten Jahrhunderts von einer schlimmen Prionen-Epidemie heimgesucht wurde. Dort war der Brauch weit verbreitet, bei Beerdigungen die sterblichen Überreste der Verwandten zu verspeisen. Erst als die australischen Behörden 1950 den Kannibalismus stoppten, ging auch die Zahl der Prionenerkrankungen zurück.
Alexander Stirn
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